Wahlklatschen

Den Bürgerlichen wurde klar, dass es für sie ein Tag ohne Wunder werden wird, und die Linke fand alles wundervoll.

Wahlverlierer I. Baschi Dürr und der Versuch, festzuhalten, was nicht wirklich festzuhalten war.

Wahlverlierer I. Baschi Dürr und der Versuch, festzuhalten, was nicht wirklich festzuhalten war. Bild: Florian Bärtschiger

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Martina Bernasconi trug kein Parfüm, aber sie roch ein klein wenig nach Enttäuschung. Weil die Grünliberalen zumindest nach der Auswertung der brieflichen Stimmen mit drei Sitzen nicht mehr Frak­tionsstärke haben und sie dann auch nicht Grossratspräsidentin werden würde. Da nützen auch Küsse nichts mehr.

Es ist Sonntag, kurz nach Mittag und Wahl in Basel, oben im Congress Center, das gerade die Jobbörse für Basler Politikerinnen und Politiker ist. Es wird ein Tag, an dem die bürgerlichen Hoffnungen auf den Boden fallen wie die Blätter der Bäume draussen. Tischchen stehen herum, Journalisten und der Glanz und Abglanz der Basler Politprominenz. Noch nicht da ist das, was Tanja Soland die Boygroup Basels nennt, also Dürr, Cramer, Engelberger und Nägelin. «Ich vermute, die sind noch zu Hause, nehmen sich ein Bad und überlegen dann erst einmal, was sie anziehen sollen.» Anita Fetz übrigens nennt sie die Babyboomer- Generation, sagt irgendwas von PolitKlonen, aber das habe ich wohl nicht richtig verstanden, weil Elisabeth Ackermann im Siegesräusch­chen geradezu vorbeiflattert, abgeht wie eine Luftgitarren-Ballade und dabei hechelt: «Ich bin schon ganz verwirrt.»

Da ist sie nicht alleine. Hampe Wessels steht auch ein wenig, wenn auch tapfer, verwirrt neben sich. Sein Lachen ist wie eine stillgelegte Baustelle, er wirkt wie weggebaggert und hält sich so gut es geht am tollen Resultat seiner Partei fest, das ihr trotz ihm, muss man sagen, gelungen ist. Früher war es mal ein bisschen auch wegen ihm, aber es ist halt so, dass Wessels einfach vom eigenen Verkehrskonzept überfahren wurde.

Das ist das grösste Rätsel an diesem Mittag im Congress Center: Weshalb die SP – ich wollte jetzt sagen –Wahlsieger geworden ist. Aber das ist dann doch etwas übertrieben, aber verloren hat sie auch nicht. Dass Steuermutter Eva das beste Resultat erzielen würde, kann man verstehen, wenngleich dann doch nicht wirklich begreifen. Dass Brutschin stimmenmässig mehr oder weniger dicht aufgeschlossen hinter ihr herlaufen würde, ist auch keine Überraschung. Und dass, wenn wir schon dabei sind, Engelberger das dritt-­ beste Resultat erzielt, verwundert keinen, der den Satz kennt, dass wer wenig macht, auch viel weniger falsch machen kann.

Weshalb also halten sich die Sozis? Weil, so toll, für wie sie sich selbst halten, ist die Partei ja auch nicht, um ehrlich zu sein; inhaltlich, also ideologisch, ein wenig veraltet, die politischen neuen Rezepte (Velo, alles öko und so weiter) sind ein Eklektizismus und inspirativ scheinen sie nicht gerade üppig geküsst. Vielleicht fasst – um zu verstehen was gerade passiert – der Gedanke vom kleineren Übel, und das Halten des Status quo der SP ist nur die Schwäche der Bürgerlichen. Mir schien, der Erfolg der SP überrumpelte nicht nur die Bürgerlichen, sondern überraschte auch die Partei selbst.

Ich glaube, der Sieg der SP liegt daran, dass sie neuerdings ein Maskottchen haben: Bolle. Wenigstens war er im «Mexico»-Zimmer, in das sich die Linke, also die SP und das GB, zurückgezogen haben, um Elisabeth zu feiern und Hampe zu trösten. Bolle ist ein Mops im Bulldoggengewand, und natürlich war da sofort einer von der Wahlverlierer-Partei FDP, der sagte, die sagen nur, er heisse Bolle, der wirkliche Name sei Eva. Aber das muss man verstehen, die FDP kommt an diesem Sonntag wirklich grad auf den Hund und kann jetzt kaum einmal mehr «Sitz» machen.

