Die Revolution frisst ihre Kinder

Ateliergenossenschaft in der Klosterkirche auf dem Kasernenareal fürchtet um ihre Zukunft.

Lässt die Stadt sie im Stich? Besorgt besprechen die Künstlerinnen und Künstler die Zukunft, die noch völlig ungewiss ist.

Lässt die Stadt sie im Stich? Besorgt besprechen die Künstlerinnen und Künstler die Zukunft, die noch völlig ungewiss ist. Bild: Christian Jaeggi

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Vor fünf Jahrzehnten zog Corsin Fontana ins Atelierhaus Basel – als einer der Ersten. «Draussen exerzierten noch die Soldaten im grünen Gwändli», sagt er. Der 72-Jährige befindet sich in der ehemaligen Klosterkirche auf dem Kasernenareal. Die meterdicken Mauern aus Bruchstein sind rund um die Fenster umrahmt von Sandstein-­Fassungen, die Eichenbalken und Bretter zeugen von einer jahrhundertealten Geschichte.

Alte und junge Künstlerinnen und Künstler sitzen um den grossen Holztisch, eine bunte und reiche Vergangenheit haben sie alle, eine beschwerliche manchmal auch. So, wie es ein Künstlerleben oft mit sich bringt. Doch so schwer wie jetzt war es für sie nie. Alle bangen um ihre Zukunft und es sieht so aus, dass sie von der Stadt im Stich gelassen werden sollen.

Teilweise seit Jahrzehnten arbeiten sie in ihren Ateliers, zahlen einen bescheidenen Mietzins und sind zu einer starken Gemeinschaft in diesem ältesten grossen genossenschaftlichen Atelierhaus der Schweiz zusammengewachsen. «Früher haben wir die Spritzen der Junkies vor dem Haus zusammengelesen, heute hat sich das gelegt», sagt Fontana. Doch noch immer sorgen sie gemeinsam für die altehrwürdigen Gemäuer, erledigen kleinere Reparaturen selber und halten regelmässige Putztage ab.

In den 60er-Jahren gegründet

Die Selbstverwaltung wurde in den Jahren 1964 bis 1969 von der Künstlergemeinschaft entwickelt, ist also ein typisches Kind der 60er-Generation. Es war ein Win-win-Verhältnis, die Nutzer profitierten von günstigen Mietpreisen, die Stadt vom kostenlosen Engagement der Mieterschaft. Doch nun frisst die Revolution ihre Kinder. Nachdem bis anhin selbstverwaltend agiert wurde, will die Stadt nun alles staatlich organisiert haben. Die Behörden argumentierten schon vor zwei Jahren, die gegenwärtige Vergabe entspreche nicht den gesetzlichen Grundlagen.

Jan Hostettler, Franziska Baumgartner und Martin Chramosta teilen sich eines der grossen Ateliers. Auch andere Räume sind doppelt besetzt. «Das ist immer auch ein soziales Experiment und funktioniert nur durch die Selbstverwaltung», sagt Aldo Solari.

«Wir hören als Vorwurf, dass wir seit Jahren hier hockten und zu wenig bezahlen würden», sagt Hostettler. «Doch es hat sich nie jemand um die Räume gekümmert.» Erst als im Zuge der Gesamtaufwertung des Kasernen­areals Fassade und Dach für sechs Millionen Franken renoviert wurden, habe man begonnen, Druck zu machen.

Nach der Renovation sollen 25 Ateliers für jeweils fünf bis sieben Jahre vergeben werden. Zusätzlich sollen mehrere Räume älteren Kunstschaffenden vorbehalten bleiben.

