«Die Kinder werden zu überangepassten Wesen»

Entwicklungsspezialist und Bestseller-Autor Remo Largo hält nicht viel vom heutigen Schulsystem.

Dem Druck nicht gewachsen. Das Burn-out ist im Klassenzimmer angekommen.

Dem Druck nicht gewachsen. Das Burn-out ist im Klassenzimmer angekommen.

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Rund ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler leidet unter dem Druck der Leistungsgesellschaft und entwickelt körperliche und psychische Symptome. Burn-outs gibt es mittlerweile bereits in der Primarschule. Remo Largo, der wohl bekannteste Kinderarzt der Schweiz, kämpft seit Jahrzehnten dafür, dass den Kindern nicht ihre gesamte Freiheit und Individualität geraubt wird. Seine Bücher (z. B. «Kinderjahre», «Schülerjahre») sind Standardwerke, in denen der Entwicklungsspezialist Verständnis für die enorm unterschiedliche Entwicklung jedes einzelnen Kindes wecken will.

Diesen Donnerstag hält Remo Largo in Basel einen öffentlichen Vortrag zum Thema Bildung*. Das Bildungswesen der Schweiz würde er am liebsten komplett umkrempeln. Und dies nicht nur zum Wohle der Kinder, sondern der gesamten Gesellschaft.

BaZ: Herr Largo. Noch in den 50er-Jahren sassen teilweise über 40 Schüler in einer Klasse. Der Lehrer erteilte rigiden Frontalunterricht. Parierten die Kinder nicht, erhielten sie Stockhiebe. Heute geht es in den Schweizer Klassenzimmern sehr viel kindgerechter zu und her. Trotzdem fordern Sie eine grundlegende Änderung des Bildungssystems. Was läuft Ihrer Meinung nach falsch?
Remo Largo: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und so ist auch die Schule enorm leistungsorientiert. Es braucht eine öffentliche Diskussion darüber, was für ein Bildungswesen wir wollen. Was für Erwachsene sollen aus den Schülern werden und was brauchen Kinder, um ihre individuellen Fähigkeiten zu entfalten und zu selbstbewussten Wesen heranzuwachsen? Im heutigen Unterricht sind die Kinder weitgehend fremdbestimmt. Es wird ihnen genau vorgelegt, was sie wann, wie und wie schnell zu tun haben. Das ist sehr nachteilig für ihr Selbstwertgefühl. Kinder sind nicht faul, sie wollen lernen – aber auf ihre Art, in ihrem Tempo. Darauf nehmen wir jedoch keine Rücksicht.

Die Befürworter des jetzigen Schulsystems würden Ihnen sicher widersprechen. Schliesslich steht ein Heer von Fachleuten bereit, das die Schwächen der Kinder auffangen soll.
Ich halte von dieser Art der Förderung nichts. Schwächen sind ein Tabu und sollen ausgebügelt werden, was aber nicht geht. Wir akzeptieren, dass Kinder unterschiedlich gross sind. Alle würden zustimmen, man kann die kleineren noch so lange füttern, sie werden nicht grösser, sondern nur dick. Auch eine Leseschwäche kann man nicht ausradieren. Man kann jedoch auf ein Kind so eingehen, dass es seine beschränkten Fähigkeiten optimal entfalten kann und lernt, damit umzugehen. Es gibt in der Schweiz 800 000 normal intelligente Erwachsene, die nicht richtig lesen können. Das ist nicht ein Versagen des Bildungswesens, sondern Ausdruck der Vielfalt unter uns Menschen. Wir haben kein Problem damit, wenn jemand unmusikalisch ist. Beim Lesen und Rechnen tun wir uns aber schwer, denn das sind Grundkompetenzen unserer Leistungsgesellschaft. Wenn wir diese Unterschiede akzeptieren würden, müssten wir auch akzeptieren, dass man keine Noten geben kann.

Weshalb?
In der ersten Klasse liegt der Entwicklungsstand der Kinder irgendwo zwischen 5,5 und 8,5 Jahren. Bei den Zwölfjährigen sind es sogar plus/minus drei Jahre. Wie wollen sie da gerechte Noten geben? Mit Noten bestrafen wir Kinder für ihre Minderbegabung, die Erwachsene immer noch haben, aber besser verstecken können.

