«Wir möchten uns in Basel mehr öffnen»

SRF-Kulturchef Stefan Charles über inhaltliche und räumliche Baustellen.

Der Kulturmensch. Stefan Charles (50) sieht sich nicht als Manager, der nur auf das Geld achtet. Foto SRF/Pascal Mora

Der Kulturmensch. Stefan Charles (50) sieht sich nicht als Manager, der nur auf das Geld achtet. Foto SRF/Pascal Mora

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BaZ: Als SRF Ihre Wahl zum neuen Kulturchef bekannt gegeben hat, wurde in der Mitteilung vor allem Ihre Managementerfahrung gerühmt. Sehen Sie sich selber als typischer Kulturmanager?

Stefan Charles: Ich habe sicherlich die erforderliche Ausbildung, die es für ein Kulturmanagement braucht, aber dieser Begriff hat sich in den letzten Jahren auch sehr stark verändert.

Inwiefern?
Es gab eine Zeit, da glaubten die Kulturpolitiker, es brauche in den Kulturinstitutionen neben dem künstlerischen Leiter eine Art Aufpasser, der zum Geld schaut. So habe ich meine Aufgabe jedoch nie verstanden und diese Rolle hätte mich auch gar nicht interessiert. Im Kunstmuseum Basel pflegte ich mit dem Direktor Mendes Bürgi eine Zusammenarbeit, die auf die jeweiligen Fähigkeiten und Interessen des anderen abzielte. So haben wir die Leitung dieses Hauses sehr gut aufteilen können. Ich war mehr für operative und bauliche Fragen zuständig und er für inhaltliche und wir konnten uns somit bestens ergänzen. Auch die Mitarbeiter am Museum haben mich mehr als Ermöglicher kreativer Ideen erlebt, denn als Manager, der nur auf die Zahlen schaut.

Hat es Sie nie gereizt, ganz auf die künstlerische Seite zu wechseln?
Mit der Fertigstellung des Erweiterungsbaus sind plötzlich einige Angebote an mich herangetragen worden, darunter auch private Museen in Europa, die mich als künstlerischen Direktor engagieren wollten. Ich habe mir das auch einen Moment lang überlegt. Der Direktor der Fondation Beyeler, Sam Keller, ist das klassische Beispiel für jemanden, der selber kein abgeschlossenes Kunststudium vorweisen kann, sondern aus einer anderen Ecke kommt. Doch dann hat sich diese spannende Aufgabe bei SRF ergeben und die entspricht sehr stark meiner Persönlichkeit.

Hat Ihr Leistungsausweis am Basler Kunstmuseum den Ausschlag für Ihre Wahl gegeben?
Das müssen Sie Ruedi Matter und alle in den Findungsprozess integrierten Gremien fragen. Meine Rolle in Basel hat mir dabei sicher nicht geschadet, sie war ja auch ein Höhepunkt in meiner bisherigen Karriere und hat mir Aufmerksamkeit eingebracht. Ich glaube aber nicht, dass meine Arbeit in Basel alleine den Ausschlag zur Wahl gegeben hat.

Inwiefern hat die Tatsache, dass Basel in der Schweizer Kulturszene einen guten Namen hat, geholfen?
Es ist tatsächlich so, dass die Kulturinstitutionen und die Kulturschaffenden in Basel einen sehr guten Ruf haben. In Basel funktioniert die Kultur in einem engen Netz ganz hervorragend. Gut vernetzte Personen wie Philippe Bischof machen denn auch ausserhalb von Basel Karriere. Ich glaube, dass die Leute, die in Basel erfolgreich sind, auch in der übrigen Schweiz einen guten Job machen. Basel ist einfach eine super Schule und das wird von aussen auch so gesehen.

In Basel waren Sie zuletzt für den Erweiterungsbau mitverantwortlich. Auch bei SRF tragen Sie nun die Verantwortung für ein Bauvorhaben, das die Überführung der Kulturabteilung in 2019 nach Basel zum Ziel hat.
Ja, das stimmt. Es ist spannend und hilfreich, dass man das vorher Gelernte am neuen Ort anwenden kann. Deshalb habe ich mich vom ersten Tag an bei SRF Kultur sehr wohl gefühlt. Nicht nur wegen des guten Mitarbeiterteams hier, sondern weil ich wusste, dass mir mein bisheriger Rucksack hilft und ich meine Ideen einbringen kann.

Sind Sie jetzt eine Art Oberbauleiter?
Nein, wir haben bei SRF bereits einen sehr kompetenten Projektleiter für das Bauvorhaben in Basel. Damit habe ich gar nicht so viel zu tun. Ich sehe meine Aufgabe mehr darin, zu hinterfragen, was der Wechsel der Kulturabteilung nach Basel bedeutet, welche Chancen sich daraus ergeben und was Basel von diesem Zuzug erwarten kann.

