Zwei Millionen für bisher nur 20 Dossiers

Warum die Basler Promotoren eines elektronischen Patientendossiers (EPD) einen Fehlschlag riskieren.

LAN-Party des Gesundheitswesens. IT-Firmen testen den Austausch von Gesundheitsdaten untereinander.

LAN-Party des Gesundheitswesens. IT-Firmen testen den Austausch von Gesundheitsdaten untereinander. Bild: Keystone

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Regierungsrat Lukas Engelberger gehört zu den ersten Schweizern, die jetzt ein eigenes elektronisches Patientendossier führen. Mitte August hatte er seine digitalen Gesundheitsakten den Medien live vorgestellt. Es war gleichzeitig der Startschuss für das Universitätsspital Basel (USB), als Gesundheitsinstitution der Schweiz führend am Pilotprojekt «myEPD» (mein elektronisches Patientendossier) teilnehmen zu können. «myEPD» ist das künftige Angebot für alle Bewohner des Landes, sämtliche eigenen Gesundheitsdaten auf einem sicheren Computer in der Schweiz aufzubewahren. Der Patient kann seine Daten den Ärzten und Spitälern individuell zugänglich machen; es sollte die Untersuchungen und Behandlungsprozesse beschleunigen, wenn nicht gar verbilligen.

Bis im zweiten Quartal 2020, so der Fahrplan des Bundes, müssen alle Spitäler ihren Patienten den Eintritt in die Welt der digitalen Gesundheitsdaten anbieten können, was in Österreich, Kanada oder Estland übrigens längst selbstverständlich ist. Unbestritten ist, dass ein EPD der modernen Schweiz gut anstehen würde.

Vertrauen und Sicherheit in der sonst so unzuverlässigen Computerwelt wird grossgeschrieben. Zumal ein Missbrauch von Daten im digitalen Dschungel lange unentdeckt bleiben könnte. Mit diesen kann Kasse gemacht und mit ihnen könnten Gesundheitsleistungen verweigert werden. Um dem Missbrauch vorzubeugen, hat der Gesetzgeber Barrieren errichtet.

Bevorzugung der Swisscom

Aber wie nun BaZ-Recherchen ergeben, werden bereits im Anfangsstadium des Basler Pilot-Projekts gesetzliche Bestimmungen wenn nicht umgangen, so doch grosszügigst ausgelegt. Den Patienten wird zertifizierte Sicherheit suggeriert, obschon die technischen Bedingungen im Markt nicht eingeführt sind. Ferner wurden ordnungspolitische Grundsätze über Bord geworfen: Der Staat bedient bei der Errichtung der digitalen Dossiers zuerst seine Staatsunternehmen, statt potenzielle private Mitbewerber mit zu evaluieren – keine Basis, um Vertrauen in «myEPD» zu schaffen.

Es beginnt bereits mit suspekten Vorgängen rund um Swisscom Health, die Tochter der Swisscom. Das Telekommunikationsunternehmen – der Bund hält einen Aktienanteil von 51 Prozent – hat vom Kanton Basel-Stadt ohne Ausschreibung den Zuschlag für die Einführung des EPD erhalten. Konkurrenzlos. Wer am USB ein Patientendossier eröffnet, muss seine Gesundheitsdaten alternativlos auf den Computer-Servern von Swisscom in Bern speichern. Das steht ganz dezent im Vertrag, den man unterschrieben am Unispital abgeben muss.

Ausgerechnet jenes Unternehmen hat den Zuschlag erhalten, das auch Handy-Bewegungsdaten speichern muss, im Werbemarkt Admeira mit dem Medienkonzern Ringier zusammenarbeitet und dank seinen Swisscom-TV-Dienstleistungen ebenso den Fernsehkonsum seiner Abonnenten beobachten kann. Das Potenzial, die Daten zusammenzuführen und zu verwerten, wäre technisch vorhanden.

