Theater im Präsidialdepartement (XV)

Die Basler Regierungspräsidentin ist es müde, stets an ihren Spickzetteln zu kleben, und will zurücktreten.

Ein Stück für zwei Frauen. Sie heissen Elisabeth Ackermann, Stadtpräsidentin, und Melanie Imhof, ihre Infochefin.

Ein Stück für zwei Frauen. Sie heissen Elisabeth Ackermann, Stadtpräsidentin, und Melanie Imhof, ihre Infochefin. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Stück für zwei Frauen. Sie heissen Elisabeth Ackermann, Stadtpräsidentin, und Melanie Imhof, ihre Infochefin. Es ist neun Uhr morgens im Büro:
«Guten Morgen, Elisabeth. Elisabeth? Äh, hast Du geweint?»
«Ja, aber es geht schon wieder. Jetzt brauche ich Deine Hilfe, Melanie. Und zwar musst Du die wirklich beste Medienmitteilung Deines Lebens schreiben.»
«Kein Problem, Elisabeth, das hab ich schon öfters getan. Aber was ist denn los? Ich meine, draussen ist ein normaler Tag, unser Laden läuft, wir arbeiten gut, die einen mehr, wir weniger, vielleicht wird die BaZ verkauft und wir ein paar doofe Leute los, also, läuft doch super für uns.»
«Ich werde zurücktreten, Melanie.»
«Du machst, äh, einen Witz, oder? Ich frag nur, weil ich unsicher bin, weil Du ja nie Witze machst, weil Du das...egal. Echt jetzt?»
«Der Witz ist vielleicht, dass, wenn ich sage, ich trete zurück, niemand glaubt, dass es ein Witz sein könnte. Hahaha. Ich kann nicht mehr, Melanie. Ich kann das nicht mehr. Ich will das nicht mehr. Ich fühle mich wie eine Gitarre, bei der alle Saiten gerissen sind, verstehst Du?»
«Irgendwie schon, Elisabeth. Ich fühle mich ja manchmal auch wie ein Schuh, bei dem der Absatz weggebrochen ist. Aber, weisst Du, das ist, äh, doof, aber dann kauf ich mir einfach einen neuen Schuh, der drückt ein bisschen zuerst, aber dann fühle ich mich besser als zuvor.»
«Ich weiss, was Du meinst, Melanie. Aber da gibt es keine Saiten mehr, die ich wieder aufziehen und auf denen ich dann wieder spielen könnte. Mir fehlt die Kraft dazu. Ich glaub, ich leide an einem Burn out.»
«Ich weiss nicht, Elisabeth. Also vom Arbeitspensum her ist ja alles im grünen Bereich, seit wir ja alles Wesentliche und Komplizierte delegiert oder outgesourct haben.»
«Und trotzdem, Melanie. Ich fühle mich, wie soll ich sagen, ja, ohne Hoffnung vielleicht. Mir ist gestern in Zürich bei dieser Eröffnungsrede vom Sechseläuten auch klar geworden, weshalb: Ich muss etwas sein, das ich nicht bin.»
«Aber, Elisabeth, das sind wir doch immer mal wieder, also sind etwas, was wir nicht sind, äh, nein, sein wollen, wollt ich sagen.»
«Inzwischen ist es so, Melanie, dass ich mich schäme. Weil ich der Stadt nicht gerecht werde. Wie vor kurzem in Hongkong. Dieses, wie hiess das jetzt schon wieder, ja, genau, «Rund-Teibel-Gespräch», auf Englisch. Da waren doch die Fragen und Antworten abgesprochen, und meine Antworten standen auf kleinen Karten, die ich unter dem Tisch hielt. So wie Schüler früher einen Spickzettel versteckten. Dann kam meine Frage, und ich musste unter den Tisch schielen, und die Antwort ablesen, und ich habe mitbekommen, dass die Leute das mitbekommen haben...
«...aber, Elisabeth, dann geh doch einfach nicht mehr dorthin, wo die Englisch sprechen.»
«So einfach ist das nicht, Melanie. Ich merk ja auch in Basel, wo ich keinen Spickzettel habe, dass ich bei Reden und Gesprächen rüberkomme, wie eine verstimmte Gitarre mit zuwenig Saiten. Weil, weisst Du, Melanie, man kann nur sein, was man ist. Und ich bin das nicht. Ich dachte, ich könnte es werden. Aber es wäre einfacher, einem Einarmigen das Gitarrespielen beizubringen.»
«Uff, soo schade. Und jetzt?
«Jetzt schreibst Du mir meine Rücktrittserklärung.»
(Basler Zeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 17:24 Uhr

Artikel zum Thema

Theater im Präsidialdepartement (XIV)

Glosse Die Basler Stadtpräsidentin sucht eine Doppelgängerin und freut sich, dass man am Rheinknie so wenig können muss, um so viel zu verdienen. Mehr...

Theater im Präsidialdepartement (XIII)

Glosse Die Gitarrenspielerin im Präsidialdepartement hat eine neues Instrument und freut sich, dass sie so viel Zeit zum Denken hat, weil sie einen Chefbeamten hat, der für sie Zeitung liest. Mehr...

Theater im Präsidialdepartement (XI)

Glosse Die Basler Regierungspräsidentin braucht eine schlaue Rede über Zürcher und denkt darüber nach, zu singen. Mehr...

Kommentare

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...