«Jesses Gott! Das ist zu viel und zu nett!»

Die Spendenangebote aus der BaZ-Leserschaft berühren Rösly M. Ihre Geschichte hat eine Welle der Empörung ausgelöst.

Alles, was Rösly M. will, sind AHV und volle Ergänzungsleistungen (Symbolbild).

Alles, was Rösly M. will, sind AHV und volle Ergänzungsleistungen (Symbolbild).

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90 Jahre ist sie alt und in einem kleinen Haus im Hirzbrunnenquartier wohnhaft. Bis zum 72. Altersjahr hatte sie hart gearbeitet. Das Ersparte brauchte sie auf für die Pflege ihres kranken Mannes. Bisher lebte die Rentnerin von 1997 Franken AHV und 84 Franken Ergänzungsleistungen. Jetzt vermindern sich diese 2081 Franken, weil durch die Neubewertung des Eigenmietwerts das steuerbare Einkommen gestiegen ist. Die Krankenkassenprämie, die sie zuvor verbilligt erhalten hat, ist von monatlich 45 auf 249 Franken hochgeschnellt. «Mir bleiben etwas über 1020 Franken zum Überleben. Ich bat um Steuererlass oder Reduktion, aber unsere Ämter lehnten ab und rieten mir, das Häuschen zu verkaufen. Aber lieber sterbe ich», schrieb sie im handschriftlich abgefassten Brief an die BaZ.

Der Fall Rösly M.*, den die BaZ vergangenen Montag unter dem Titel «Entsetzt über die Ungerechtigkeit im Basler Sozialstaat» publik gemacht hat, ist in der Leserschaft nicht ohne Widerhall geblieben. Nicht nur hat die Geschichte eine Welle der Empörung ausgelöst, sondern gleichzeitig auch eine der Hilfsbereitschaft. Ein Leser übergab der BaZ ein Couvert mit 50 Franken für die Rentnerin. Ein anderer möchte Rösly M. im Auftrag eines anonymen Spenders monatlich 500 Franken zukommen lassen. Eine Dame aus Reinach anerbietet sich, mit der 90-Jährigen einmal pro Woche essen zu gehen oder ihr im Haushalt helfen. Und zahlreiche Leserinnen und Leser möchten Rösly M. eine Geldspende überreichen.

Rösly M. hatte der Basler SP-Regierungsrätin Eva Herzog einen Brief geschrieben und darin ihre Notlage geschildert. In ihrer Antwort teilte die Finanzdirektorin mit, dass sich der Kanton darum bemühen müsse, möglichst schwarze Zahlen zu schreiben. Auch alle anderen Einwohner seien zum Steuerzahlen verpflichtet, das Gesetz gelte für alle gleich.

Zu den Landsleuten schauen

Ein Mann, der Rösly M. Unterstützung anbietet, schreibt ergänzend: «Der Artikel in der BaZ zeugt von der heutigen Realität. Leider wollte Rösly M. nicht mit vollem Namen auftreten. Einerseits verstehe ich dies selbstverständlich, andererseits weiss ich aus eigener Erfahrung, dass sich so nichts ändern wird. Die Anonymität hilft jenen, welche für die Ungerechtigkeit verantwortlich sind und unbekümmert weiter ausbauen wollen.» «Eigentlich wäre es ja Aufgabe der Regierung, bei solchen Härtefällen genügend finanzielle Hilfe anzubieten», schreibt eine Leserin, die Rösly M. unterstützen will. «Doch wenn der Staat nichts tut, dann müssen halt die Bürger zu den Landsleuten schauen. Haben Sie von der BaZ nicht die Möglichkeit, ein Spendenkonto einzurichten?»

Gestern hat die BaZ Rösly M. in ihrem kleinen Haus besucht und ihr die Spendenangebote aus der BaZ-Leserschaft vorgelegt. «Jesses Gott! Das ist zu viel und zu nett! So habe ich das ja nicht gemeint! Ich bin sehr gerührt – ich könnte heulen», sagt sie mit belegter Stimme und wässrigen Augen.

Befragt, ob in den letzten Tagen Menschen auf sie zugekommen seien, die ihr finanziell helfen wollten, sagte sie: «Gestern stand ein Mann an der Türe. Er wohnt in Riehen und hat mich noch von früher gekannt, als er und seine Frau mich öfters im Lädeli besucht hatten. Er wollte mir 20 Franken in die Hände drücken. Aber ich konnte es natürlich nicht annehmen.»

Auch die vielen Spendenangebote, die ihr über die BaZ zugekommen sind, kann sie nicht annehmen, wird sich aber bei allen für ihre grosszügige Geste bedanken. «Alles, was ich will, sind die AHV und volle Ergänzungsleistungen.» Bundesrat Hans-Peter Tschudi habe damals gesagt, dass es Ergänzungsleistungen gebe, wenn die AHV nicht reiche. *Vollständiger Name der Redaktion bekannt

Umfrage

Mit der Neubewertung des Eigenmietwertes steigen die Steuern. Es bleibt ihr nicht mehr viel zum Leben. Hat der Basler Sozialstaat im Fall von Rösly M. versagt?

Ja

 
92.2%

Nein

 
7.8%

4467 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 07.10.2017, 08:36 Uhr

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