Die Suche nach einem Standort in Basel hat sich lange hingezogen. Ist jetzt beim Bahnhof der richtige Ort gefunden?
Ja, dieses Projekt ist grossartig. Herzog & de Meuron sind für den Rohbau und Diener & Diener für den Innenausbau verantwortlich. Besser geht es gar nicht. Ich finde auch den Standort sehr gut. Hier haben wir die Möglichkeit, auf drei Stockwerken Arbeitslandschaften einzurichten, die zeitgemäss und zukunftsfähig sind und eine enge Zusammenarbeit ermöglichen.

Nicht alle Mitarbeitenden sind glücklich, dass ihr Arbeitsplatz nach Basel verlegt wird. Konnten Sie diese vom neuen Standort überzeugen?
Das ist eine meiner aktuellen Aufgaben. Ich glaube aber, die Zurückhaltung einiger Mitarbeiter hat nichts mit dem Standort Basel oder mit dem neuen Gebäude zu tun, sondern einfach damit, dass sie und ihre Familien in Zürich und im Umland verwurzelt sind. Sie müssen dann einen langen Arbeitsweg in Kauf nehmen. Aber wir führen bis Ende Jahr mit allen Betroffenen Gespräche und schauen, dass wir individuelle Lösungen finden. Stimmen gegen den neuen Standort Basel habe ich keine gehört.

Worin sehen Sie persönlich die Vorteile des Standorts Basel?
Hinter dem Ganzen steht natürlich der föderalistische Gedanke. Die SRG hat ja bereits verschiedene Standorte in der Schweiz. Ich persönlich finde Basel natürlich toll, mir gefällt es hier sehr. Ich nehme Basel als konzentriertere Kulturstadt als Zürich wahr. Nicht, dass in Zürich weniger los wäre, aber es ist hier schwieriger, den kulturellen Zusammenhang zu finden. In Basel hingegen stolpert man bei fast jedem Schritt über Kultur. Aber davon abgesehen ist der Standort beim Bahnhof für uns ideal. Es wird dort zwei Restaurants geben und ein Auditorium, denn wir möchten uns in Basel mehr öffnen. Die Bevölkerung soll an Sendungen teilnehmen und uns auch Inputs geben können. Wir stellen uns vor, an verschiedenen Orten in Basel Aufzeichnungen zu machen. Und unsere Mitarbeiter werden sich natürlich auch in den Basler Kulturinstitutionen bewegen.

In Basel werden durch den Zuzug von SRF Kultur sicher auch Erwartungen geweckt. Welche sind realistisch?
Wir werden am 5. September mit der SRG-Trägerschaft in Basel nochmals eine grosse, öffentliche Veranstaltung durchführen. Dabei wollen wir darlegen, was wir in Basel machen und was wir uns von Basel erhoffen. Mit unserer stärkeren Präsenz warten wir aber nicht bis 2019 zu. Der philosophische Stammtisch der «Sternstunden» wird bereits am 17. Oktober erstmals im Sud aufgezeichnet und wenn das gut funktioniert, folgen dort ab 2018 fünf Sendungen pro Jahr. Wir wollen auch mit Radio SRF 2 Kultur mehr raus zu den Leuten. Es werden verschiedene neue Aktivitäten bereits im Hinblick auf Basel entwickelt.

SRF Kultur wird man also in Basel wirklich wahrnehmen?
Das ist eines meiner erklärten Ziele.

Wird künftig mehr über die Basler Kultur berichtet werden?
Wir sind bestmöglicher Ausgewogenheit verpflichtet und sehen uns nicht als Marketinginstrument einzelner Kulturinstitutionen in Basel. Ich glaube, das ist den Institutionen auch bewusst. Wir wollen über kulturelle Inhalte sprechen und nicht über jede Ausstellung, die in Basel stattfindet.

Soll der Zusammenzug der Kultur von SRF in Basel auch zu einer generellen Stärkung der Kulturberichterstattung von SRF führen?
Ich glaube, SRF hat mit der Wahl einer kulturell aktiven Person ein Zeichen gesetzt. Ich verstehe mich als diese Person. Ich selber bin kein Journalist, aber ich arbeite hier mit sehr vielen Journalisten zusammen. Und dabei bringe ich eine gewisse Aussensicht der Kultur ein. Ich fühle mich in diesem Haus als Vertreter der Kultur. Am neuen Standort werden wir als Kompetenzzentrum auftreten und von hier aus die verschiedenen Vektoren TV, Radio und Online bespielen und das SRF-Angebot wirkungsvoll ergänzen.

Die Ansprüche an die Kulturberichterstattung von SRF sind sehr breit. Können Sie dem überhaupt gerecht werden?
Ich bin sicher, dass das möglich ist. Es gibt viele Kulturthemen, die interessieren. Es geht aber darum, wie die Geschichten erzählt und damit auch für breitere Kreise verständlich gemacht werden. Natürlich müssen wir wichtige Themen im Kunst- und Kulturdiskurs bringen, das gehört zu unserem Auftrag. Aber ich denke, wir können im Erzählen einer Geschichte noch besser und verständlicher werden. Wir haben jedoch im Programm schon heute eine grosse Vielfalt mit beispielsweise den «Sternstunden» am Sonntag, die unter anderem philosophische Themen aufgreifen, die eine Privatstation nie bringen würde. In der Primetime haben wir dann wieder ganz andere Vorgaben und hier wollen wir bewusst auch ein grösseres Publikum ansprechen. Das ist meiner Meinung nach auch völlig legitim und richtig. Ein Sender wie SRF hält das auch aus, genau wie eine gute Kulturinstitution.