Wie sollte man Ihrer Meinung nach vorgehen?
Ein Beispiel. Wenn man sieht, dass ein Viertklässler noch nicht so weit ist, gibt man ihm Aufgaben, die seinem Entwicklungsstand entsprechen, etwa aus der zweiten Klasse. Dann wird er Erfolg haben. Jedes Kind kommt mit bestimmten Begabungen zur Welt, die es nicht übersteigen kann. Überfordern wir die Kinder, wirken sich schlechte Noten nachteilig auf ihr Selbstwertgefühl aus, was zu einem massiven Problem werden. Ich kenne immer mehr junge Erwachsene, die schlicht zu Hause sitzen und nichts tun. Sie glauben nicht daran, dass sie eine Anstellung finden und den Ansprüchen der Wirtschaft genügen können. Etwa 30 Prozent der Studenten schliessen ihr Studium nie ab.

Sie sagen, die Kinder werden durch den fremdbestimmten, normierten Unterricht falsch sozialisiert.
Ja, man erzieht sie zu passiven, überangepassten Wesen. Das will eigentlich weder die Gesellschaft noch die Wirtschaft. Diese wünschen sich Menschen, die initiativ sind und Verantwortung übernehmen wollen. Sie beklagen sich, dass viele Angestellte einfach nur darauf warten, dass man ihnen sagt, was sie zu tun haben. Die Bereitschaft, sich eigenverantwortlich als Bürger für die Gesellschaft einzusetzen, hat ebenfalls gelitten. Um Verantwortung zu übernehmen, müssen die Schüler konkrete Erfahrungen machen. Da nützt auch der beste Staatsunterricht über Gewaltentrennung nichts.

Wie sollte guter Unterricht, wie sollte eine gute Schule aussehen?
Der Volksschulunterricht besteht vor allem aus Auswendiglernen und Prüfungen. Es ist eine Illusion, anzunehmen, wenn Schüler eine Prüfung bestehen, hätten sie den Stoff nachhaltig begriffen. Würde die Prüfung einige Wochen später wiederholt, würden die Noten weit schlechter ausfallen. Lernen geht nur über konkrete und selbstbestimmte Erfahrungen. Ein eindrückliches Beispiel habe ich als Primarschüler erlebt. Die Lehrerin liess uns in der dritten Klasse alle einen Stecken mitbringen, der einen Meter lang sein sollte. Dann sind wir raus und legten die Stecken immer wieder hintereinander, bis wir sie 1000-mal abgelegt hatten. Seither weiss ich genau, wie lang ein Kilometer ist. Wenn Schüler Zahlen nur auf dem Blatt jonglieren, kann keine innere Vorstellung des Zahlenraums entstehen.

Gibt es weitere wichtige Aspekte?
Die Kinder müssen sich in der Schule geborgen und angenommen fühlen, um richtig lernen zu können. Schlechte Noten erleben die Kinder als Ablehnung, der Lehrer mag mich nicht. Weiter muss man sich fragen, welches Wissen ein Erwachsener überhaupt braucht. Vieles, was heute unterrichtet wird, hat überhaupt keinen Nutzen. Wissen Sie noch, was eine Differenzialrechnung ist? Die Mehrheit der Bevölkerung bekommt schon beim Satz des Pythagoras einen roten Kopf. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass sogar Gymi-Lehrer die Maturafragen anderer Fächer nicht mehr beantworten können.

Sie wünschen sich alternative, autonome Schulen.
Ja, Eltern, die ihren Kindern dieses Hamsterrad nicht mehr zumuten wollen, sollen Alternativen haben, auch die Lehrer, die anders unterrichten wollen. Alle Eltern, die mit der Volksschule zufrieden sind, schicken ihre Kinder weiter in die Volksschule. Ich wünsche mir autonome Schulen, die wie die Volksschule subventioniert werden, kein zusätzliches Geld annehmen dürfen und einen gewissen Prozentsatz von Schülern mit besonderen Bedürfnissen annehmen müssen. So vermeidet man elitäre Schulen. Mehrkosten würden für die Gesellschaft nicht entstehen.

