O Tannenbaum

Wie der Weihnachtsbaum am Oberrhein erstmals auftauchte und die ganze Welt eroberte.

Einst ein heidnischer Brauch: Bereits lange vor dem 20. Jahrhundert wurde Weihnachten unterm Tannenbaum gefeiert.

Einst ein heidnischer Brauch: Bereits lange vor dem 20. Jahrhundert wurde Weihnachten unterm Tannenbaum gefeiert. Bild: Keystone

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Die Weihnachtskugeln glitzern im Kerzenlicht, das Lametta funkelt versteckt zwischen den Tannennadeln hervor. Mit seiner festlichen Magie steht der geschmückte Tannenbaum weltweit als Symbol für das Weihnachtsfest. Doch das war nicht immer so. Sein Weg aus den Wäldern des Oberrheins bis in die hiesigen Stuben war weder direkt noch kurz.

Die ersten Erwähnungen von abgeschnittenem Tannengrün in der Winterzeit stammen aus der Region des Ober­rheins. Bereits im 13. Jahrhundert hängten sich die Menschen hier Zweige vor Türen und Fenster oder auch in die Stube. Das Grün sollte die bösen Geister fernhalten, vor denen man sich in den dunklen Wintertagen ganz besonders fürchtete. Auch ganze Tannen fanden damals ihren Weg in die Häuser. Dort wurden sie nicht aufgestellt, sondern kopfüber an der Decke aufgehängt.

Zeugnis solchen im Grunde animistischen Brauchtums liefern ab dem 15. Jahrhundert vor allem die Dokumente der Gegner des weitverbreiteten Aberglaubens. Zu den lautesten Schreiern gegen das Weihnachtsgrün gehörte der Prediger Geiler von Kaysersberg, der in Basel Theologie studierte. In seinen vom Hexenwahn erfüllten Fastenpredigten zu Strassburg wetterte er Anfang des 16. Jahrhunderts schon bald gerne und regelmässig gegen die unchrist­lichen Bräuche. Das Ganze ­gipfelte im Elsass in der Wiederaufnahme des Verbots, in der Adventszeit im Wald Tannen­äste abzuschneiden.

Prunk und Protz beim Adel

Nicht nur im Elsass, sondern auch in Freiburg und Basel tauchen in dieser Zeit weitere Vorläufer des Weihnachtsbaums auf. Hier jedoch in Zusammenhang mit den Zünften. Handwerks­gesellen trugen singend und tanzend geschmückte Bäume durch die Gassen, bevor diese Weihnachtsbäumchen samt der angehängten Gaben Bedürftigen oder aber dem Zunftmeister zum «Schütteln» übergeben wurden. Nicht immer jedoch schafften es die Burschen mit ihrem Bäumchen bis zum Empfänger, wie eine Basler Geschichte aus dem Jahr 1597 zeigt. Die hiesigen Schneidergesellen behängten eines Abends im Advent einen Baum mit Äpfeln und Käse und wollten ihn ihrem Meister überbringen. Nach dem feuchtfröhlichen Umzug durch die Stadt stellten sie ihn aber kurzerhand in ihrer einfachen Unterkunft auf und plünderten seine Äste selber.

Gerade auf der Achse Schlettstatt–Basel tauchten bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts zur Weihnachtszeit immer wieder mit Papierblumen und Präsenten behängten Bäume im gesellschaftlichen Leben auf. Nach dem Dreissigjährigen Krieg besannen sich die Menschen jedoch stärker auf ihre Familien und verbrachten Weihnachten in den eigenen vier Wänden. «Die Gesellschaftsbäume der Zünfte verloren an Bedeutung. Man zog sich ins stille Kämmerlein zurück und stellte sich einen eigenen, geschmückten Baum auf», sagt Christian Rieder, Geschäftsführer der Stadtführungsagentur Visit Basel, die unter anderem geführte Rundgänge zur Geschichte der Basler Weihnacht anbietet. «Welche Art Bäume es waren, ob man sich bereits des Tannenbaums bediente, bleibt im Dunkel der Geschichte verborgen», erklärt Rieder. Es war in dieser Zeit, als in der einen oder anderen Stube auch Kerzen ihren Weg an den Baum fanden. So wurde er in der dunklen Winterzeit zur Lichtquelle. Die Neuerung verschwand jedoch so rasch, wie sie aufgeflammt war. Aber nicht endgültig.

