«Wessels soll endlich ein Machtwort sprechen»

Verkehrspolitiker machen die Führungsspitze der Basler Verkehrsbetriebe für das Schienendebakel verantwortlich.

Hohe Kosten. Dass der Schienenverschleiss bei den neuen Trams höher ist, weiss die BVB-Spitze schon lange.

Hohe Kosten. Dass der Schienenverschleiss bei den neuen Trams höher ist, weiss die BVB-Spitze schon lange. Bild: Ch. Jaeggi

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Der Sündenbock war rasch gefunden. Nachdem letzte Woche der Direktor der Basler Verkehrsbetriebe (BVB), Erich Lagler, bekannt gegeben hatte, dass Wartungsfehler an den Tramrädern in den vergangenen sechs bis acht Monaten zu einem übermässigen Verschleiss des Schienennetzes geführt haben, wurden zwei Technik-Mitarbeiter vom Dienst suspendiert (die BaZ berichtete).

Für Michael Wüthrich, grüner Grossrat und Präsident der Umwelt-, Verkehrs- und Energiekommission des Grossen Rats (Uvek), holpert es etwas bei Laglers Argumentation: «Ich frage mich, warum kurz nach dem Schienenzustandsbericht eine erneute Medienkonferenz auf die plötzlich auftretenden, zusätzlichen, scheinbar neuen Verschleisse gehalten wurde», sagt Wüthrich zur Basler Zeitung.

Abnutzung und Verschleiss

Dass alleine in den vergangenen sechs bis acht Monaten eine so starke Abnutzung des Schienennetzes stattgefunden habe, wie dies die BVB-Spitze behauptet, kann Wüthrich nicht glauben. «Das Problem mit den maroden Gleisen ist schon viel länger bekannt», sagt er und verweist auf den Bericht der Uvek zum ÖV-Programm vom Januar 2017.

«Wenn der Verschleiss so kurzfristig anzusetzen wäre, warum ist dann auch auf anderen Schienenabschnitten, wo keine Combinos fahren, ein hoher Verschleiss zu beobachten?», fragt Wüthrich. Denn auf dieser Strecke verkehren nur die Tangos der BLT und keine BVB-Trams.

Sparprogramm als Grundproblem

Der grüne Politiker hat kein Verständnis für das Informationsverhalten der BVB-Spitze. «Uns wurde gesagt, man habe alles im Griff. Und jetzt plötzlich kommt man doch zum Schluss, dass mehr gemacht werden muss.»

Am 25. Januar 2017 hatte die Uvek einen Bericht zuhanden des Regierungsrats Basel-Stadt verfasst. «Die Tramgleise befinden sich gemäss BVB an vielen Stellen in einem desolaten Zustand», hiess es da. Und schon damals war klar: «In der Vergangenheit ist der Unterhalt vernachlässigt worden; es besteht ein eigentlicher Erhaltungsstau – und zwar schon seit mindestens zehn Jahren.»

Zeitbombe

Der BVB-Spitze war zu jenem Zeitpunkt bereits klar, dass eine infrastrukturelle Zeitbombe tickt. Denn die BVB setzten auf eine organisatorische Veränderung und einen neuen Leiter im Bereich Infrastruktur. Dieser gab sich Ende 2016 in Gesprächen mit der Uvek guter Dinge. Nach der Reorganisation und den personellen Massnahmen sei es «keine Herkules-Aufgabe», die Qualität der Infrastruktur der BVB wieder auf Vordermann zu bringen und anschliessend auf dem erreichten höheren Niveau zu halten.

Mit einem besonderen Effort in den nächsten drei bis vier Jahren würden die angestauten Erhaltungsarbeiten an der Infrastruktur abgebaut werde können. «Das war vor rund zwei Jahren», sagt Wüthrich. «Und jetzt ist das Problem schlimmer denn je. Dass ein Erhaltungsstau dieses Ausmasses überhaupt entstehen kann, ist nicht nachvollziehbar.»

Sparen als Credo

Wenn Wüthrich die Ursache für die heutige Schienensituation analysiert, blättert er weit zurück. Für ihn hat das Problem mit der Auslagerung der BVB 2006 begonnen. «Ich sehe es als eine indirekte Folge dieses Entscheides», sagt er. «Plötzlich kommen Leute in die Führungsetage, die Sparen als Credo haben. Wenn jährlich 20 Prozent eingespart werden sollen, wird irgendwann die Wartung vernachlässigt.»

Die Folgen dieses Manager-Geistes würden sich aber bei einem Transportunternehmen von dieser Grösse anders auswirken als in einem Privatunternehmen. «Wenn der Manager in einer Firma scheitert, ist er gegenüber den Aktionären verantwortlich und wird aufgrund der Misswirtschaft entlassen.

Ein Machtwort

Bei den BVB ist aber der Kanton der Besitzer. Wenn die Qualität abnimmt, hat das Auswirkungen auf die Benutzer des ÖV», so Wüthrich. Er sagt, jetzt sei das Handeln von Regierungsrat Hans-Peter Wessels (SP) als Vertreter des BVB-Eigners gefragt.

Gleich sieht es SP-Grossrat und Verkehrspolitiker Jörg Vitelli. «Es ist jetzt an der Zeit, dass der Eignervertreter sich einschaltet und ein Machtwort spricht», sagt Vitelli. «Es braucht personelle Veränderungen in der BVB-Führung, nicht nur im Verwaltungsrat.»

Ausserordentlicher Verschleiss

Die BVB sehen keinen Zusammenhang zwischen den sich anstauenden Sanierungsarbeiten an dem Gleisnetz und den unlängst genannten Verschleisserscheinungen. Claudia Demel, Mediensprecherin der BVB, erklärt auf Anfrage, die vor einer Woche kommunizierten Schäden an den Schienen und Weichen hätten nichts mit den allgemein «stark oder sehr stark» verschlissenen Gleisanlagen der BVB zu tun, wie sie im Netzzustandsbericht 2017 kommuniziert worden sind.

«Diese jetzt entdeckten ausserordentlichen Schäden haben nichts mit dem Netzzustand zu tun, weil sie auch an neueren Anlagen wie am Steinenberg auftreten», sagt Demel. Dazu, dass es auch auf Strecken zu Verschleiss gekommen sei, auf denen gar keine BVB-Trams verkehren, haben die BVB keine Informationen.

Ergreifen von Massnahmen

BVD-Vorsteher Wessels wurde von den BVB vor der Öffentlichkeit über den Zustand des Schienennetzes informiert. Auf Anfrage verweist der Verkehrsdirektor darauf, dass der Betrieb inklusive Unterhalt der Fahrzeugflotte und der Schienen in die Zuständigkeit der BVB falle. «Der Regierungsrat erwartet, dass die BVB die Lebensdauer der Infrastruktur verbessern und somit sicherstellen, dass die Zahl der Baustellen reduziert werden kann.» Das sei vom Regierungsrat in der Eignerstrategie so festgehalten. Wessels: «Wir erwarten, dass die BVB umgehend die notwendigen Massnahmen ergreifen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.08.2018, 07:26 Uhr

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