Eva Herzog – Annäherung an eine Unnahbare

Wie die gezähmte Widerspenstige zur widerspenstigen Gezähmten wurde. Eine Annäherung an die Basler Finanzdirektorin Eva Herzog.

Vorzeigepolitikerin: Eva Herzog im August 2010 bei der Bekanntgabe ihrer Kandidatur als Nachfolgerin von SP-Bundesrat Moritz Leuenberger.

Vorzeigepolitikerin: Eva Herzog im August 2010 bei der Bekanntgabe ihrer Kandidatur als Nachfolgerin von SP-Bundesrat Moritz Leuenberger. Bild: Henry Muchenberger

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Sie ist offenbar eine gute Tänzerin. Fliessende Bewegungen, sündiger Hüftschwung. Sie tanzte wohl unten am Breite-Fest, Discomusik, zusammen mit Christoph Brutschin. Die beiden verstehen sich gut. Zu Beginn ihrer ersten Legislaturperiode als Finanzministerin Basels, als sie einige noch Fettnäpfchen-Eva nannten, soll Brutschin sie unter seine Fittiche genommen haben. Vielleicht deshalb dichtet man den beiden immer wieder einmal eine Affäre an.

In einer Bar sollen sie sich mal voller Verlangen geküsst haben. Ich glaube, das ist ein Gerücht. Verlangen braucht Leidenschaft, eine Sucht nach Leben, die Fähigkeit des Loslassens, eine Arroganz gegenüber Konsequenzen. Braucht all das, was Eva Herzog im Kontakt mit der Welt auf den ersten Blick nicht mitbringt. Auf der andern Seite; Frauen ohne Leidenschaft können nicht tanzen.

Zwischen zierlich und zäh

Jene, die sie nicht mögen, und jene vielleicht auch, die von ihr nicht gemocht werden, unterstellen ihr flächendeckende Humorfreiheit. Jene, die sie kennen, sagen, sie «wirke» nur so lange verbissen, bis man sie kenne, und wenn man sie kenne, verstünde man auch ihren «trockenen und ironischen Humor». Wenn sie sich wohlfühlt, soll sie sogar über sich selber lachen können.

Eva Herzog färbt sich ihre mittellangen Haare rot, sie schimmern selten ­tizian- und meist fuchsrot. Sie ist von mittlerer Grösse, ihr Körperbau im ­Irgendwo zwischen zierlich und zäh. Früher waren ihre Haare kürzer und dunkler. Ihre originale Haarfarbe ist, vermutlich, ein eher unspektakuläres Braun, das sie irgendwann nicht mehr mochte. Vielleicht wollte sie mit dem Rot einer neuen oder einfach anderen Eva Ausdruck verschaffen. Sie fing an, ihre Haare zu färben, als sie begann, ­politisch Karriere zu machen.

Tochter aus gutbürgerlichem Haus

Politisch aktiv war sie schon vor der Haarwandlung. War Mitglied der Geschäftsleitung des Vereines Dritte-­Welt-Läden. 30 war sie, 1991, wohl eine kleine Prinzessin in einer ökolinks politisierten Alternativszene, wahrscheinlich radikal und unnachgiebig in ihrer Haltung, wie es so oft vorkommt bei Töchtern aus gutbürgerlichem Hause. Ihr Vater war Chemiker, Atomkraftgegner und so lange SVP-Parteimitglied, bis der Weg Blochers nicht mehr seiner war. Noch heute klebt an der Eingangstür des Elternhauses in Pratteln ein «Atomkraft – nein danke»-Kleber.

Es ist unklar, was bei Eva zuerst rot wurde, das Haar oder das politische Herz. Das rote Herz hat ein Datum. März 1993, Bern, Bundesplatz. Christiane Brunner, SP, von ihren Gegnern wegen ihrer Garderobe gerne als Serviertochter bezeichnet, wird nicht in den Bundesrat gewählt. Sondern ein Mann in tadellosem Anzug. «Linke Frauen», so nannte man sie damals, inszenierten erfolgreich den «Frauenstreik», der Anzugträger trat zurück. Eine dieser «linken Frauen» war Eva Herzog. Später sagte sie über den Tag: «Die Stimmung dort hat mich mitgerissen, weil die Frauen nicht hinnahmen, was geschehen war.» Herzog, wurde spontan Sozi und unermüdliche und hitzige Kämpferin für die Sache der Frau. Keine etwa hat sich öffentlich so über Baschi Dürrs Waschprotz-Inszenierung geärgert wie Herzog.

«Nicht der Typ für Privacy Interviews»

Es ist nicht leicht, ein Porträt über Eva Herzog zu schreiben. Sie will nicht mit einem sprechen, nichts preisgeben. Mailt: «Ich bin nicht der Typ für Privacy Interviews. Passt nicht zu mir.» Man schreibt dann zurück, dass man ja nicht wissen möchte, wann sie wen wo zum ersten Mal geküsst hat und wies war auch nicht. Man bietet ihr an, dass sie ihr Porträt gegenlesen könne, aber das nutzt auch nichts: «Ich habe mich nie darum gerissen, als Privatperson in der Öffentlichkeit zu stehen.»

