Der Marsch in eine bessere Umwelt

Rund 1000 Jugendliche schwänzen die Schule und gehen für das Klima auf die Strasse.

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Mary Toth hält die Hände wärmend an ihre Ohren. Es ist kalt an diesem Freitagmorgen. Neben ihr steht Janet Wahl, eine Bekannte. Sie sind auf den Barfüsserplatz gekommen, um ein Zeichen zu setzen. Um mit rund 1000 Schülerinnen und Schülern für einen besseren Klimaschutz zu demonstrieren. Wie damals in Kaiseraugst. Mary Toth ist 78 Jahre alt, Janet Wahl 82. «Es ist fünf vor zwölf», sagen sie. Höchste Zeit, etwas zu tun. Nicht für sie selbst, aber für ihre Enkel und deren Kinder.

Der Barfüsserplatz füllt sich allmählich. Eine Gruppe von Schülern mit einem langen Transparent bahnt sich den Weg durch die Menge. «Ihr verhandelt unsere Zukunft», steht in grossen, schwarzen Lettern auf weissem Stoff geschrieben. Es wird lauter und lauter, und als Philippe Kramer vor die versammelten Demonstranten steht, jubelt die Masse.

«Es ist fantastisch, dass ihr alle da seid», ruft er ins Mikrofon. Kramer ist Schüler am LeonhardGymnasium und Mitorganisator der Demonstration. Die Stimmung steigt. «Wir zeigen diesen Elenden, dass wir nicht nur die Schule schwänzen, sondern dass wir wirklich etwas bewegen wollen.» Tosender Applaus – für einen kurzen Moment ist der Barfüsserplatz, ist Basel, der Nabel der Welt.

Grosser Einsatz der Kleinsten

Es ist bereits der zweite Streik in Basel innerhalb kurzer Zeit. Schon am vergangenen 21. Dezember waren Schüler auf die Strasse gegangen und hatten unter anderem eine klimaneutrale Schweiz bis 2030 gefordert.

In insgesamt 15 Schweizer Städten blieben gestern Jugendliche der Schule fern, um gegen den Klimawandel zu demonstrieren. In Lausanne waren es gar rund 8000, in Zürich mindestens 2000 – schweizweit mehr als 22 000.

Ein älterer Herr lässt Seifenblasen in den Himmel steigen, die nach einem kurzen Tanz in der Luft über den Köpfen der Teenager platzen. Wie die Versprechen der Politiker, sich für den Klimaschutz einzusetzen. «Sie benötigen zu viel Zeit, um etwas umzusetzen. Wir sind hier, um sie anzutreiben», sagt Loris, zwölf Jahre alt.

An diesem Morgen sind auch Politiker dabei. Etwa der Präsident der Baselbieter Grünen, Balint Csontos, die Basler BastA!-Grossrätin Tonja Zürcher und ihre Parteikollegin, die Nationalrätin Sibel Arslan, oder Nils Jocher, Co-Präsident der Baselbieter Juso.

Vom Barfüsserplatz ziehen die Demonstranten durch die Freie Strasse, rennen über die Mittlere Brücke und machen am Claraplatz kurz halt. Der Blick fällt auf ein bunt bemaltes Plakat mit der Aufschrift: «Helft bitte der Umwelt!» Dahinter vier Mädchen, zwischen neun und zehn Jahre alt. Unermüdlich rufen sie: «Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut!» Kleine Umweltschützerinnen. Sie haben eine Gruppe gegründet und Geld für Greenpeace gesammelt.

Gian, Romy, Maaret und Roxanne von der Sekundarschule Sandgruben hätten Französischunterricht gehabt. «Wir haben eine Bewilligung. Bedingung ist, dass wir den Stoff nachholen», sagt Gian. Die Lehrerin habe ihnen die Wahl überlassen, einige seien deshalb in der Schule geblieben. «Wir haben versucht, sie zu motivieren», so Romy. Aber vielleicht sei es gut, dass sie nicht gekommen seien. «Sie wären vermutlich zu McDonald’s gegangen, statt hier zu sein.»

Gelebter Staatskunde-Unterricht

Das Basler Erziehungsdepartement hatte den streikenden Schülern mit unentschuldigten Absenzen gedroht – trotz Sympathie des Vorstehers Conradin Cramer für das Anliegen. Dieser traf sich nun aber diese Woche mit einer Schülerdelegation, um eine Alternative zu den Sanktionen zu finden. «Dem Erziehungsdirektor ist, so scheint es, zum Glück klar geworden, dass es unbedingt eine Lösung braucht», sagt Philippe Kramer.

Eine Lehrerin des Bläsischulhauses begleitet an diesem Tag die Schüler. Sie ist begeistert von der Basler Klimaschutzbewegung, vom gelebten Staatskunde-Unterricht. «Es ist wichtig, dass die Schüler einstehen für das, was sie bewegt», sagt sie.

Kurz nach Mittag ziehen die Demonstranten über die Wettsteinbrücke zum Münsterplatz, wo der Streik zu Ende geht. Auf den letzten Metern ihres Marschs in eine bessere Umwelt tönt Michael Jacksons «Earth Song» aus den Lautsprechern. «This Crying Earth, These Weeping Shores», singt er. Wie diese Erde schreit, diese Küsten weinen.

Umfrage

Allein in Basel demonstrierten gestern gut 1000 Schüler für eine bessere Klimapolitik und für den Umweltschutz. Soll die Schweiz, wie etwa London, den Klimanotstand ausrufen?

Ja

 
57.3%

Nein

 
42.7%

2261 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 18.01.2019, 15:20 Uhr

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