Fragwürdiges Einreiseverbot für Mönch

Das Departement Dürr fürchtet seelsorgerische Tätigkeit. Ein Abt hält das für «ungehörig».

Für Basel «provinziell». Abt Pater Austin hat für den Entscheid der Migrationsbehörden nicht viel übrig.

Für Basel «provinziell». Abt Pater Austin hat für den Entscheid der Migrationsbehörden nicht viel übrig. Bild: Nicole Pont

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Wer in der Hektik der Rushhour am Claraplatz nur einen Moment innehält, mag ihn hören: den feinen und berührenden Gesang, der die hohen Mauern der City-Kirche durchdringt. Es sind die Stimmen der Mönche um Pater Austin vom Orden der Karmeliter aus Indien, die allabendlich um 18.30 Uhr zur Besinnung einladen – besonders jetzt im Advent. Unentgeltlich, ehrenamtlich, uneigennützig – ohne dass je einer dieser Geistlichen dem Staat oder jemandem zur Last gefallen wäre.

Es ist vielmehr umgekehrt: Die Karmeliter dienen den Baslern jederzeit. Und «jederzeit» heisst, dass an den Klostertüren an der Mörsbergerstrasse während 24 Stunden an sieben Tagen anklopfen kann, wer Hilfe an Leib und Herz braucht.

Der Abt der Karmeliter in Basel, Pater Austin, ist darum auf Mönche angewiesen, die beim «Dienst am Nächsten» auf vieles verzichten. In Jacob Lalu, einem 35-jährigen Landsmann mit tadellosem Leumund und der Priesterweihe, hat er einen Diener gefunden. Lalu sollte hier als «Durchreisender» die Sprache erlernen, um danach in einem weiteren Kloster tätig sein zu können.

Doch nun verweigert das Amt für Migration Jacob Lalu die Einreise, mit der Begründung, der Mönch sei verdächtig, «seelsorgerisch tätig» zu sein, und wolle gar nicht erst die Sprache erlernen. Es ist ein Entscheid, den zwar Baschi Dürrs Beamte geschrieben haben, der aber vom Regierungsrat persönlich unterzeichnet und auf Anfrage der BaZ von Dürr bestätigt worden ist.

«Erheblicher Verdacht»

Eine solche unterstellende Begründung verärgert Pfarrer Ruedi Beck, der 13 Jahre Pfarrer zu St. Joseph und St. Clara war. Beck hatte den Orden der Karmeliter nach Basel geholt und begleitet die Priester: «Ich habe das Gefühl, dass sich Regierungsrat Baschi Dürr nicht richtig mit dem Einreisegesuch und der Tätigkeit der Karmeliter auseinandergesetzt hat.» Er werde jetzt den Bischof orientieren müssen.

Der neunseitige Entscheid, den Dürr unterschrieb, mündet in der sperrig formulierten Erkenntnis: «Der Sprachaufenthalt ist wesentlich mit seelsorgerischer Tätigkeit verbunden gewesen und es drängt sich daraus der erhebliche Verdacht auf, dass mit den ‹Sprachaufenthalten› in erster Linie nicht die Sprache (besser) erlernt, sondern mit zusätzlichem Personal vielmehr das Kloster mittels pastoraler Tätigkeit gemäss erwähnter Zielsetzung stärker in der hiesigen Seelsorge verankert werden soll.»

Unter Dürrs Vorgänger Hanspeter Gass war die Seelsorge der Karmeliter noch etwas Gutes. Er unterstützte sie, war mit einem Grusswort bei deren Gründung in Basel vertreten. Ja, man zeigte sich erfreut, wenn sich ein Mönch aus Indien aufmachte, um am Rheinknie temporär, ein bis zwei Jahre, als «Durchreisender» zu wirken, um dann in ein nächstes Kloster zu ziehen.

Die Katholische Kirche hat dabei die Garantenstellung übernommen: Sie übernimmt für die Mönche die Kosten für Kost und Logis, organisiert die Rückreise, die Anmeldung bei der AHV und so weiter. Ebenso liegt den Anträgen – auch dem von Jacob Lalu – eine Kursbestätigung bei, die bescheinigt, dass er an der Sprachschule Academica Sprach- und Lernzentrum Schweiz AG in Basel angemeldet sei. Bei Lalu lagen Zeugnisse und Zertifikate zum Studium und zur Priesterweihe bei sowie Bankauszüge des Carmelite Provincial House Ernakulam.

Es reicht den Migrationsbeamten nicht. Etwas zynisch empfiehlt Dürr, doch irgendwo anders im deutschsprachigen Europa eine Sprachschule zu besuchen – einfach nicht in Basel. Es gebe auch andernorts Karmeliter.

Auf die Frage, ob Dürr Unternehmen denn empfehle, ihr Personal in einer Zweigstelle in Europa unterzubringen, damit dieses nicht in die Schweiz einreisen müsse, geht der Regierungsrat nicht ein. Generell antwortet er: «Angesichts der grossen Zahl von Ausländerinnen und Ausländern, die in der Schweiz um Zulassung zu einem Aus- und Weiterbildungsaufenthalt ersuchen, müssen die Zulassungsvorschriften sowie die Anforderungen an die persönlichen Qualifikationen und die Schulen eingehalten werden. Es gilt zu verhindern, dass zu Ausbildungs- oder Weiterbildungszwecken bewilligte Aufenthalte zur Umgehung der strengeren Zulassungsvoraussetzungen benutzt werden.»

In einer ersten Reaktion zeigt sich der Vorsteher des Klosters, Pater Austin, «enttäuscht». Die schriftliche Replik auf die Ablehnung enthält deutlichere Worte. Man fände «ungehörig», dem Mönch zu unterstellen, dass er nicht wieder ausreisen wolle. Und die Behauptung, Jacob Lalu könne auch andernorts Deutsch lernen, sei für Basel geradezu «provinziell».

Willkürliche Begründung

Geradezu grotesk ist die weitere Begründung, die von Dürr getragen wird: So heisst es im Entscheid: «Ebenso ist feststellbar, dass er (Jacob Lalu) als katholischer Priester soweit bekannt in der Schweiz grundsätzlich keine Verwandten, keine Familie, Kinder oder Ähnliches besitzt, was darauf hindeuten könnte, dass er deshalb einen längeren Verbleib in der Schweiz plant.» Zusammengefasst: Wer keine Angehörige in der Schweiz hat, plant zu bleiben; wer Verwandte hat, würde nach den Vorstellungen des Regierungsrats wohl wieder ausreisen.

Ob diese wirre Argumentation wirklich dem Denken des Regierungsrats entspricht? Dürr ist auf eine entsprechende Anfrage der BaZ nicht eingegangen. Indessen hat sich der Stiftungsratspräsident der Karmeliter in Basel, Anwalt Stefan Suter, dem Fall angenommen: «Offensichtlich hat Regierungsrat Baschi Dürr ein Problem mit christlicher Seelsorge. Er sollte sich besser informieren», sagt er. Der Fall werde weitergezogen.

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1633 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 20.12.2017, 07:01 Uhr

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