Wie Menschen einwilligen, Toiletten zu putzen

1000 Stunden lang Festival-WCs reinigen: Dazu verpflichteten sich in Manchester 22'000 Menschen, die den AGB eines Internet-Betreibers zustimmten.

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Man würde vermuten, dass die wenigsten Menschen bereit sind, 1000 Stunden lang Festival-Klos zu putzen und Abwasserrohre mit der Hand zu reinigen, um ein kostenloses WLAN-Netz zu nutzen. 22 000 Briten waren es. Ausserdem waren sie einverstanden, Kaugummis vom Gehweg zu kratzen, streunende Tiere zu umarmen und Schneckenhäuser zu bemalen. Sie stimmten den Allgemeinen Geschäftsbedingungen des WLAN-Betreibers zu, in denen die Putzdienste Bedingung waren.

Vermutlich gibt es keinen anderen Anlass, bei dem Menschen so oft lügen wie beim Setzen des Häkchens bei den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB): «Ja, ich habe sie gelesen und bin einverstanden.» Das Häkchen ist fast überall nötig - egal, ob man eine Kinokarte kaufen oder einen WLAN-Hotspot nutzen will. Das Kleingedruckte aber liest kaum jemand, in Deutschland sind es dem Deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet zufolge nur 20 Prozent der Internetnutzer, obwohl 86 Prozent von ihnen gerne wüssten, was dort steht.

In Manchester muss das Verhalten der Internetnutzer ähnlich sein: Anders ist es nicht zu erklären, dass innerhalb von zwei Wochen 22 000 Menschen angaben, 41,7 Tage lang Festival-Toiletten schrubben zu wollen. Mittlerweile ist klar, dass all das nicht ernst gemeint war und die Firma nur darauf aufmerksam machen wollte, wie wichtig es ist, zu wissen, welchen Dingen man zustimmt. «Unser Experiment hat gezeigt, wie einfach es ist, eine Box anzuklicken und damit irgendetwas Unfairem zuzustimmen», sagte Purple-Chef Gavin Wheeldon.

Kostenloses WLAN gegen erstgeborenes Kind

Purple ist nicht das erste Unternehmen mit einer solchen Aktion: Vor drei Jahren verlangte die IT-Sicherheitsfirma «F-Secure» aus London im Gegenzug zum kostenlosen Internetzugang das erstgeborene Kind. Sechs Briten waren dazu bereit, auf ihre Ältesten zu verzichten. Oder 2010: Da änderte der britische Spielehersteller Gamestation seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen - 7500 Kunden gaben daraufhin die Besitzrechte an ihrer Seele ab.

Auch wenn die betroffenen Briten ihre Seelen und Kinder behalten durften - der Hintergrund dieser Aktionen ist ernst. Denn was vielen vielleicht nicht klar ist: Wer den Allgemeinen Geschäftsbedingungen zustimmt, schliesst einen Vertrag ab, der mehrere Jahre gültig sein kann.

Der Grund, weshalb kaum jemand diese Verträge studiert, bevor er ihnen zustimmt, ist, dass sie für Nicht-Juristen meist unverständlich und noch dazu seitenlang sind. Ein paar Beispiele: In den Datenschutzhinweisen von Amazon findet sich ein Satz, der über zwölf Zeilen geht und aus 130 Wörtern besteht. Dagegen sind Sätze von Thomas Mann kurz. Wer ein iPhone nutzt und wissen möchte, welchen Vertrag er damit mit Apple abschliesst, müsste 21 586 Wörter lesen. Das entspricht etwa 14 DIN A4-Seiten. Um all das auch noch zu verstehen, müsste man sich wahrscheinlich einen Tag freinehmen. Und wer will das schon? (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 17.07.2017, 18:38 Uhr

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