Der Krieg der Uhrenmessen

Weitere Marken sagen «Adieu Bâle» und präsentieren sich am Salon in Genf statt an der Baselworld.

Billigere, funktionalere, kleinere Uhren. Rund 20 000 Besucher verzeichnet der SIHH mit seinen ausstellenden 35 Firmen – im Bild der Stand von Montblanc.

Billigere, funktionalere, kleinere Uhren. Rund 20 000 Besucher verzeichnet der SIHH mit seinen ausstellenden 35 Firmen – im Bild der Stand von Montblanc. Bild: Keystone

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Der Salon de la Haute Horlogerie (SIHH) in Genf soll zum «Davos der Luxusuhren» werden. Dies verkündete die Direktorin des SIHH, Fabienne Lupo, ganz unbescheiden zur Eröffnung fünftägigen Veranstaltung. Ihre Aussage, die von den Westschweizer wie den internationalen Medien sofort aufgenommen wurde, ist auch ein Seitenhieb auf die Baselworld, die mit grossen Problemen zu kämpfen hat. Die Financial Times spricht von einem Krieg der Uhrenmessen.

Vor 28 Jahre verabschiedete sich die Cartier Gruppe aus Basel, um in Genf einen eigenen Salon durchzuführen. Die Basler Uhrenmesse sei ein Bratwurst-Anlass, ärgerte sich der damalige Cartier-Chef. Statt Bratwurst gibt es in Genf Foie Gras, Austern und Champagner, und zwar für alle Besucher, Einkäufer ubbasnd Medienleute, die persönlich eingeladen sind. Sie dürfen nicht nur die Neuheiten begutachten, sie werden auf Kosten des SIHH auch in den Genfer Hotels untergebracht und am Abend zu Galadiners und Parties eingeladen. Entsprechend aufgeräumt ist denn auch die Stimmung am Salon.

Die positive Atmosphäre am diesjährigen Salon kommt allerdings nicht bloss aus einer Champagnerlaune heraus. Die Uhrenhersteller sind sich einig: Die Krise der Branche ist überwunden, die Märkte erholen sich langsam und das Weihnachtsgeschäft war für die meisten zufriedenstellend. Einige Marken der Richemont-Gruppe, die den Kern des SIHH bildet, haben zwar noch mit zu hohen Lagerbeständen bei ihren Detailhändlern zu kämpfen, doch seit Montag füllen sich die Bestellbücher langsam wieder.

Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die Uhrenhersteller aus der Krise gelernt haben. Noch vor einigen Jahren gingen die Preise im Luxussegment ständig nach oben. Limitierungen, unnötige Komplikationen und wenig echte Innovationen verärgerten den Handel wie den Endkunden. Jetzt haben die Uhrenmarken wieder zur Realität zurück gefunden. Auffällig ist, dass der Einstiegspreisen deutlich gesenkt worden ist. IWC beispielsweise feiert ihr 150-Jahr-Jubiläum mit 28 limitierten Modellen, das teuerste für 255'000 Franken. Doch es gibt auch ein Jubiläumsmodell für 4700 Franken. «Es war uns wichtig, dass sich alle unsere Kunden eine solche Uhr leisten können», meint der CEO von IWC, Chris Grainger-Herr.

Erschwinglicher Luxus

Der französische Edeljuwelier Cartier, der auch auf dem Uhrenmarkt stark ist, bietet ein neues Santosmodell an, das in der Stahlversion 6800 Franken kostet und damit für diese Luxusmarke vergleichsweise günstig ist. Mit einem Preis unter 12'000 Franken ist die Fiftysix im Retrodesign die billigste Stahluhr, die Vacheron Constantin je produziert hat. Auch eine Panerai ist schon ab 4500 Franken zu haben.

«Die Preise sind in den letzten Jahren zu stark gestiegen», meint Laurent Dordet, der CEO von La Montre Hermès. Das vor allem für seine Lederwaren bekannte französische Luxuslabel ist bereits seit 40 Jahren auch in der Uhrenbranche tätig. Nach 22 Jahren hat aber Hermes Basel ebenfalls den Rücken gekehrt. «Für uns beginnt hier in Genf ein neues Kapitel», sagt Dordet. Hermès will gar nicht mit den traditionellen Uhrenherstellern mithalten. «Wenn wir den anderen einfach folgen, können wir nicht lange existieren. Wir müssen deshalb etwas anderes machen und verstehen uns nicht als Uhrmacher, sondern als Designer», erklärt Laurent Dordet. Die neuen Hermes-Uhren starten bei einem Preis um 3000 Franken, die mechanischen Modelle liegen zwischen 5000 und 6500 Franken.

Die Uhren werden nicht nur billiger, sie werden auch praktischer. Auffällig viele Marken bieten jetzt einfache Systeme zum Wechsel und zur Anpassung der Bänder an. Manche Modelle werden gleich mit einem Metall- und einem Lederband ausgeliefert, so auch die Cartier Santos oder die Fiftysix von Vaceron Constantin. Das ist für den Kunden zwar bequem, entfernt ihn aber noch weiter vom Händler. Dieser fühlt sich durch E-Commerce ohnehin stark unter Druck.

Einige Marken nutzen den Handel im Internet inzwischen nämlich sehr gezielt. Vor allem in Amerika, England und China blüht der Verkauf im Netz. Über die weitere Entwicklung äussern sich die Chefs der Uhrenfirmen vorsichtig, da sie ihre Detaillisten nicht aufschrecken wollen. «Die Kunden sollen unsere Uhren kaufen und erleben können, wann und wo sie wollen», sagt IWC-CEO Grainger-Herr. «Wichtig ist, die verschiedenen Kanäle miteinander zu verbinden.»