Diese Kinder müssten aber trotzdem in der Leistungsgesellschaft bestehen.
Ich kenne viele alternative Schulen. Wenn es gute Schulen sind, was natürlich nicht immer der Fall ist, ist die existenzielle Zukunft dieser Kinder mindestens so gut abgesichert wie die anderer Kinder. Zusätzlich haben diese Schüler aber ein gutes Selbstwertgefühl und sind sozial kompetenter, was in der Dienstleistungsgesellschaft von grosser Bedeutung ist.

Standen die Kinder und das Schulsystem nicht immer schon unter Leistungsdruck?
Doch, aber er hat ab den 90er-Jahren enorm zugenommen. Immer mehr Kinder sind krank, leiden an Schlafstörungen, sind depressiv oder haben ein Burn-out. Sie stehen einfach still. Sie können und wollen nicht mehr und gehen nicht mehr in die Schule. Geschätzt sind ein Viertel aller Primarschüler angeschlagen und krank. Natürlich spielt das Familienleben eine wichtige Rolle, doch wenn es auch noch in der Schule nicht stimmt, wird es für die Kinder unerträglich.

Bereits Kindergartenkinder geraten laut Ihnen unter Druck.
Ja, selbst Kinder zwischen zwei und fünf Jahren. Förderstudios für Vorschulkinder schiessen wie Pilze aus dem Boden. Kitas richten sich darauf ein, die Kinder zu fördern. Die Kinder haben keine Freizeit mehr und sind völlig verplant. Und so geht das weiter. Viele Schüler nehmen in der 6. Primarstufe Nachhilfestunden, um den Sprung ins Gymnasium zu schaffen. In Zürich sind es je nach Quartier bis zu 80 Prozent. Die Eltern geben Tausende Franken dafür aus. Doch die Kinder werden dadurch nicht gescheiter, sie lernen nur, welche Art der Fragen sie wie beantworten müssen. Zu viele schaffen es, die dann im ersten Gymnasium-Jahr scheitern.

Sie sprechen ein Thema an, das auch in Basel aktuell ist. Das Erziehungsdepartement will die hohe Gymnasialquote von knapp 50 Prozent senken. Deshalb wurden die Aufnahmekriterien in die verschiedenen Sekundarzüge verschärft.
Es stimmt, dass viele Kinder nicht ins Gymnasium gehören, die heute dort sind. Ich gehe davon aus, dass eine Quote von 20 Prozent vernünftig ist. Die OSZE hat immer bemängelt, die Quote sei in der Schweiz zu tief. Nun, da sie das Debakel in immer mehr Ländern mit hohen Abiturquoten sieht, findet sie unsere tiefe Quote richtig.

ln dem Fall befürworten Sie die Massnahme des Erziehungsdepartements?
Ich befürchte, dass die Verschärfung zu einem noch absurderen Wettbewerb in der sechsten Primarklasse führen wird. Eltern, die es vermögen, schicken ihre Kinder in den Nachhilfeunterricht. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Kind ins Gymnasium kommt, ist viermal höher als bei einem Kind aus einer tieferen sozialen Schicht, das oftmals intelligenter ist. Diese Massnahme des Erziehungsdepartements greift zu kurz. Zu einem solchen Entscheid gehört in einer Demokratie eine Diskussion. Das hätte das Erziehungsdepartement nicht einfach so bestimmen dürfen. Viele Eltern werden das sicher nicht einfach so akzeptieren.

Als Hauptgrund für die hohe Gymnasialquote hat das Erziehungsdepartement die Eltern ausgemacht. Sie drängen die Kinder um jeden Preis ins Gymnasium und setzen ihre Kinder unter Druck.
Man kann den Eltern nicht einfach den Schwarzen Peter zuschieben. Das ist hilflos. Das Problem sind nicht nur die Eltern oder das Bildungswesen, es ist die ganze Gesellschaft. Alle machen mit. Der wichtigster Faktor in der Wirtschaft ist der Wettbewerb. Das bekommen auch die Eltern zu spüren. Sie haben unterschwellige Existenzängste und wollen deshalb, dass ihre Kinder in der Schule erfolgreich sind, damit sie in der Leistungsgesellschaft bestehen. Deshalb brauchen wir eine allgemeine Diskussion.

