Kinderspital kritisiert den Bundesrat

Mit dem geplantem Tarif könnten Kinder nicht mehr «sachgerecht» behandelt werden, kritisiert das Basler Unikinderspital.

Müssen schneller arbeiten. Bundesrat Berset will Anzahl und Dauer von Untersuchungen vorschreiben. Foto Maria Stratmann

Müssen schneller arbeiten. Bundesrat Berset will Anzahl und Dauer von Untersuchungen vorschreiben. Foto Maria Stratmann

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Bundesrat Alain Berset (SP) griff im Streit um die Abgeltung ambulanter Spitalbehandlungen durch. Als Kollateralschaden des bundesrätlichen Machtwortes bleiben die Kinderspitäler und deren kleine Klienten zurück. Dagegen wehrt sich nun das Unikinderspital beider Basel (UKBB) mit einem deutlich formuliertem Brief an Bundesrat Alain Berset. Im Schreiben, das der BaZ vorliegt, wirft das UKBB dem Bundesrat vor, «eine Sparübung auf dem Buckel der kranken Kinder und Jugendlichen vorzunehmen».

Über die Tarife, also die Preise einer Spitalbehandlung, bestimmen die Krankenkassen und die Leistungserbringer zusammen. Weil sie sich jedoch beim ambulanten Tarif Tarmed nicht einigen konnten, hat nun der Bundesrat ein Machtwort gesprochen. Begründet wird der staatliche Eingriff mit den üblichen Schlagworten «für Transparenz», «gegen Fehlanreize». Am Ende will Berset rund 700 Millionen Franken einsparen, indem er den Ärzten vorschreibt, dass etwa eine Konsultation nur noch 20 Minuten dauern dürfe.

Auch das UKBB ist wie der Bundesrat für eine Besserstellung der Grundversorger gegenüber den Spezialisten. Doch die Kindermedizin fällt unter die Spezialisten, weshalb die Restriktionen nun auch für das UKBB gelten sollen, obwohl dieses nichts anderes als die medizinische Grundversorgung für junge Patienten bereitstellt.

UKBB sorgt sich um Qualität

Berset will die Anzahl ärztlicher Konsultationen auf drei pro Quartal deckeln. Die Eltern dürften also mit ihrem Kind nur noch dreimal pro Quartal zum Arzt. Zudem darf ein Arztbesuch nicht länger als 20 Minuten dauern. Damit sieht das UKBB gleich mehrere Probleme: Schon heute sind die Behandlungen durch den Tarmed-Tarif nicht kostendeckend. Mit Bersets Revision müsste das UKBB nach eigenen Angaben 4,5 Millionen Franken sparen. Diese Zahl ist bekannt. Neu ist, dass das UKBB dem Bundesrat aufzeigt, dass mit der Revision die «Versorgungssicherheit gefährdet» wäre.

«Insbesondere die Zeitlimite ist in der Kindermedizin völlig daneben», sagt UKBB-Chef Marco Fischer. Nur schon simple Eingriffe würden bei Kindern ungleich länger dauern als bei erwachsenen Patienten. «Vor einer Blutabnahme beispielsweise müssen wir dem Kind erst genau erklären, was wir tun, es beruhigen, allenfalls sedieren und mit den Eltern reden», erklärt Fischer. Die bundesrätliche Vorgabe ist für das UKBB viel zu restriktiv: Bei 95 Prozent der ambulanten Patienten dauert die Konsultation länger als 20 Minuten. Durchschnittlich beträgt eine Untersuchung 33 Minuten. «Wir würden also künftig über zehn Minuten pro Patient gratis arbeiten», sagt der UKBB-Geschäftsführer. Bei 100 000 ambulanten Patienten pro Jahr ist das eine grosse Menge Gratisarbeit, die auf das UKBB zukommen würde.

Die genannten finanziellen Folgen könnte das UKBB kaum abdämpfen. «Anders als andere Spitäler haben wir keinen Spielraum, die Verluste pro Patient aufzufangen», sagt Fischer. Das Kinderspital hat keine Privatversicherten, durch die es defizitäre Behandlungen querfinanzieren könnte. «Wir sind schon heute auf gemeinwirtschaftliche Leistungen der Kantone angewiesen», sagt Fischer. Er meint damit, dass der Steuerzahler schon jetzt auch für die ambulante Grundversorgung der Kinder aufkommen muss. Mit Bersets Revision würde die Belastung für den Steuerzahler steigen.

Für die Behandlung der kleinen Patienten bedeutet dies, dass sich das UKBB dem Zeitdruck ein Stück weit beugt, was das Risiko einer schlechteren Behandlungsqualität mit sich bringt. Weil das keiner will, müsste der Steuerzahler für Bersets Sparmassnahme aufkommen. Die Kosten würden also nicht wie vom Bundesrat gewollt reduziert, sondern bloss verlagert. Schon heute erhält das UKBB jährlich Subventionen von insgesamt zehn Millionen Franken aus den beiden Basel.

Wortkarge Regierungsräte

«Der Bundesrat hat bei dieser unangemessenen Massnahme wohl nicht uns im Visier gehabt, doch die Kinderspitäler werden hart getroffen. Wir sind wohl der Kollateralschaden dieser Massnahme», sagt Fischer. Er habe bereits zusammen mit den anderen Kinderspitälern der Schweiz im Rahmen der Vernehmlassung bei Alain Berset interveniert. «Nun zeigen wir dem Bundesrat mit konkreten Zahlen und Fakten, welche Folgen seine Politik für uns konkret haben würde», sagt der UKBB-Chef.

Die Vernehmlassung läuft noch bis zum 21. Juni. Fischer glaubt nicht, dass Berset seine Pläne aufgibt: «Ich denke zwar nicht, dass der Bundesrat von seinem Vorgaben ablassen wird, doch ich habe die Hoffnung, dass er insbesondere beim Zeitlimit auf unsere Argumente eingeht.» Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) höre man die Kinderspitäler an und Fischer wird ein weiteres Gespräch mit dem BAG haben. «Was wir damit bewirken, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beurteilen. Je nach Reaktion des BAG werden wir weitere Schritte unternehmen», sagt Fischer.

Berset gefährdet gemäss Fischer also die medizinische Versorgungssicherheit junger Menschen und könnte den Basler und Baselbieter Steuerzahler zusätzlich belasten. Und was sagen dazu die Eigner, die beiden Gesundheitsdirektoren Thomas Weber (SVP, BL) und Lukas Engelberger (CVP, BS)? Nicht viel. «Insgesamt begrüsst Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger, dass der Bundesrat von seiner Kompetenz Gebrauch macht und die Tarifstrukturen hoheitlich festlegt respektive anpasst», erklärt seine Sprecherin Anne Tschudin. Engelberger habe jedoch zur Kindermedizin gegenüber dem BAG im Rahmen der offiziellen Vernehmlassung auch Bedenken geäussert. «Der sensible Bereich der Kindermedizin darf durch zu tiefe Vergütungen nicht gefährdet werden», so Tschudin weiter.

Die Baselbieter Regierung hat noch keine Vernehmlassungsantwort verabschiedet. Thomas Weber teile aber die Vorbehalte der Gesundheitsdirektoren, wonach die Kürzungen in der Kindermedizin kompensiert werden sollen. So weit das Engagement der Regierungsräte, derweil das UKBB in Bern selber lobbyiert.

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 16.06.2017, 06:52 Uhr

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