Warum, fragt man sich. Sie ist, zumindest ansatzweise eine öffentliche Person. Sie ist erfolgreich, gerade mit dem besten Resultat wiedergewählt worden. Befürchtet sie, an Souveränität zu verlieren, wenn es um sie geht und nicht um Finanzpolitik? Haben sie ihre ersten ungelenken Interviews als Regierungsrätin traumatisiert? Fühlt sie sich unsicher mit den Dossiers ihres Lebens? Hat sie mal im Bett mit einer lesbischen Freundin gekifft?

Frisch, frank, fröhlich, Frau

So bleibt sie zwangsläufig eine Frau, die für die Öffentlichkeit zumindest einen Keuschheitsgürtel um ihre Person legt. Und man kann eben nicht fragen, was in einem Leben passieren, welchen ideologischen Balanceakte man vollführen, welche Ideologie Schiffbruch erleiden muss, um von einer Dritte-­Welt-Laden-Aktivistin in Fair-Trade-Klamotten zur Regentin im Deux-Pièces zu werden. Die Mächtigen, egal welcher Couleur, waren damals, als Eva jung war, der Klassenfeind. «Schon als ich im Grossen Rat war», hat sie einmal gesagt, «verspürte ich Lust auf Regierungs­arbeit.» Lust auf die Gestaltungsmöglichkeiten der Macht, gekoppelt mit Ehrgeiz als Lebensinhalt?

Über ihre inzwischen siebenjährige Arbeit als Finanzdirektorin gibt es nicht viel zu sagen, ausser dass sie die Finanzen eisern im Griff hat. Es ist eine solide, keine mutige oder gar visionäre Finanzpolitik. Aber auch eine, die keine Rücksicht nimmt auf die Claqueure unter den Genossen. Innerhalb der Sozis ist Eva eine Bürgerliche, der Pragmatismus im Zweifel näherliegt als Parteiparolen. Sie gilt als zielstrebig, fleissig, beratungsfähig, dossierfest, gewieft im Erreichen ihrer Ziele, manchmal als ermüdend, gelegentlich als rechthaberisch und kompromisslos.

Nicht nett, aber nützlich

Als Herzog 2005 auf dem politischen Olymp Basels angekommen war, hat sie gleich mal alle Kadermitarbeiter entlassen, die nicht auf ihrer Linie waren. Das war nicht nett, aber nützlich. Vielleicht ist das ihre wirkliche Stärke, sich umgeben mit den richtigen Leuten. 2010 kandidierte sie für den Bundesrat, mehr als ein Versuchsballon war das aber nicht. Schwächen, natürlich. Herzog gilt als aufbrausend bis (inzwischen selten) tobsüchtig, arbeitssüchtig, und sie soll in den besten Phasen ihrer cholerisch gefärbten Ungeduld auch schon mal Sachen um sich schmeissen.

Was man noch weiss: Herzog hat auch Wirtschaftswissenschaften studiert, im Nebenfach. Kritiker werfen ihr vor, sie hätte bloss ein, zwei Kürschen in Volkswirtschaft absolviert, aber das stimmt nicht. Von Haus aus ist sie Historikerin, promoviert. «Frisch, frank, fröhlich, Frau: Frauenturnen im Kanton BL» der Titel ihrer Dissertation. Sie war in der Geschäftsleitung der ­Kaserne, hat das Backoffice bei den ­Architekten Herzog & de Meuron ge­leitet, war Kulturveranstalterin, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Vizerektorat Forschung der Uni und hat einen Wissenschafts-Journalisten zum Lebenspartner.

Herzogs Männer

Die Wahl ihres Lebenspartners erzählt eine Geschichte. Ihr Mann ist wie ihr Vater von Haus aus Naturwissenschaftler. Ein ruhiger Typ, der von seiner Veranlagung her eher die Sachen aufliest, die Eva rumschmeisst, als sie zurückzuwerfen. Er ist sachlich, sein Humor auch. Manche sagen, er sei Evas Wogenglätter, der ruhende Pol. Auf der andern Seite ist Eva Herzog ein grosser Fan von Kuno Lauener, Frontmann von Züri West, der mal nichts ausgelassen hat ausser Wassertrinken, jetzt aber den spätberufenen Soliden gibt. Herzog übrigens ist Biertrinkerin. Wein mag sie nicht so, weil der nicht den Durst lösche. Ist es so bei Eva ­Herzog, dass womöglich eine wilde und ungezügelte Seite in ihr wohnt, die sie hinter den Gittern ihrer Halt gebenden asketischen Disziplin in Schach hält? Sie durch ein Leben führt, das solide ist wie ihre Finanz­politik?

Wenn man nach Pratteln fährt und das schmucklose fast am Waldrand gelegene Haus sieht, in dem sie gross geworden ist, diese heile, fast weltferne bürgerliche Welt, und dann nach Basel fährt, an den Stadtrand, wo der Allsch­wiler Wald nicht weit ist, und sich das Häuschen ansieht, in dem sie jetzt lebt – es hat denselben Geruch, wenn man so will, dieselbe Ideologie vielleicht auch. Ein Einfamilienhäuschen am Stadtrand, Kinder, Natur in der Nähe, auch Sozis haben zutiefst kleinbürgerliche Sehnsüchte. Ich würde Eva Herzog gerne fragen, ob sie glücklich ist. Und ich würde gerne wissen, was sie vermisst. Fragen, wie hart es ist, hart sein zu müssen. Und wann sie das letzte Mal getanzt hat. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.12.2012, 10:44 Uhr

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