Es ist wirklich so, dass in diesem Wahlkampf die Maskottchen den Ausschlag gegeben haben. Weil die Ausweitung des politischen Programmes durch ein Hundemaskottchen den Unterschied zwischen Sieger und Besiegten machte, sieht man einmal von der Schlappe Wessels ab. Der eigentliche Sieger der Wahl ist ja die LDP, und die haben auch ein Hundemaskottchen, einen White Terrier, Conny heisst sie. Ich glaube, dass sich nun – und im Hinblick auf den zweiten Wahlgang Ende September – auch bis jetzt hundelose Parteien vierbeinig aufmunitionieren werden, die FDP vielleicht gar mit zwei Hunden, und dass irgendwann schliesslich der am besten dressierte Parteihund gewählt wird.

Es ist jetzt 16.15 Uhr. Auftritt Boy­group. Alle da, bis auf Engelberger, so wie es aussieht. Dürr sieht aus, als ob sein Dienstwagen nicht gekommen wäre und er durch den Regen laufen musste. Nägelin scheint einen akuten Schwund der Muskelmasse erlitten zu haben, und beim tadellosen Cramer wird klar, dass er seine Stimmen in der Schwiegermutter-Fraktion geholt hat.

Kurz darauf: Solo-Auftritt Nägelin, ein Verlierer im Scheinwerfer. Wirkt sympathisch, aber doch wie ein Mann, der sich ein kaltes Bad so lange warm- redet, bis er ins Schwitzen kommt. Sagt Sachen wie: «Ich hab fast gleich viele Stimmen wie Heidi Mück. Ich bin bereit für den zweiten Wahlgang.» Und so weiter.

Herr Nägelin: «Haben Sie einen Hund?»

«Nein.»

«Ich glaube, mit Hund hätten Sie Heidi Mück weit hinter sich gelassen.»

«?»

Genau so ist es, Nägelin bleibt ein Fragezeichen.

Es freut mich, als Feminist, der ich auch bin, festzuhalten, dass die Frauen an diesen Wahlen die Hosen anhaben: Herzog, Ackermann und im Hintergrund auch Patricia von Falkenstein, die Präsidentin der LDP-Conny-Partei. Auf dem Marktplatz der einst und künftig Mächtigen gilt sie jetzt als Lady Death, weil sie der FDP die Sitze unter dem Hintern weggezogen haben soll.

Es gibt diese Planspiele in Hinblick auf den zweiten Wahlgang, es sind Spekulationen und Rettungsmanöver. Dass es für Nägelin ohnehin keine Rettung mehr gibt und deshalb Frau von Falkenstein antreten solle gegen Dürr und Wessels und wohl auch Heidi Mück, die grad im Superflow ist und endlos weiter kandidieren möchte. Es gibt auch Stimmen, die sagen, dass Baschi Dürr nicht mehr antreten sollte. Weil, sollten die Bürgerlichen auch noch die Wahl des Regierungspräsidenten verlieren, der geplante «Uffbruch» zum finalen Schiffbruch werden würde. Und, ich sags ungern, Baschi wirkt grad wie ein Mann, der so final durchgespült wird, dass er gerade etwas die Orientierung verloren hat.

Es ist jetzt bald halb sechs, Showdown-Zeit: Baschi Dürr raucht eine letzte Zigarette als noch gewählter Regierungsrat, Ackermann spielt weiter Luftgitarre, Heidi Mück flippt schon vor dem Endresultat aus wie eine Party auf Goa kurz vor Sonnenaufgang, Wessels hat einen Nachmittag mit Altersschub hinter sich, Brutschin wirkt jünger, Herzog übt Lächeln, Engelberger keeps on being Engelberger irgendwie, ist also da und gleichzeitig doch nicht ... und dann kommt das Endresultat.

Den Bürgerlichen wird unverzüglich klar, dass es für sie ein Tag ohne Wunder werden wird, und die Linke findet alles wundervoll. Bei der FDP ist es so, dass mehr Sicherheitspolizisten da sind als Leute aus der Parteispitze. Heidi Mück ist definitiv Nägelin-Besiegerin und tut so, als ob sie eine neue Daseinsstufe erreicht hat, mindestens Nirwana. Baschi Dürr scheint nichts mehr zu haben als Personenschutz. Wessels sucht sein Lachen, Herzog hört wieder auf damit, Cramer lächelt so, als ob er gerade für eine Reise mit dem Traumschiff eincheckt, Ackermann ist immer noch verwirrt, but on a higher level, und Brutschin, na ja, Brutschin ist einfach gewählt.

Es ist jetzt sieben Uhr abends an diesem Tag der Sieger und Besiegten, einem Tag, an dem Träume wahr und Hoffnungen begraben wurden. Ein Tag, an dem das Vergangene das Gegenwärtige bleibt und das Zukünftige sein wird.

Umfrage

Der bisherige Regierungsrat Baschi Dürr (FDP) muss in den zweiten Wahlgang. Wird er die Wiederwahl schaffen?

Ja

 
40.0%

Nein

 
60.0%

1961 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 24.10.2016, 07:38 Uhr

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