Zeit verstrich und nichts geschah

Dementsprechend war die Ateliergemeinschaft vor zwei Jahren informiert worden. Doch seither sei die Kommunikation eingeschlafen und auch vom mündlich zugesagten Ersatz für die Übergangszeit war nicht mehr die Rede. So verrann die Zeit und nichts geschah. Die 35 Künstlerinnen und Künstler müssten auf Ende Jahr ausziehen. Sie wissen nicht, für wie lange, sie wissen nicht, ob sie jemals wieder einziehen können, sie wissen nicht, wie umgebaut wird. Sie wissen rein gar nichts gewiss. Klar ist lediglich, dass sie sich für den Wiedereinzug bewerben müssen und dann mehr Miete bezahlen müssen als bisher. Und sie wissen, dass die Ausschreibung für die neuen Ateliers erst sechs Monate vor dem Einzugstermin geschehen wird.

Demütigender Leistungsnachweis

Regula Huegli ist 81 Jahre alt und hat eine lange Karriere als Malerin und Zeichnerin hinter sich. Sie hat keine Pensionskasse, lebt von ihrer Kunst und gibt nebenbei Kurse für angehende Senioren: «Ich lehre eine mittelalterliche Maltechnik», sagt sie. Ein Wissen, das auszusterben droht. Die Ungewissheit droht sie zu lähmen, wie auch ihre Altersgenossen, von denen einige fast 90 Jahre alt sind. Eine Pensionskasse scheint keiner der Anwesenden zu haben, auch die jüngeren nicht. «Bei mir hat sogar die AHV Löcher», sagt Corsin Fontana.

Bei all diesen Leuten handelt es sich um gestandene Kunstschaffende, die dem künstlerische Leben der Stadt viele Impulse gegeben haben und immer noch geben. Da mutet es absurd und in höchstem Masse demütigend an, dass diese nun der Stadt einen Leistungsnachweis und ein Motivationsschreiben liefern müssen, falls sie wieder in die Kaserne zurück möchten.

Wollen zusammen bleiben

Die jüngeren Künstler wie Jan Ho­­stettler, Camillo Paravicini, Daniel Karrer oder Franziska Baumgartner sind zwar noch nicht sehr lange im Haus. Doch ihnen macht die Ungewissheit ebenso zu schaffen. Nicht zuletzt, weil sie sich um die Älteren sorgen. «Wir sind langsam verzweifelt», sagt Ho­­stettler. Sie werden nun selber Inserate schalten, um ein Atelierhaus zu finden, doch sie wissen auch, dass die Situation beinahe aussichtslos ist: «Weil die Stadt nicht hilft, müssen und wollen wir nun selber ein neues Atelierhaus für alle suchen, weil nur eine gemeinsame Lösung auch eine soziale Lösung sein kann», sagt Hostettler. So sucht die Gemeinschaft dringend ein Haus für mindestens zehn Jahre.

Keine Kraft für Neuanfang

«Wir wären auch bereit, einen Leistungsvertrag mit der Stadt zu schlies­sen», sagt Hostettler. Er sieht keinen vernünftigen Grund, die seit den Sechzigerjahren gewachsene, für beide Seiten kostengünstige Lösung aufzuheben. Denn wenn die Künstler die Gemeinschaft nicht mehr selber verwalten, muss eine Stelle mit Staatsgeldern berappt werden. Die Künstler fragen sich auch, weshalb man nicht sanft renovieren und sie in den Ateliers lassen kann. Sie vermuten, dass beim Präsi­dialdepartement der Wille fehlt. «Der soziale und menschliche Bereich wird nicht berücksichtigt.» Der bald 70-jährige Künstler Aldo Solari vermutet, dass die Stadt im Zugzwang steckt: Die vielen Masterabgänger der Fachhochschule Basel müssten wohl mit Ateliers versorgt werden.

«Wir sind wie ein Baum, zuerst kommen die Triebe, die Blüten, die Früchte, das Laub und dann fängt der Kreislauf wieder von vorne an», sagt die über 80-jährige Huegli. Ein lebender Organismus, den man jetzt fällen wolle. «Ich hätte nicht die Kraft, neu zu beginnen.»

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Die Künstler in der Kasernen-Kirche drohen ihre Ateliers zu verlieren. Soll die Stadt sie bevorzugen?

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 03.03.2017, 07:14 Uhr

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