Viele Zuschauer nehmen nur gerade den «Kulturplatz» als Kultursendung von SRF wahr. Ist ein einziges wöchentliches Gefäss wirklich genug?
Auf Radio SRF 2 Kultur berichten wir täglich über alles, was in der Kulturszene läuft. Im Fernsehen sind wir in der «Tagesschau» oder «10 vor 10» mit aktuellen Kulturthemen ebenfalls präsent. Doch unser wöchentliches Kulturmagazin ist der «Kulturplatz», und ich finde, in einem kleinen Land wie der Schweiz reicht das auch. Aber auch hier gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten.

In den Newssendungen des Fernsehens kommen kulturelle Themen aber eher selten vor. Weshalb?
Ich denke, es liegt auch an uns von der Kultur. Je besseres Material wir zuliefern können, desto grösser ist die Chance, dass ein Kulturthema in einer der Nachrichtensendungen kommt. Kulturinstitutionen freuen sich natürlich darüber, wenn ihre Ausstellung oder ihre Produktion in der «Tagesschau» zum Thema wird. Für sie ist das gute Werbung, doch wie gesagt, darin sehen wir nicht unsere primäre Aufgabe. Die Kulturschaffenden sind aber auch selber gefordert, spannende Themen aufzugreifen, die über die eingefleischte Kulturszene hinaus interessieren. Nur Kultur für die Kultur zu machen hat wenig Sinn. Da braucht es einen erweiterten Kulturbegriff, der in einen grösseren Zusammenhang gestellt werden kann und womit wir dann auch ein breiteres Publikum erreichen.

Gibt es dafür ein Beispiel?
Wir arbeiten gerade mit dem Kunstmuseum Bern und dem Zentrum Paul Klee im Hinblick auf die Gurlitt-Ausstellung Anfang November zusammen. Wir erzählen die ganze Geschichte nochmals filmisch. Über die Sammlung, die Raubkunst, aber auch über die tragische Person von Cornelius Gurlitt.

In Ihr Ressort fällt auch die populärere Kultur mit Serien wie dem «Bestatter» oder dem «Tatort». Wie sind Sie hier zufrieden?
Es gibt aktuell ein gutes Beispiel, wie Hoch- und Populärkultur miteinander verbunden werden kann. Dani Levy drehte gerade in Luzern im KKL einen neuen «Tatort» als One-Shot. Mit einer Kamera filmten wir 90 Minuten dieses neuen Schweizer «Tatorts», und die Zuschauerinnen und Zuschauer waren eingeladen, während vier Tagen als Statisten mitzuwirken. Es war grossartig, zu sehen, mit wie viel Spass die Leute in ihren Statistenrollen aufgingen. Wir sind hier an einem tollen Kulturort und wecken so sogar mit einem Krimi die Neugier der Leute auf Kultur. Das ist möglich und wir suchen solche Felder, wo man Kultur auf andere Weise einbringen kann. Mit dem «Bestatter» haben wir heute eine Erfolgsserie, die inzwischen in über einem Dutzend Länder bis nach Japan und an Netflix verkauft wurde. Wir bauen auf diesem Erfolg auf. Ab November zeigen wir die neue Alpenkrimiserie «Wilder» mit sechs Folgen. Die Eigenproduktion ist hier in den vergangenen Jahren massiv erhöht worden. Mit jeder Produktion werden wir besser – auch international gesehen. Wir haben in der Fiktion in den letzten Jahren grosse Schritte gemacht und weitere werden folgen.

Ein Sorgenkind war hingegen lange Zeit Radio SRF 2 Kultur. Hat sich dieser Sender wieder gefestigt?
Ich glaube nicht, dass wir diesen Sender komplett auf den Kopf stellen müssen. Aber es braucht eine weitere Personalisierung im täglichen Programmablauf. Radio lebt von der Nähe zur Zuhörerschaft. Wir können uns vorstellen, dass wir künftig mit einem noch kleineren Moderationsteam arbeiten, damit die Stimmen für die Zuhörer besser erkennbar sind. Ich denke, wir können den Sender weiter verbessern und das machen wir auch. Er wird dem allgemeinen Hörverhalten angepasst und dieses hat sich eben gewandelt. Aber Tatsache ist auch, dass Radio SRF 2 Kultur seine Marktanteile in einem leicht schrumpfenden Hörermarkt stabil halten kann. Wir laufen mit SRF Kultur also gegen den Trend an und das beweist, dass wir auf dem richtigen Weg sind. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.07.2017, 07:27 Uhr

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