Velo gegen Tram und Fussgänger

Das Mini-Trottoir vom Aeschenplatz: Wie Velofahrer mehr Sicherheit auf Kosten der Fussgänger erhielten.

Das Mini-Trottoir beim Aeschenplatz.

Das Mini-Trottoir beim Aeschenplatz. Bild: Enya Seiler

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Wir alle machen Fehler, sollten aber zwischen den «kleinen und grossen» unterscheiden. Um Grössenordnungen falsche Einschätzungen machen wir bei Risiken oder eben Wahrscheinlichkeiten für Not- oder Unglücksfälle. Dabei unterschätzen die meisten die natürlichen Risiken und überschätzen die menschgemachten wie Pestizid-Rückstände, CO2 oder gar Flugzeugabstürze und Terroranschläge.

Aber selbst bei technischen Risiken gibt es gewaltige Verzerrungen. Kürzlich sind bei einem Dammbruch am Mekong Hunderte von Menschen ertrunken, was kaum der Rede oder Schreibe wert war. Wäre auch nur ein Mensch an «Atomstrahlen» gestorben, hätte das ein weltweites Echo ausgelöst. Fakt ist, dass Nuklearstrom gemessen an den Toten pro Mengeneinheit am sichersten ist.

Das Mini-Trottoir

Womit wir bei der Messung wären. Vor einiger Zeit ist am Aeschenplatz der Trambetrieb rollstuhltauglich geworden. Vom Bahnhof SBB her fahren die Linien 8, 10 und 11 dorthin, wo eine neue Rampe den ebenerdigen Ein- und Ausstieg ermöglicht. Dieses Mini-Trottoir zwischen Tramschiene und zweispuriger Autofahrbahn ist jedoch bloss gut einen Meter breit, aber 10 cm hoch über der Strasse und muss einen Fussgänger-Gegenverkehr inklusive Rollstühle und Gedränge zwischen Ein- und Aussteigern bewältigen.

Auf der anderen Seite der Einbahnstrasse ist ein Velostreifen eingezeichnet. Dieser ist eher breiter und natürlich viel länger, jedoch ohne Gegenverkehr und Höhenunterschied. Seine Fläche ist sicher 50-mal grösser als die schmale Insel.

Verletzungs- und Todesfallrisiken

Machen wir doch eine kleine hypothetische Rechnung auf. An diesem schmalen Trottoir legen pro Stunde 20 Trams an mit 20 Ein- und Aussteigern und einer Betriebszeit von 15 Stunden. Das ergibt geschätzte 6000 Personen, die sich täglich auf diesem schmalen und überhöhten Unsicherheitspfad bewegen, und aufs Jahr gerechnet etwa 2 Millionen! Viel zu hoch geschätzt? Also reduzieren wir das auf die Hälfte und gehen von einer Million aus. Nehmen wir weiter an, jeder Tausendste mache einen Miss- oder Fehltritt und gerate so mit den Füssen auf Fahrbahn für Autos, und davon stolpere jeder Zehnte auf die Fahrbahn.

Also 1000 treten, und davon taumeln 100 kurz auf die Fahrbahn. Jeder Zehnte von Letzteren wird angefahren, davon einer tödlich. Ziemlich konservativ berechnet, aber schlimm vor allem im Vergleich mit der Velospur. Nehmen wir an, dass an 300 Tagen 300 Velofahrer vorbeifahren, was aufgerundet 100'000 Velopassagen pro Jahr ergibt – 10-mal weniger als Tram-Fussgänger auf der Umsteige-Insel. Zudem ist die Fläche des Velostreifens 50-mal grösser, sodass die Unfall-, Verletzungs- und Todesfallrisiken trotz höherer Geschwindigkeit mindestens 500-mal geringer sind – 10-mal weniger Personen mit 50-mal mehr Platz und ohne Gegenverkehr. Die Verletzungshäufigkeit durch Kollision mit einem Auto ist somit ein Velofahrer alle 5 Jahre und ein Toter alle 50 Jahre.

Die Bevorzugung der Velofahrer

Es geht nicht darum, ob diese Prognose richtig oder falsch ist; denn sicher ist sie falsch. Die entscheidende Frage ist, ob dieser Vergleich «robust» ist. Man kann an den Annahmen herumschrauben, wie man will, die krasse Bevorzugung der Velofahrer gegenüber den Tramumsteigern verschwindet nicht. Die Grössenordnung 500- bis 1000-mal riskanter lässt sich nicht beseitigen und verweist auf einen gravierenden Konflikt zwischen Velo- und umsteigenden Tramfahrern. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.08.2018, 14:40 Uhr

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