Basler Pilot umgeht Wahlfreiheit

Dabei schreibt der Bund im Gesetz explizit Wahlfreiheit vor: Der Patient darf entscheiden, wer seine Gesundheitsdaten speichern darf. Ferner hat das Unispital, wie Insider der IT-Branche und am Projekt Involvierte wissen, bereits seinen gesamten Patientenstamm bei Swisscom hochgeladen, was rechtlich nicht zulässig sei. «Das alles führt dazu, dass im Vorfeld eines neuen Gesundheitsangebots dem Bundesbetrieb bereits die Poleposition gewährt wird. Es kommt einer Marktverzerrung gleich», sagt Jürg Lindenmann, der vermutet, dass Swisscom sein neu gebautes Rechenzentrum in Bern refinanzieren muss.

Jürg Lindenmann ist Marktführer bei der Beratung von Spitälern im Zusammenhang mit EPD, Gründer von Health-it GmbH und Geschäftsführer des Verbands Gesundheitsinformatik Schweiz. Der Mann aus Goldach (SG) ist auch in Basel kein Unbekannter. In den Jahren 2009 bis 2011 war er CIO am Unispital in Basel. Von Beginn weg, bis im Jahr 2007, hat er an der Strategie für das elektronische Patientendossier mitgearbeitet und inzwischen öffentliche Ausschreibungen im Bündnerland und andernorts begleitet.

Zur Tatsache, dass der Kanton Basel-Stadt den Patienten nun vorschreibt, die Gesundheitsdaten seien dem Bundesbetrieb Swisscom anzuvertrauen, erklärt Regierungsrat Lukas Engelberger: «Sobald mehrere EPD-Angebote existieren, können ‹myEPD›-Kunden zu anderen Anbietern wechseln.» Er hält dies aber auch in Zukunft nicht für nötig, weil es «gemeinschaftsübergreifende Funktionen» geben werde. Allerdings gibt es mit AD-Swiss, Abilis und Georgis bereits mehrere alternative Angebote auf privatwirtschaftlicher Basis. Und sie sind kostengünstiger.

IT-Spezialisten warnen jetzt schon: Ein Wechsel zu einem Alternativ-Anbieter werde ähnlich schwierig wie früher ein Wechsel zwischen den Telefonanbietern. Unternehmen, die jetzt viel in ihre Lösungen investieren, würden ihre Kunden an sich binden.

«Technische Lösungen sind nicht vorhanden, um EPD vollumfänglich zu testen.»Jürg Lindenmann, EPD-Experte

Ungewöhnlich grosszügig zeigt sich der Staat auch im folgenden Punkt gegenüber dem früheren Bundesbetrieb: Unternehmen, die sich am Projekt EPD beteiligen wollten, mussten bislang ebenso am Projectathon teilnehmen. Nicht so die Swisscom. Sie durfte sich verabschieden, ohne aus den Bewerbungsverfahren ausgeschlossen zu werden.

In der laufenden Episode haben sich 23 Unternehmen aus drei Ländern dem Projectathon angeschlossen – darunter bekannte Grössen wie Nexus GmbH oder die Post. Diese im IT-Bereich arbeitenden Unternehmen treffen sich, um wie an einer grossen Gamer-Party den Datenaustausch und die Kompatibilität mit ihren Systemen zu testen. Bei EPD seien mindestens 20 offene technische Probleme bekannt, sagen Insider. Ein Report über die neusten Schwierigkeiten ist in Aussicht gestellt. Auf Anfrage sagt Engelberger dazu: «Es ist weder nötig noch relevant, dass alle Software-Hersteller am Projectathon teilnehmen.» Bei Insidern klingt dies anders: «Swisscom war nicht dort, weil sie technisch nicht weiter als vor einem Jahr ist, und das zu zeigen, hätte mehr Schaden erzeugt.»

