Vater Staat

Dank an meine Erziehungsberechtigten – gemeint sind nicht meine Eltern.

Farbenfroh und mit Gewinnchance – der Drägg-Sagg in Partnerschaft mit Geschäften und dem Gewerbeverband soll das Littering-Problem eindämmen.

Farbenfroh und mit Gewinnchance – der Drägg-Sagg in Partnerschaft mit Geschäften und dem Gewerbeverband soll das Littering-Problem eindämmen. Bild: www.bs.ch

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Lieber Staat. Es ist Zeit, Danke zu sagen. Für all die Mühen, die du dir gemacht, all die Kosten, die du nie gescheut hast. Um das zu tun, was ein guter Partner tut – das Beste aus dem anderen herauszuholen. Es ist egal, welchen Bereich meines Lebens ich anschaue: Es gibt trotz der Grunderziehung, die meine Eltern geleistet haben, keinen Winkel, in dem ich mich nicht noch verbessern könnte. Du, lieber Staat, weisst das. Und lässt nicht locker, bis ich das Optimum für mich, meine Mitmenschen und künftige Generationen erreicht habe.

Fangen wir an mit den Grundprinzipien, die man seinem Kind mit auf den Weg geben möchte: Empathie und Anstand. Bei solch wichtigen Punkten des Zusammenlebens verlassen sich die Basler Behörden ungern darauf, dass die Eltern das schon irgendwie richtig gemacht haben.

Die Nachhilfe in Sachen Grundwerte erfolgt am liebsten mithilfe von Plakaten. Die Kampagne «Alles Gute Basel» beispielsweise forderte mich dazu auf, mit psychisch Kranken solidarisch zu sein und nicht wegzuschauen, wenn es jemandem schlecht geht. Und mit «Basel zeigt Haltung» riefen mir Guy Morin und seine Leute ins Gedächtnis, nicht rassistisch zu denken oder zu handeln. Offenbar ein Kernthema. Aktuell erinnern mich nämlich die Plakate der Kampagne «Chance» daran, mich zu erinnern, nicht rassistisch zu sein. Gut so. In der Erziehung reicht es in der Regel nicht, etwas einmal zu sagen.

Sanftes Mami, strenger Papi

So weiss ich nun also, dass ich Menschen, denen es mies geht, helfen soll. Wichtige Sache. Und ich wurde daran erinnert, Menschen mit Migrationshintergrund zu respektieren. Ebenso wichtig. Ich war zwar der Meinung, dies seit jeher zu beherzigen, aber eben: sicher ist sicher. In Sachen Anstand halfen mir in der Stadt Basel in jüngster Zukunft auch Plakate mit einem pinkfarbenen Gartenzwerg auf die Sprünge. Fair im Verkehr, lautet die Botschaft. Der Gartenzwerg macht vor, was ich nicht tun soll. NICHT anderen Verkehrsteilnehmern den Finger zeigen. Okay, verstanden. Aber jedes Jahr bringt neue Krisen und damit auch neue Chancen. Diesen Sommer möchte Neu-Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann im Besonderen die Stimmung am Rheinufer noch verbessern. «#RHYLAX» heisst das Projekt, das topmodern über die Sozialen Medien läuft, aber auch auf die altbewährten Plakate setzt. Die Botschaft gehört ebenfalls zu den Schlagwörtern guter Erziehung: Rücksicht und Respekt.

Gute Eltern ermahnen aber nicht nur, sie loben auch erwünschtes Verhalten. In Basel kommen Autofahrer in diesen Genuss. Benehme ich mich, zumindest was das Tempo angeht, im Verkehr korrekt, lockt seit Neuestem eine Belohnung in Form eines Lächelns. Auf Wunsch des Grossen Rates wurden an sechs Standorten elektronische Smileys montiert, die mit ihrem Gesichtsausdruck mehr oder weniger entzückt auf die Geschwindigkeit meines Autos reagieren. Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels darf mit dieser Aktion das sanfte Mami spielen, das motiviert und lobt. Polizeidirektor Baschi Dürr mimt derweil den strengen Papi und lässt den Schwererziehbaren, die einfach nicht gehorchen wollen, Bussen austeilen.

Fertig erzogen bin ich mit diesen Massnahmen aber noch lange nicht. Glaubt man den ständig neu lancierten Kampagnen und Projekten, scheint das sowieso ein nie endender Prozess zu sein. Ein wichtiges Thema ist dabei auch der Abfall. Littering lautet das Schlagwort. Der «Drägg-Sagg», den ich mittags periodisch zusammen mit meinem Sandwich erhalte, erinnert mich daran, die Reste davon nicht auf die Strasse, sondern in einen – von Künstlern motivierend zum «Kunstkübel» umgestalteten – Abfallkübel zu werfen. Aber halt: Ist noch ein Stück Sandwich im Papier, gehört dieses nicht in den Eimer. «Stop Food Waste», fordert der Kanton und platziert sich mit einem Infomobil im Kleinbasel. Mit Flyern, Broschüren und einem Essenstausch-Kistchen will man mich dazu motivieren, in Zukunft weniger Nahrungsmittel zu verschwenden. «Was du auf den Teller schöpfst, isst du auch auf», heisst es am heimischen Tisch. «Stop Food Waste» in der staatlichen Nacherziehung.

Ich lege die Beine etwas hoch

Vielleicht benötigen die Basler in naher Zukunft sowieso weniger Take-away-Verpflegung. Dann, wenn die hiesigen Männer in Scharen in ein Teilzeitmodell wechseln. Mit einer – natürlich – Plakatkampagne wollte man sie vonseiten der Gleichstellungsfachstelle jedenfalls dazu ermuntern. Gesündere Männer, bessere Väter will das Land. Ob als Mann oder Frau: Wie ich meine Familie an den freien Tagen auch daheim richtig ernähren kann, selbst da stehst du, lieber Staat, mir zur Seite. Projekte wie «Burzelbaum» und «Znünibox» sollen mir und anderen Betreuungspersonen helfen, meinen Sohn in einen Zustand zu bringen, in dem er rückwärts laufen und währenddessen an seinem flachen Bauch vorbei die eigenen Füsse sehen kann. Wie sollte ich auch selber wissen, dass ein Rüebli gesünder ist als eine Bratwurst?

Ein anderes Thema, das beide Geschlechter gleichermassen betrifft, hat sich schon vor Jahren der Bund unter den Nagel gerissen. Dank grosser APG-Werbung und TV-Spots weiss ich mittlerweile genau, was ich vor, während und nach dem Geschlechtsverkehr zu tun habe. Wenns juckt, zum Arzt, rät der Bund. Und «Love Life» – liebe das Leben. Welch schöne Botschaft. Keine Einwände: Auch Aufklärung gehört zur Erziehung.

Lieber Staat, vieles habe ich dank deiner unermüdlichen Intervention und Motivation bereits begriffen. In einigen Bereichen besteht jedoch weiterhin Bedarf. Ich trenne meinen Müll so ungern – könnte man da nicht wieder einmal eine Kampagne starten? Vielleicht ist es ja möglich, dafür den Gartenzwerg noch einmal zu buchen.

Und auch wenn du, Vater Staat, irgendwann mit mir fertig bist, gibt es noch viel zu tun. Meinen Sohn, den erziehe ich nämlich nicht, habe ich beschlossen. Das wäre doppelt gemoppelt. Spätestens dann, wenn er den Text auf deinen Plakaten lesen kann, übernimmst du ja sowieso. Ich lege derweil etwas die Beine hoch. Danke auch dafür. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.04.2017, 10:55 Uhr

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