Verkäufe im Internet

«Früher kam der Kunde durch die Tür des Geschäftes rein, heute eben auch durch das Netz», sagt Alain Zimmermann, CEO von Baume et Mercier. Er glaubt, dass beide Verkaufskanäle funktionieren. «Der Händler spielt weiterhin eine wichtige Rolle, wenn es um Beratung und Service geht.»

Am SIHH stellt Baume et Mercier eine neue Uhr vor, die perfekt zum Zeitgeist passt. Die Baumatic ist laut Zimmermann eine «funktionale, genaue, elegant und erschwingliche Uhr». Der automatische Zeitmesser mit hoher Genauigkeit und einer Gangresereve von fünf Tagen kostet knapp 2500 Franken und ist damit preislich einzigartig. Auch bei dieser Uhr, die erst nach fünf Jahren in den Service muss, lassen sich die Bänder problemlos selber wechseln. «Wir müssen uns in der Uhrenindustrie neu erfinden und die Erwartungen der Kunden besser erfüllen», betont Alain Zimmermann.

Die Baumatic ist eine der wenigen echten Neuheiten am SIHH. Natürlich gibt es verschiedene technische Weiterentwicklungen. So hat Piaget die Altiplano Ultimate Automatic auf 4,3 Millimeter reduziert und damit die dünnste Automatik-Uhr der Welt geschaffen. Eine nur zwei Millimeter hohe Handaufzugs-Uhr wurde ebenfalls bereits vorgestellt.

Ulysse Nardin setzt ganz auf die Freaks und zeigt am Stand millionenteure Kunst von Damien Hirst. Ulysse Narding gehört zur Kering Group des Milliardärs und Kunstsammlers François-Henri Pinault, der während der Biennale in Venedig eine grosse Hirst-Ausstellung gezeigt hat. Bevor die Werke jetzt wieder in seine Sammlung zurückgehen, machen sie noch schnell Zwischenstation in Genf.

Auffallend viele Marken fixieren sich am SIHH darauf, alte Modelle im Retrodesign mit neuen Technologien wieder aufzulegen. So rückt Jaeger- LeCoultre nach 50 Jahren die Polaris Memovox erneut ins Bewusstsein. Aber nicht selten ist das Vintagemodell schöner als die Replika. Audemars Piguet feiert das 25-jährige Bestehen der Royal Oak Offshore mit einer originalgetreuen Re-Edition der ersten Offshore aus dem Jahr 1993.

Auch Montblanc baut seine Vintage-Linie aus. Panerai erinnert an seine Erfolgsgeschichte, die sie der Luminor verdankt. Überraschend ist hier, dass verschiedene Modelle auf eine Gehäusegrösse zwischen 38 bis 42 Millimeter geschrumpft sind. Panerai hat vor Jahren den Trend der XXL-Uhren mitbegründet und läutet jetzt offenbar einen Umschwung ein. Grosse, klobige Zeitmesser gibt es in Genf kaum mehr zu sehen.

Bemerkenswerte uhrenmacherische Leistungen sind im Carre des Horlogers zu entdecken, wo inzwischen 17 Marken (fünf mehr als im Vorjahr) versammelt sind. So ist hier beispielsweise eine Regulator-Uhr mit Tourbillon von Ferdinand Berthoud zu bewundern, die nur gerade 20 mal hergestellt wird und rund 230'000 Franken pro Stück kostet. Berthoud hat sich als Hersteller von Marinechronometer einen Namen gemacht und produziert heute nur edelste Uhren in Kleinstserien. Die Marke gehört der Familie Scheufele, die Chopard besitzt – und dass sie Berthould in Genf und nicht an der Baselworld ausstellt, spricht für sich.

«Adieu Bâle»

«Adieu Bâle» frohlockt die Tribune de Genève und hält genüsslich fest, dass nach Ulysse Nardin, Girard-Perregaux und Jeanrichard im vergangenen Jahr jetzt Hermès neu in Genf dabei ist. Laut SIHH-Direktorin Fabienne Lupo soll der Salon aber nicht jedes Jahr beliebig weiterwachsen. Dazu fehlt auch der Platz, vor allem aber soll der SIHH eine Plattform für die Haute Horlogerie bleiben.

Dass es weitere Marken gibt, die in Genf hoch willkommen sind, ist ein offenes Geheimnis. Die Watch Division von LVMH mit Zenith, Hublot und Tag Heuer ist bereits mit einer Parallelausstellung auf einem Schiff am Genfer Seequai präsent. Auch Bulgari und weitere Marken präsentieren sich im Umfeld des SIHH an verschiedenen Orten.

Rund 20'000 Besucher werden bis morgen am SIHH erwartet. Der Freitag ist jetzt auch der einzig öffentliche Tag. Offenbar bezahlen 5000 Uhrenfans gerne 70 Franken Eintritt, damit sie die Neuheiten der Branche sehen können.

In Basel wurden in den vergangenen Jahren rund 100'000 Besucher verzeichnet, aber in diesem Jahr dürften es deutlich weniger werden. Die von 1300 auf etwas 600 reduzierte Zahl der Aussteller und die Verkürzung der Messe um zwei Tage werden sich auf den Besucherstrom auswirken. Die Messeleitung der Baselworld wird im März beweisen müssen, das sie mehr Ideen hat, als nur Ausstellerzahl und Messedauer zu reduzieren. Dann wird sich auch zeigen, wer den Krieg der beiden Uhrenmessen gewinnt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.01.2018, 23:58 Uhr

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