Es war die höfische Welt, die Gefallen an der Idee des Lichterbaums fand. Anstatt wie heute auf Tannen platzierten die adligen Gesellschaften die Kerzen aber lieber an Buchsbäumen. Zwischen den Höfen entbrannte ein regelrechter Wettstreit darum, wer die prunkvollste und schillerndste Version davon präsentieren konnte. Ein Wettbewerb, der auch vor katholischen Höfen nicht haltmachte. Zwar galt der geschmückte Baum als protestantischer Gegenpart zur katholischen Krippe – der Protestantismus wurde von Katholiken abschätzig auch als «Tannenbaum-Religion» bezeichnet. «Darum kümmerte sich der Adel aber längst nicht mehr», sagt Rieder. Und tatsächlich tauchten die pompösen Bäume auch an den katholischen Höfen in Wien und Paris auf.

Eine Essiggurke am Baum

Diese höfische Zurschaustellung von Prunk sorgte dafür, dass der erleuchtete Baum ab Mitte des 18. Jahrhunderts schliesslich in den Häusern des deutschen Grossbürgertums Einzug hielt. Um den eigenen Status zu betonen, orientierte sich dieses sehr stark am höfischen Treiben. Und aus den deutschen Gebieten kam der Lichterbaum dann auch wieder zurück nach Basel, wo er ab 1820 in immer mehr Bürgerhäusern entdeckt werden konnte. Bald darauf tauchte der Weihnachtsbaum auch wieder bei den Zünften auf. Im Zunfthaus zu Gartnern wurde 1844 ein Weihnachtsbäumchen aufgestellt, das auch vom einfachen Volk bestaunt werden durfte.

Doch die Basler interpretierten den Brauch auf eigene Art. Anstatt an Weihnachten stellten sie die Tannen zu Neujahr auf und nannte sie demnach Neujahrsbäume. Auch die Geschenke, die zuerst am Baum hingen und mit den Jahren darunter wanderten, bekamen die Kinder erst am Neujahrstag. Mit der Zeit passte sich aber eine Basler Familie nach der anderen an und verlegte Baum und Bescherung auf den Weihnachtstag. Gleichzeitig wurden die Geschenke, die einst lediglich aus dem essbaren Christbaumschmuck bestanden, durch Imitate ersetzt: Die Weihnachtskugeln kamen in Mode.

Dass heute in Basel auch auf öffentlichen Plätzen leuchtende Weihnachtsbäume stehen, verdanken wir den Amerikanern. Von Deutschland aus gelangte der Lichterbaum auch in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo mit der Erfindung der elektrischen Kerze um 1900 die Grundlage für die heutigen Outdoor-Christbäume geschaffen wurde. Die deutsche Herkunft des «modernen» Weihnachtsbaums ist dabei in Amerika nicht in Vergessenheit geraten – traditioneller Christbaumschmuck in Form einer Essiggurke erinnert auch heute noch mit einem Augenzwinkern daran.

Mittlerweile hat der Weihnachtsbaum die ganze Welt erobert. Auf ewiggrünen Plastiktannen leuchten die Kerzen und üppiger Schmuck heute auch an den Stränden der Karibik oder in den Strassen von Shanghai. In der Schweiz dagegen stellen sich die meisten echte Bäume ins Wohnzimmer. Rund eine Million davon werden jedes Jahr geschmückt. Und so manches Kind freut sich schon heute darauf, wenn an Heiligabend der Baum endlich wieder so wunderbar feierlich funkelt. Informationen zum Text stammen aus ­Rüdiger Vossens Buch «Weihnachtsbräuche aus aller Welt». ­

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 21.12.2016, 06:52 Uhr

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