Lange Rabattliste für Staatsangestellte

Der Basler Personaldienst bewirtschaftet knapp 220 Vergünstigungen für Kantonsmitarbeiter.

Sechs Meter Rabatte. Etwas irritiert entfalten die KV-Schüler die Liste der Vergünstigungen für Staatsangestellte.

Sechs Meter Rabatte. Etwas irritiert entfalten die KV-Schüler die Liste der Vergünstigungen für Staatsangestellte. Bild: Daniel Wahl

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Brauchen Sie ein neues Gebiss? Für Staatsangestellte kein Problem. 25 Prozent Rabatt gewährt Doktor Daschti von der Zahnarztpraxis Apollonia-Dental-Praxis auf alle erbrachten zahnmedizinischen Leistungen. Kantonsangestellte erhalten lukrative Rabatte: 35 bis 50 Prozent beim Pneuhaus Gysin AG. Das Reifencenter M. Roselli ist gegenüber Staatsangestellten mit 40 bis 60 Prozent noch grosszügiger in der Gummi-Vergabe. Auf 20 Seiten ist mittlerweile die «Zentrale Rabattliste» angewachsen – so wird das Dokument beim Zentralen Personaldienst genannt, angesiedelt im Finanzdepartement von Eva Herzog (SP). Im Jahr 2015 umfasste die Tabelle noch 16 Seiten.

«Ich glaub, ich spinne», sagt spontan einer der Schüler vom Kaufmännischen Verein in Basel, nachdem er zum ersten Mal von einer solchen Rabattliste für Staatsangestellte erfahren hat und sie auf eine Länge von sechs Metern entfaltet. Man ist irritiert. Sabrina, die als KV-Lehrling beim Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt (WSU) arbeitet, erklärt ihren Kollegen schon fast entschuldigend, sie kenne zwar die Liste, habe sie aber noch nie verwendet.

Viele Unternehmen und Personalverbände gewähren ihren Angestellten Vorzugskonditionen. Aber dass der Staat selber eine Rabattliste für seine Mitarbeiter führt, ist nicht üblich. Im Baselbiet jedenfalls reibt man sich die Augen. «Grundsätzlich vermittelt der Kanton seinen Mitarbeitenden keine Rabatte einzelner Dienstleistungsanbieter. Der Grund dafür ist, keine Dienstleistungsanbieter zu bevorzugen. Mit der Aufnahme auf eine Liste würde eine Ungleichbehandlung aufgrund der vorgenommenen Selektion von bevorzugten Lieferanten erfolgen», schreibt Martin Lüthy, Leiter des Personalamts im Baselbiet.

Gleichbehandlung infrage gestellt

Auch der Kanton Aargau könnte eine Rabattliste führen, tut dies aber nicht – so weit der Kenntnisstand des Aargauer Personaldienstleiters Urs Martin: «Wir erhalten immer wieder Anrufe von Firmen, verweisen sie aber konsequent an unsere Personalverbände, die selber Vergünstigungen für ihre Mitglieder aushandeln können.»

Der Kanton Aargau argumentiert ähnlich wie das Baselbiet: «Aus Gründen der Gleichbehandlung und Submissionen verzichten wir auf solche Angebote.» Es bedeutet nichts anderes, als dass der Kanton Aargau nie den Anschein erwecken will, Unternehmen erhielten darum Aufträge oder Bewilligungen, weil sie dem Staat grosszügige Rabatte offerieren.

Vor diesem Hintergrund darf man sich beispielsweise fragen, welches Interesse dahintersteckt, dass der Touring Club Schweiz (TCS) den Staatsangestellten als Nicht-Mitgliedern zehn Prozent auf Innenreinigung, Politur, Motorwäsche und Wartung von Klimaanlagen gewährt. Und die Job-Factory bietet ausgerechnet den Staatsangestellten 200 Franken für «VEO E-Bikes» und 100 Franken für Zubehör an – jenes subventionierte Unternehmen, das sich «nur» zu 80 Prozent selber finanzieren kann.

Hoch im Kurs in Basel sind Angebote von Unternehmen im Fitnessbereich wie Apollo-Gym, Akupunktur-Praxis, Athleticum, Aikido Birseck, Activebalance – um nur beim Buchstaben A zu bleiben. Es gibt unzählige mehr – vom Beat-Your-Body-Boot-Camp bis zum Yogalehrer –, die das Beamtentum mittels Rabatten aus der vermeintlichen Trägheit befördern möchten. Grosszügig zeigt sich auch die Handschin-Augenoptik aus Therwil. 50 Prozent auf die komplette zweite Brille, die innert Monatsfrist bezogen wird – gilt auch für Familienangehörige der 11 000 Staatsangestellten. In der Rabattschlacht wirken Branchen mit im Tierbedarf, der Pflege, der Mode, der Unterhaltung, der Mobilität und Freizeit, Informatik, Versicherungen und der Weiterbildungen.

Subventionierte Rabatte

Der Zentrale Personaldienst schreibt, dass die Geschäfte auf den Staat zukommen und um Aufnahme in der Rabattliste bitten. «Vonseiten der Verwaltung findet keine Akquisition statt», sagt Leiterin Andrea Wiedemann.

Heikel sind jene Vergünstigungen von staatlichen Unternehmen, die defizitär unterwegs sind und die mit Steuergeldern alimentiert werden – unter politischer Mitwirkung jener 33 Grossräte, die beim Staat angestellt sind und profitieren. So zum Beispiel die Basler Personenschifffahrt AG (BPG). Sie erhält per Grossratsbeschluss jährlich 470 000 Franken Steuergelder, den Staatsangestellten dankt es die BPG mit 50 Prozent Rabatt auf sämtliche Kursfahrten.

Ein Fragezeichen durfte auch hinter das Angebot der Basler Pensionskasse gesetzt werden: Man bot bis im vergangenen Jahr «günstige Hypotheken» an – jene Anstalt, für die der Steuerzahler 2010 rund eine Milliarde Franken einschiessen musste. Mittlerweile bestimmt der Markt das Angebot: «Bei den derzeitigen Margen können wir keine Rabatte mehr gewähren», heisst es. Die externen Kunden hätten nicht mehr mitgemacht.

Das deckt sich mit den Erkenntnissen im Baselbiet. Lüthy schreibt: «Die heutige Transparenz, welche durch das Internet ermöglicht wird, bringt eine grosse Auswahl von Anbietern mit interessanten Konditionen hervor. Diese müssen einen Preis-Vergleich mit Dienstleistungsanbietern, welche rabattierte Angebote machen, nicht scheuen.» Für gute Stammtischsprüche dürfte das Angebot von der A. Flum GmbH, Orthopädie-Technik sorgen: Das Unternehmen gewährt den Basler Staatsangestellten zehn Prozent Rabatt auf Einlagen, Bandagen, Rollatoren und Kompressionsstrümpfe.

Umfrage

Basel-Stadt vermittelt Staatsangestellten zahlreiche Vergünstigungen bei Unternehmen und Verbänden. Ist das verhältnismässig?

Ja

 
28.2%

Nein

 
71.8%

1667 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 14.06.2018, 07:57 Uhr

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