Im Zeichen der Radiophobie

Ein geringfügig strahlender Behälter löst einen Grosseinsatz des Katastrophenschutzes aus. Das ist absurd.

Gut geschützt wagen sich die Einsatzkräfte an den vermeintlichen Gefahrenherd - während der Schalter der Bank geöffnet blieb.

Gut geschützt wagen sich die Einsatzkräfte an den vermeintlichen Gefahrenherd - während der Schalter der Bank geöffnet blieb.

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Am letzten Donnerstag war am Basler Bankenplatz etwas los. Die Feuerwehr und die Chemiewehr waren vor Ort. Die Strassen waren stundenlang abgesperrt. Sogar der Tramverkehr am Bankenplatz wurde behindert. Man sah Personen in Schutzanzügen das Gebäude der UBS betreten. Es herrschte Katastrophenstimmung.

Was war passiert? Hatte man eine Bombe gefunden? Galt es, einen Giftgasangriff zu verhindern? Nein, Mitarbeiter der Bank UBS hatten im Keller ihres Gebäudes einen Behälter entdeckt, der geringfügig radioaktiv strahlt. Mutmasslich waren sie mit einem Geigerzähler unterwegs gewesen. Die Bankangestellten hatten daraufhin Alarm ausgelöst.

Resultat des Grosseinsatzes war, dass Strahlenschutzspezialisten den Behälter beschlagnahmten und ihn zwecks Untersuchung ins Basler Kantonslabor brachten. In der UBS selber wurden mehrere Angestellte auf Verstrahlung getestet. Resultat negativ.

Weitverbreiteter Irrglauben

Der Behälter war in einem Schliessfach im Tresor der Bank gefunden worden. Um was für einen Behälter es sich genau handelt, und was dieser enthält, ist bisher nicht zu erfahren. Das Kantonslabor bestätigte aber inzwischen, dass die Radioaktivität, die der Behälter abstrahlt, sehr gering ist. Die Strahlung stammt von Thorium 232, einem Element, das von Natur her leicht radioaktiv ist. Konkret mass man beim Kantonslabor in zehn Zentimeter Entfernung vom Behälter eine Strahlung von 0,8 Mikrosievert pro Stunde. Sievert ist die Einheit der Wirkung von Radioaktivität auf den Körper.

Sind 0,8 Mikrosievert pro Stunde viel? Zum Vergleich: Wenn ein Mensch täte, was niemand tun würde, nämlich besagten Behälter ständig nahe an seinem Körper mit sich tragen, rund um die Uhr, Tag und Nacht, so hätte er nach einem Jahr eine Dosis von sieben Millisievert abbekommen. Das wäre erst ein Drittel der Grenzwert-Dosis, die für Mitarbeiter von Kernkraftwerken gilt. Sieben Millisievert pro Jahr sind zudem nur etwa doppelt so viel, wie Bewohner von Alpenregionen ganz natürlich abbekommen, weil das Gestein unter ihnen leicht strahlt. Weder AKW-Mitarbeiter noch Alpenbewohner werden wegen dieser Belastung aber häufiger krank. Es gibt sogar zahlreiche Orte auf der Welt, deren Bewohner aus geologischen Gründen einer weit höheren Dosis als sieben Millisievert pro Jahr ausgesetzt sind. Dazu zählen etwa das brasilianische Guarapari oder das iranische Ramsar. Oft sind es Kurorte.

Mit anderen Worten: Die Radioaktivität, die der Behälter ausstrahlt, liegt nur wenig über der von natürlichem Gestein und damit so tief, dass sicher keine Gefahr von ihm ausgeht. Die UBS-Mitarbeiter, deren Geigerzähler leicht erhöhte Werte meldete, hätten den Behälter ruhigen Gewissens dort belassen können, wo er war, nämlich im Schliessfach eines Kunden.

Stattdessen aber lösten sie den erwähnten Katastrophenalarm aus. Dass es so weit kommen konnte, hat wohl mit dem weitverbreiteten Irrglauben zu tun, Radioaktivität sei einzigartig gefährlich und schon kleinste Strahlendosen stellten ein tödliches Risiko dar. Es gibt viele Menschen, die auf medizinische Behandlungen verzichten, weil diese mit einem gewissen Mass an radioaktiver Bestrahlung einhergehen. Eine repräsentative Umfrage der Weltwoche von 2012 zeigte, dass die Bevölkerung die Gefahr von Radioaktivität massiv überschätzt – teilweise um das Hunderttausend- bis Milliardenfache. Man muss von einer eigentlichen Radiophobie sprechen.

Werbung mit strahlendem Wasser

Dass Radioaktivität ein völlig natürliches Phänomen ist und ständig aus dem Erdboden und dem Weltall auf Menschen, Tiere und Pflanzen einwirkt, weiss heute kaum mehr jemand. Das war nicht immer so: In den 1930er-Jahren galt Radioaktivität sogar als gesund, und Kurorte mit strahlendem Wasser warben damit.

2018 ist es ganz anders: Die Staatsanwaltschaft hat wegen des leicht radioaktiven Behälters bei der UBS Ermittlungen aufgenommen. Es geht um Gefährdung der Öffentlichkeit durch gefährliche Strahlung. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.12.2018, 16:50 Uhr

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