Polizei ohne Konzept bei Notfall auf A2

Vom Lastwagenbrand bis zur Reaktion an den Grenzen vergingen fast anderthalb Stunden. Der Unfall hat die Polizei auf dem falschen Fuss erwischt.

Flughafenstrasse im Stau: Die Sperrung der A2 wirkte sich auf das gesamte Stadtnetz aus. Passagiere gingen zu Fuss vom EuroAirport in die Stadt.

Flughafenstrasse im Stau: Die Sperrung der A2 wirkte sich auf das gesamte Stadtnetz aus. Passagiere gingen zu Fuss vom EuroAirport in die Stadt. Bild: Thomas Kessler

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Die Sonne brennt am letzten Montag kurz nach 16.30 Uhr auf den Asphalt der Autobahn. Herr Weber aus Basel – er möchte seinen Vornamen hier nicht lesen – überquert in Weil am Rhein mit dem Auto den Zoll und fährt in Richtung Basel. Doch nach wenigen Metern sitzt er im Stau fest. Ausgelöst hat diesen ein Lastwagen auf der Autobahn A2 um 15.30 Uhr. Der Sattelschlepper mit holländischem Kontrollschild geriet auf Höhe des Breitequartiers in Brand, sein Fahrer war stark alkoholisiert. Die Polizei sperrte die Autobahn in Richtung Süden, die Feuerwehr löschte den mit Schuhen beladenen LKW. In der Folge kollabierte der Verkehr in der ganzen Stadt (BaZ berichtete).

Weber weiss um 16.30 Uhr noch nicht, dass er während der nächsten knapp fünf Stunden in der Blechlawine wird ausharren müssen. Rückblickend sagt er: «Es war eine widerliche Erfahrung.» Touristen, ältere Leute und Eltern mit Kleinkindern hätten auf dem Abschnitt in der «sengenden Hitze» festgesteckt. «Die meisten von ihnen hatten nichts zu trinken und man konnte nirgends auf die Toilette. Auch nicht auf der nahen Raststätte, da der Verkehr jeden Moment wieder hätte anfahren können.» Leute hätten beschämt an die angrenzenden Lärmschutzwände uriniert.

Zwar liegt zwischen dem Zoll und dem Unfallort noch die Autobahnausfahrt Basel-Kleinhüningen. Gemäss Weber habe die Kantonspolizei Basel-Stadt die sich stauenden Fahrzeuge bei der ehemaligen Druckerei der BaZ an der Hochbergerstrasse aber nicht auf das städtische Netz abfliessen lassen. «Ich rief kurz nach 18 Uhr den Claraposten an und bat, die Autos doch über die Ausfahrt Basel-Kleinhüningen abzuführen. Man sagte mir, dass dies nicht möglich sei, da die Ausfahrt für Notfallzwecke frei bleiben müsse.»

Polizei widerspricht Staudauer

Toprak Yerguz, Sprecher der Kantonspolizei Basel-Stadt, bestreitet die Aussagen Webers. «Die Angabe von fünf Stunden Stillstand am selben Ort ist nachweislich falsch.» Je nach gewählter Route und Behinderung sei es aber möglich gewesen, dass Leute am Montag während insgesamt fünf Stunden im Stauverkehr stecken geblieben seien.

Weber rief auch den Zoll an und fragte, ob der Stau nicht rückwärts in Richtung Grenze Weil am Rhein aufgelöst werden könne. Als Antwort sei ihm mitgeteilt worden, dass es seitens der Kantonspolizei keinen Auftrag dazu gegeben habe. «Ein Zöllner meinte, dass sie ohne Auftrag nichts tun könnten.»

Die Zolldirektion Basel erklärt auf Anfrage der BaZ, die Kantonspolizei habe die Grenzwache um 16.43 Uhr gebeten, den Lastwagenverkehr am Zoll in Weil am Rhein, wie auch am Zoll in Saint-Louis anzuhalten. Andreas Keusch von der Zolldirektion Basel: «Um 16.49 Uhr wurde der grenzüberschreitende Lastwagenverkehr durch die beiden Zollstellen gestoppt.»

Mit anderen Worten: Vom Zeitpunkt des Brandes auf der Osttangente biszum Anhalten des Schwerverkehrs an den beiden Einfallsrouten in die Schweiz verstrich rund eine Stunde und 20 Minuten.

Komplette Vollsperrung

Zu Umleitungen des Verkehrs über die deutsche Ausweichroute A98 von Weil am Rhein nach Rheinfelden macht Keusch keine Angaben und verweist auf das Polizeipräsidium Freiburg. Der dortige Pressesprecher Dietmar Ernst sagt, dass der Verkehr ab 17.06 Uhr in Weil am Rhein in Richtung Rheinfelden über die A98 umgeleitet worden ist.

Also rund eine Stunde und 36 Minuten nach dem Unfall. Vorgenommen habe die Umleitung die Autobahnmeisterei mittels einer LED-Wand samt Schriftzug «Vollsperrung Richtung Basel». Zudem sei einige hundert Meter weiter vorne angekündigt worden, dass die Automobilisten den Grenzübergang Rheinfelden benutzen sollten.

Bei diesen Reaktionszeiten und dem darauf folgenden Verkehrskollaps in der Stadt stellt sich berechtigterweise die Frage, ob die Behörden bei solchen Unfällen über ein Notfallszenario verfügen. Ernst vom Polizeipräsidium Freiburg weiss nichts von einem Notfallkonzept zwischen dem Polizeipräsidium Freiburg und der Kantonspolizei Basel-Stadt. Auch die Kantonspolizei Basel-Stadt kennt keine Notfallszenarien. Yerguz gibt die Verantwortlichkeit an das Bundesamt für Strassen (Astra) weiter. Es betreibt die Autobahnen in der Schweiz. Das Astra habe gemäss Yerguz «Verkehrsmanagementpläne», die für bestimmte Szenarien entsprechende Massnahmen vorsähen. Ein Beispiel sei die Umleitung über die A98. «Diese Szenarien werden seitens des Astra auch so umgesetzt», sagt Yerguz.

Beim Astra weiss Sprecher Thomas Rohrbach von diesem Szenario nichts. «Bei der A98 handelt es sich um eine deutsche Autobahn. Wir sind dafür nicht verantwortlich.»

Flötist aus Stau eskortiert

Weber, der in der Hitze stand, nennt es «peinlich», dass es offenbar kein Notfallszenario gibt. Besser als ihm, der sich mit seinem Auto erst gegen 21.15 Uhr langsam wieder in Bewegung setzen konnte, hatte es ein Flötist des Sinfonieorchesters Basel. Er sollte um 19.30 Uhr im Theater Basel zur Oper Satyagraha aufspielen und war musikalisch offenbar unverzichtbar. Da er aber im Stau steckte, habe ihn ein Streifenwagen mitsamt seinem Auto aus dem Chaos eskortiert. Gemäss Theatersprecherin Ingrid Trobitz habe die Polizei den Flötisten auf der Autobahn wenden lassen, sodass er in der Gegenrichtung wegfahren konnte. Die Vorstellung begann eine halbe Stunde später, um 20 Uhr. Yerguz will den Einsatz weder bestätigen noch dementieren. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.06.2017, 01:01 Uhr

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