Wie Klein-Abdul und Dane Deutsch lernen

Vier von zehn Dreijährigen erhalten in Basel Sprachförderung.

Jeweils im Januar werden alle Eltern angeschrieben, die ein Kind haben, das eineinhalb Jahre vor dem Kindergarten-Eintritt steht.

Jeweils im Januar werden alle Eltern angeschrieben, die ein Kind haben, das eineinhalb Jahre vor dem Kindergarten-Eintritt steht. Bild: Keystone

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Die Thurgauer Kantonsparlamentarier hievten kürzlich die mangelnden Deutschkenntnisse von Vorschulkindern auf Bundesebene (BaZ vom 12.2.). Mit einer Standesinitiative wollen sie eine Änderung der Bundesverfassung erreichen: Eltern, die sich vor Schuleintritt zu wenig um die Integration ihrer Kinder gekümmert haben, sollen deren Deutschunterricht selber bezahlen.

Basel geht einen anderen Weg und der bewährt sich seit Jahren. Auch dort spielte sich während Jahren dieselbe Geschichte wie in anderen Kantonen ab: Kinder wurden in den Kindergarten eingeschult und verstanden kein Wort. Als Politikerinnen von den Nöten der Kindergärtnerinnen hörten, reichten sie Motionen ein – mit Erfolg. 2013 wurde ein Pilotprojekt zur Deutschförderung von Kleinkindern eingeführt. Seit 2016 ist diese Massnahme im Schulgesetz verankert.

Eineinhalb Jahre vor Kindergarten-Eintritt

Die Frühe Deutschförderung Basel ist ein ausgeklügeltes System, wie Fachstellenleiterin Susann Täschler sagt. Jeweils im Januar werden alle Eltern angeschrieben, die ein Kind haben, das eineinhalb Jahre vor dem Kindergarten-Eintritt steht. «In diesem Jahr waren es 1721 Familien», sagt Täschler.

Die Eltern erhalten einen Fragebogen, mit welchem sie die Deutschkenntnisse ihres Kindes beurteilen – dieser liegt derzeit in zwölf Sprachen vor. Darin wird beispielsweise gefragt, ob das Kind bestimmte Tätigkeiten auf Deutsch benennen kann. Versehen ist er mit Bildern, etwa von einem essenden oder einem rennenden Kind. Die Frage lautet: «Kann ihr Kind die Tätigkeiten auf Deutsch benennen? Das wird mit einem Kreuz bestätigt oder verneint.

Wächst ein Kind deutschsprachig auf, können Eltern dies auf dem Fragebogen bestätigen und müssen die nachfolgenden Fragen nicht beantworten. Die eingereichten Fragebogen werden sodann von einem Studierenden-Team der Uni Basel ausgewertet. So wird eruiert, welches Kind einen Förderbedarf aufweist. Die Psychologische Fakultät der Uni hat übrigens den Fragebogen auch erstellt.

Busse für ein bis zwei Familien

Alle Eltern müssen den Fragebogen ausfüllen und ans Erziehungsdepartement zurückschicken. «Der Rücklauf ist fantastisch», sagt Täschler. Nach zwei Wochen erhalte die Abteilung Volksschulen beim Erziehungsdepartement bereits 50 Prozent zurück. Insgesamt liegt die Rücklaufquote der Fragebogen bei 99,8 Prozent. Allerdings müssen rund 15 Prozent der Eltern erinnert werden. Wenn das nicht ausreicht, werden sie gemahnt und falls sie noch immer nicht reagieren, werden sie gebüsst. «Jedes Jahr gibt es eine oder zwei Familien, bei denen der Fragebogen erst nach einer Busse zurückkommt», sagt Täschler.

40,1 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe wurden im vergangenen Jahr zur Deutschförderung verpflichtet – rund 670 Kinder, Tendenz steigend. Neben dem Trend, dass von Jahr zu Jahr mehr Kinder über unzureichende Deutschkenntnisse verfügen und deshalb verpflichtet werden, setze sich also die «Verdichtung» dieser sprachunkundigen Kinder in den Spielgruppen fort, schreibt das Erziehungsdepartement.

Mindestens zwei Halbtagen pro Woche

Selbstverständlich ist diese Förderung keine Schulung im klassischen Sinn. Es wäre kaum kindsgerecht, wenn Abdul oder Dane im zarten Alter von drei Jahren in einen Kurs sitzen müssten. Die Eltern werden jedoch verpflichtet, ihr Kind während 38 Schulwochen an mindestens zwei Halbtagen pro Woche in eine deutschsprachige Spielgruppe oder eine andere deutschsprachige Institution, beispielsweise eine Kita, zu schicken.

Zwei Drittel der Eltern entscheiden sich in der Folge für eine Spielgruppe. Dort erhält das Kind im Alltagsumgang eine Ahnung der hiesigen Sprache. «Diese Methode nennt sich alltagsintegrierte Sprachförderung», sagt Täschler. Schicken die Eltern ihr Kind in eine der 40 Sprachförder-Spielgruppen des Kantons, werden die Elternbeiträge vom Kanton übernommen. Diese Kosten belaufen sich pro Kind und Jahr auf rund 3500 Franken.

Unterschiedliche Rückmeldungen

«Wir erhalten von den Kindergärtnerinnen unterschiedliche Rückmeldungen», sagt Täschler. Ein Grossteil beurteile den Entwicklungsstand der so vorbereiteten Kinder sehr positiv, andere hätten zu hohe Erwartungen an die Frühe Deutschförderung und sind enttäuscht, dass die Kinder beim Kindergarten-Eintritt nicht besser Deutsch können. «Das Optimale können wir mitmaximal 76 Besuchen in einer Spielgruppe nicht erreichen», sagt die Projektleiterin. Dennoch könne das Kind viel mehr, als wenn es die Frühe Deutschförderung nicht gäbe. Die Kinder verstehen danach einfache Anleitungen, können miteinander in Kontakt treten und seien gewohnt, vieles selbstständig zu tun.

Eine Studie der Uni Basel stellt fest, dass Kinder mit geringen Deutschkenntnissen bereits von zwei Halbtagen eines Besuchs in einer deutschsprachigen Einrichtung profitieren. Diese Kinder mit Migrationshintergrund wiesen deutlich bessere Deutschsprachkenntnisse auf als solche, welche keine besuchten.

Deutliche Fortschritte

In einer Evaluation kommt ein Team der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) zum selben Schluss. Im Verlauf des Jahres würden für fast alle Kinder deutliche sprachliche Fortschritte beobachtet. Sie würden mit gestärkten kommunikativ-pragmatischen Kompetenzen in den Kindergarten eintreten.

So wird die Frühförderung von der SVP auch nicht grundsätzlich in Frage gestellt: «Das Problem kann in den kommenden Jahren wohl nicht ganz behoben werden. Doch es ist besser als gar nichts», sagt Joël Thüring, Mitglied der grossrätlichen Bildungskommission.

Umfrage

Frühförderung ist im Schulgesetz verankert. Vier von zehn Dreijährigen erhalten Sprachunterstützung. Soll man Kinder mit Deutschproblemen mit Frühförderung unterstützen?

Ja

 
66.9%

Nein

 
33.1%

770 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 16.02.2019, 07:49 Uhr

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