«Wir haben mit Schweiss den Fortschritt erkämpft»

Ur-Feministin Ursa Krattiger will die liberalen Kräfte unterstützen, die sich gegen den fundamentalistischen Islam stellen.

«Ich freue mich sehr an Musliminnen, aber auch unreligiösen Frauen mit islamischem Hintergrund, die barhäuptig und hoch erhobenen Hauptes unter uns einherschreiten!»

«Ich freue mich sehr an Musliminnen, aber auch unreligiösen Frauen mit islamischem Hintergrund, die barhäuptig und hoch erhobenen Hauptes unter uns einherschreiten!» Bild: Keystone

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Die SP Schweiz will in Zusammenarbeit mit den hiesigen islamischen Dachverbänden den Islam als Landeskirche einführen. Zudem spricht sich die Parteileitung gegen das von der SVP lancierte Burka-Verbot aus. Stephanie Siegrist, Basler Historikerin und Juristin, kämpft mit ihrer Gruppe Integra Universell gegen diese Pläne der SP Schweiz an.

Sie ist selbst SP-Mitglied, will aber keine öffentlich-rechtliche Anerkennung der islamischen Dachverbände, da deren teils konservative und fundamentalistische Auslegung im Widerspruch zur angezielten Geschlechtergleichstellung der Linken stehe. Weiter bezeichnen sie und ihre Mitkämpfer in einem 27-seitigen Grundlagenpapier religiöse Verhüllungspraktiken wie die Burka und andere Verschleierungen als frauenverachtend. Die BaZ traf sich mit der Basler Ur-Feministin Ursa Krattiger zum Gespräch über die aktuelle Islam-Debatte.

BaZ: Frau Krattiger, Sie sind Historikerin, Politologin mit Spezialgebiet Menschenrechte und beschäftigen sich mit feministischer Theologie. Was halten Sie vom Grundlagenpapier von Stephanie Siegrist?
Ursa Krattiger: Ich freue mich riesig über die Kampagne dieser jungen, mutigen Frau. Es geht um klare Regeln: Ich will nicht mehr zurück an den Ort, bevor wir Frauen uns mit Schweiss, Tränen, Beharrlichkeit und unendlich viel Geduld entscheidende Fortschritte im 20. Jahrhundert erkämpft haben.

Doch gerade viele der Parteigenossen verurteilen Siegrist für ihre klaren Worte.
Leider scheint aus dem öffentlichen Bewusstsein geschwunden zu sein, wie viel es brauchte, damit nach den Religionskriegen die Staatsräson entwickelt wurde und die verschiedenen Konfessionen tolerant miteinander umgingen. Dank den Menschenrechten, der Französischen Revolution und den europäischen Verfassungen des 19. Jahrhunderts hat sich immer mehr ein laizistisches System heranbilden können. Zudem kann in der Zivilgesellschaft jeder und jede die eigene religiöse Haltung oder nicht-religiöse Weltanschauung leben und sich politisch und zu gesellschaftlichen oder kulturellen Fragen frei äussern.

Dies scheint die SP vergessen zu haben?
Uns ist heute nicht mehr gegenwärtig, wie lange dieser Prozess gedauert hat, wie viel Blut dafür vergossen wurde und wie viel dafür gelitten werden musste. Meines Erachtens sind der erstrittene freiheitlich-demokratische Staat und die pluralistische, offene Zivilgesellschaft viel zu kostbar, als dass wir sie aus Rücksicht auf fundamentalistische Religionsgruppen aufs Spiel setzen können. Wenn es um Grundrechte der Bundesverfassung wie die von Mann und Frau geht, müssen wir klare Grenzen setzen. Wir sollten auch konsequent jene liberalen und freiheitlichen Kräfte unterstützen, die sich für Reformen und Offenheit einsetzen und deshalb von patriarchal-konservativen Islam-Verbänden bekämpft werden.

Wer den Fundamentalismus und die Rückwärtsgewandtheit des Islam kritisiert, wird gerne belehrt, dass auch die katholische Kirche vor Kurzem an diesem Punkt war und bis heute Frauen diskriminiert.
Auch da endet mein Verständnis als Frau und Feministin. Aber Protestanten und Katholiken führen seit Jahrhunderten keine Religionskriege mehr, etwa wegen unterschiedlicher Deutungen des Abendmahls.

Was halten Sie als Ur-Feministin von der Geschlechtersegregation und Vollverhüllung der Frauen im Islam?
Ich freue mich sehr an Musliminnen, aber auch unreligiösen Frauen mit islamischem Hintergrund, die barhäuptig und hoch erhobenen Hauptes unter uns einherschreiten!

Soll man da Kompromisse machen?
Faule Kompromisse stören auf die Dauer ein friedliches Zusammenleben. Sehen Sie, Frauenrechtlerinnen haben im 20. Jahrhundert für ihr Recht auf Arbeit auch als verheiratete Frau gekämpft, für das Stimmrecht, das Mitspracherecht in der Partnerschaft oder ein neues Eherecht. Ich fände es eine Katastrophe, würden wir die Zeit wieder zurückdrehen. Aber das Thema Backlash ist aktuell und hat verschiedene Ursachen. Doch Fundamentalismus passt nicht zu einer pluralistischen Kultur.

Lediglich 20 Prozent der zugezogenen muslimischen Menschen sind in Vereinen organisiert. Viele der restlichen 80 Prozent gehen kaum je in eine Moschee. Müssten sich diese häufiger äussern?
Das wäre sehr gut. Unter engagierten muslimischen Frauen sind ihre Rechte stets ein Thema. Viele sind schon lange in die Schweiz oder auch nach Deutschland gekommen, weil sie Hoffnungen auf die freiheitlichen Errungenschaften Europas gesetzt haben. Solche Frauen sind genauso dagegen, sollten ihre Rechte durch fundamentalistische Vorstellungen und Praktiken beschnitten werden, wie das Frauen mit einem christlichen oder linken Hintergrund wären.

Glauben Sie, dass sich die liberalen Kräfte unter den Muslimen durchsetzen und Reformen möglich sind?
Ich hoffe, dass dieses Grundlagenpapier von Stephanie Siegrist etwas auslösen kann. Es ist wichtig, dass wir aus unserem Dämmerschlaf aufwachen. Ich finde es ebenfalls gut, dass SP-Präsident Christian Levrat das Thema auf den Tisch gelegt hat, auch wenn sein Vorstoss suboptimal ist. So hat Siegrist Gelegenheit, zu kontern. Die Debatte ist eröffnet. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.06.2018, 13:58 Uhr

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