Technisch nicht auf der Höhe

Lindenmann bestätigt diese Einschätzung und fügt an: «Es gibt nicht nur Datenaustauschprobleme. Die technischen Lösungen sind schlicht noch nicht vorhanden, um das EPD schon vollumfänglich zu testen und zu zertifizieren.» Ein Beispiel dazu: Wer sich einloggt, müsste dies gemäss Verordnung über einen separaten «Identitäts-Provider» tun. Dieser Anbieter müsste gemäss Verordnung zum EPD zertifiziert sein. «Allerdings gibt es noch gar keine zertifizierten Anbieter dafür», sagt Lindenmann, «also kann ‹myEPD› noch gar nicht zertifiziert sein.» Damit überführt er auch «myEPD»-Promotor Lukas Engelberger der Schönrednerei, welcher gegenüber der BaZ sagt: «Die heutigen ‹myEPD›-Funktionen sind bereits ausgetestet und abgenommen.»

Spekuliert werden darf nun darüber, weshalb «myEPD» die Gesetze ritzend übers Knie gebrochen wird. Zum einen sind die Einführungskosten hoch, der Nutzen allerdings bestritten (siehe zweiter Text). So betragen die Gesamtkosten für die Einführung bis zum Jahr 2020 fünf Millionen Franken. Der Kanton Basel-Stadt hat von 2013 bis Ende 2017 Beiträge in Höhe von rund 1,8 Millionen Franken geleistet für Pilotprojekte und Vorarbeiten. Der Bund (BAG) hat für den Betrieb die maximal mögliche Subvention von zwei Millionen Franken bewilligt.

«Die heutigen ‹myEPD›-Funktionen sind bereits ausgetestet und abgenommen.»Lukas Engelberger, Regierungsrat BS

Gespräche für die Finanzierung über die verbleibenden Einführungskosten laufen zwischen Kantonen und Gesundheitseinrichtungen. Sie dürften «versteckt» irgendwann in der Krankenkassenprämie auftauchen.

Teure Helvetisierung des Dossiers

Auf die hohen Investitionskosten schlagen besonders die Schweizer Speziallösungen, die per Verordnung eingebracht wurden. Zum Beispiel darf das Patientendossier nicht mit der AHV-Nummer gekoppelt werden, so wie andere Länder ihre Gesundheitsdaten mit der Sozialversicherungsnummer verknüpfen. Die AHV-Nummer wird vom Basler Unispital zwar verlangt, darf aber nicht auf die EPD-Plattform gelangen. «Das führt dazu, dass eine Geheimnummer zwischengeschaltet werden muss, was letztlich zu unglaublichen administrativen Schwierigkeiten und teuren Software-Hürden führt», weiss Lindenmann.

Keine Ausschreibung, ein kompliziertes Schweizer Rolls-Royce-Produkt, undurchsichtige Strukturen, geringer Nutzen: Wen wundert es, dass sich bisher nur wenige Patienten durchringen konnten, ein eigenes Dossiers zu eröffnen. Bis Anfang Oktober konnten lediglich 20 Personen gewonnen werden. Laut Engelberger «wird angestrebt», dass 20 Prozent der Bevölkerung ein EPD eröffnen – am besten jene 20 Prozent, die 80 Prozent der Kosten verursachen.

«Das ist Wunschdenken», kommentiert Lindenmann. Zum Vergleich: In Österreich erhalten alle Bürger automatisch ein Dossier. Sie müssten sich abmelden, wenn sie keines wollten (Opting-out-System). Bloss zwei Prozent der Bevölkerung bequemten sich bisher an den Computer, um eine Änderung einzuleiten. Die Zahlen liessen sich umrechnen auf die Schweiz, die ein Opting-in-System habe. Wenn es gut kommt, schliessen sich in den nächsten Jahren vielleicht fünf Prozent der Bevölkerung an. (Basler Zeitung)

Erstellt: 31.10.2018, 11:13 Uhr

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