Können die Eltern denn gar nichts tun?
Die Eltern sollten sich an der Einzigartigkeit ihres Kindes orientieren, sie sollten sein Bemühen wertschätzen und nicht die absolute Leistung. Und sie sollten akzeptieren, wenn ihr Kind nicht fürs Gymnasium gemacht ist – auch wenn sie beide Akademiker sind. 40 Prozent der Kinder aus solchen Familien werden nicht mehr Akademiker. Die Eltern sollten, wenn sie ihr Kind nicht unglücklich machen wollen, einen «Abstieg» akzeptieren, wenn dieses nicht über die notwendigen Begabungen verfügt.

Der zweite Bildungsweg ist für Sie eine genauso gute, wenn nicht bessere Lösung?
Eine Studie von Rudolf Strahm hat die Erfolgsaussichten beim direkten Weg über Gymnasium/Universität oder mit dem zweiten Bildungsweg untersucht. Die Frage lautete: Wo landen die Kinder als Erwachsene, wenn sie in die Wirtschaft integriert sind? Das Resultat ist erhellend. Jene, die den zweiten Bildungsweg eingeschlagen haben, werden von der Wirtschaft als kompetenter eingeschätzt, werden bevorzugt und verdienen auch mehr.

Weshalb?
Viele Kinder werden durchs Gymnasium und Studium gepusht. Sie lassen alles passiv über sich ergehen. Auf dem zweiten Bildungsweg ist das anders. Dieser wurde von den Jugendlichen bewusst gewählt. Sie mussten dafür Eigeninitiative, Interesse und Eigenverantwortung aufbringen. Zudem haben sie in einer Lehre konkrete Erfahrungen gesammelt, die man im Gymnasium nicht macht.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft aus, wenn wir weitermachen wie bisher?
Wir müssen gar nicht in die Zukunft schauen. Wir haben ja schon jetzt ein monströses Problem, das sich einfach noch verstärken wird. Nicht nur in der Schule, auch in der Wirtschaft. Die Arbeit ist immer mehr sinnentleert. Immer mehr Menschen arbeiten nur noch für den Lebensunterhalt. Doch der Mensch hat ein Bedürfnis nach Befriedigung und Wertschätzung. Er will seine Begabungen bei der Arbeit einsetzen, Leistung erbringen. Das ist in der Wirtschaft immer weniger möglich. Wenn wir beispielsweise ein Grundeinkommen hätten, hätten wir viel mehr Freiheiten, das zu tun, was wir wollen und auch brauchen.

Das bedingungslose Grundeinkommen haben wir jedoch vor Kurzem an der Urne verworfen.
Das kommt wieder. Es ist unvermeidlich, da es bald gar nicht mehr genug Arbeit für alle geben wird. Digitalisierung und Automatisierung vernichten Stellen. In den nächsten 10 bis 20 Jahren werden 50 Prozent aller Dienstleistungsstellen verloren gehen. Der Lebensunterhalt kann nicht mehr nur durch Arbeit allein finanziert werden. Wir werden das Grundeinkommen schneller einführen, als wir uns das derzeit vorstellen können.

Dann hätte der Mensch endlich die Freiheit, die Sie ihm schon von Kindesbeinen an gewünscht hätten? Sie sehen also nicht schwarz wie so viele andere?
Ich bin tatsächlich ziemlich optimistisch. Das ist eine gute Entwicklung. Doch es wird schmerzhaft werden, umzudenken. Der materielle Wohlstand wird abnehmen. Die Freiheit aber, ein Leben zu führen, das dem einzelnen Menschen entspricht, wird zunehmen.

*Vortrag Remo H. Largo: «Bildung vom Kind her denken», 25. Oktober, 19 Uhr, FG Basel, Mensa, Scherkesselweg 30, Basel. Der Eintritt ist frei. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.10.2018, 00:00 Uhr

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