Die neuen Erfinderbuden

Fab Labs boomen. In diesen Hightech-Werkstätten für jedermann lernen die Teilnehmer, mit modernsten Werkzeugen digital gesteuerte Geräte herzustellen.

Claudio Prezzi, Vorstandsmitglied beim Fab Lab Winterthur, bei der Arbeit an einem 3-D-Drucker. Fotos: Dominique Meienberg

Claudio Prezzi, Vorstandsmitglied beim Fab Lab Winterthur, bei der Arbeit an einem 3-D-Drucker. Fotos: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist heiss in der engen Werkstatt am Lagerplatz in Winterthur. Es riecht nach verdampftem Lötzinn. Ein Dutzend Frauen und Männer sitzen über ihrer Arbeit, die Hitze macht ihnen nichts aus. Mit dem Lötkolben in der Hand verbinden die begeisterten Technikerinnen und Techniker die vor ihnen liegenden Leuchtdiodenstreifen (LED). Auf dem Tisch herrscht ein Chaos: Werkzeuge, Vergrösserungslupen und Platinenhalter. Neben verstreuten LED-Streifen reihen sich Wasserflaschen an Haftklebertuben. Die Teilnehmer der Veranstaltung «LED Matrix mit Arduino» des Fab Lab Winti werden eifrig den ganzen Sonntagnachmittag bis in die Abendstunden hinein arbeiten.

«Die Mitglieder identifizieren sich stark mit den Fab Labs», erzählt Jochen Hanselmann, Präsident und Gründungsmitglied des Vereins Fab Lab Winterthur. Das Besondere daran: Fab Labs stellen teures Equipment der digitalen Produktion zur Verfügung. Neben Computer mit CAD-Software stehen CNC-Fräsen, Lasercutter und 3-D-Drucker. Eine CNC-Fräse bearbeitet Holz oder Metall schnell und präzise mit Schneidewerkzeug. Im Gegensatz zu einer Drehbank rotiert der Fräskopf und nicht das Werkstück. Der Lasercutter dagegen schneidet mithilfe von Lasern Teile aus einer Holzspanplatte. Und ein 3-D-Drucker stellt aus Kunststoffdrähten ein dreidimensionales Objekt her. Alle Geräte sind Vollautomaten, gesteuert durch elektronische Pläne, die auf dem Computer mit CAD-Programmen gezeichnet wurden.

Keine Nerd-Clubs

Hinter Fab Lab steckt die Idee einer Hightech-Werkstatt für jedermann, sozusagen – eine offene Minifabrik. Ihre Aufgabe ist es, technisches Know-how zu vermitteln. Mit Kursen wie «LED ­Matrix mit Arduino» fördern ehrenamtliche Fab-Lab-Manager den Wissensaustausch. «In diesem Workshop verlöten wir Leuchtdioden, die gitterförmig angeordnet werden», erzählt Damian Schneider, Elektroingenieur und Fab-Lab-Manager. Das Endresultat wird eine Wandleuchte sein, die etliche Formen und Texte in verschiedenen Farben ­abbilden kann.

«Fab Labs sind keine Clubs für Nerds», sagt Hanselmann. Zentral sei für die offenen Labore, interessierten Menschen einen einfachen Einstieg zur digitalen Produktion zu bieten. «Share Economy», also das Teilen von Technik und Wissen, ist einer der Stützpfeiler der Fab Labs. Die Vorgaben der Swiss Fab Foundation für ein Fabrikationslabor sind strikt. Die Labors müssen öffentlich zugänglich sein, und ein Teil ihres Angebots muss kostenlos zur Verfügung stehen. Fab Labs sollen einfach ein Zugang sein, um praktisches Wissen über digitale Produktionstechnologien zu erlangen. Unabhängig von Bildung, Alter, Wohlstand oder Region. Egal ob Schüler, Student oder Privatperson.

Fab Labs sollen auch den Erfindergeist fördern. Jedem Mitglied steht ein grosses Netzwerk an Know-how zur Verfügung, denn das Teilen von Know-how steht in der Fab-Lab-Charta an erster Stelle. Die Charta ist der Leitrahmen und für alle Labore weltweit verbindlich. In Entwicklungsländern helfen die Fabrikationslabors aber auch, lokale Probleme zu lösen, und erhöhen die Lebens­qualität der Menschen; in Kabul zum Beispiel bauten Mitglieder aus einfachen Dingen wie Blech, Drähten und Holz ein WLAN-Funknetz, das Distanzen von mehreren Kilometern überwindet. Die Amerikanerin Amy Sun vom Fab-Lab-Projekt des Massachusetts Institute of Technology (MIT) ermöglichte den örtlichen Bewohnern den Internetzugang, was vor allem die wirtschaftliche Entwicklung fördert.

Gegen die Wegwerfgesellschaft

«Leute mit Ideen treffen hier auf Leute, die Ideen umsetzen können», erzählt Martin Oberholzer, «Obi», der an seiner LED-Matrix werkelt. Er ist einer der Teilnehmer, ebenfalls Fab-Lab-Manager und das, was manch einer als den sympathischen «Nerd» bezeichnen würde. Die Mitglieder der Fab Labs Winti sind Studenten und Menschen mit technischem Hintergrund: Programmierer, Architekten, Handwerker. Aber auch Senioren, Designer und Künstler finden sich unter den Mitgliedern. Der älteste Besucher ist 82-jährig. «Er kam eines Tages hereinmarschiert und fragte, ob wir hier eine Abdeckung für seinen automatischen Locher machen können», erzählt Obi. «Seitdem kommt er immer wieder.» Besonders ältere Mitglieder hätten mit Maschinen Erfahrungen, von denen die Jungen profitieren könnten, sagt Hanselmann. Die Senioren lernen dafür die digitale Produktion von den jungen digital Nativen. Bei jungen Menschen ist laut Hanselmann eines der Hauptmotive für eine Mitgliedschaft, wieder vermehrt selber Produkte herzustellen. «Weg vom Konsum und der Wegwerfgesellschaft.»

Yves Ebnöther, Präsident des Fab Lab Zürich und Dozent für Design und Digitale Fabrikation an der Hochschule Luzern (HSLU), teilt die Mitglieder grob in zwei Lager auf: Techniker und Gestalter. Während die einen eher die technische Herausforderung suchen und gerne basteln, haben die Gestalter einen ästhetischen Anspruch bei ihren Projekten. Studenten sind in beiden Gruppen anzutreffen. Sie nutzen die offenenMinifabriken als Ergänzung zu ihrem Studium, um mit CNC-Fräsen oder 3-D-Druckern Teile für ihre Modelle herzustellen. Inzwischen finden auch Kinder Gefallen an der digitalen Produktion und bekunden grosses Interesse an den Kursen. «Der Aufwand ist grösser, dafür flippen die Jungen total aus», erzählt Ebnöther. Das jüngste Mitglied in Zürich ist elf Jahre alt.

Bachelor in digitaler Produktion

Die Initiatoren der Fab Labs treffen zweifellos den Zeitgeist. Nach einem Jahr hat das Fab Lab in Winterthur über 160 Teilnehmer, in Zürich sind es im dritten Jahr bereits 400 Mitglieder. Im Ausland breitet sich die Fab-Lab-Idee ebenfalls weiter aus. In Frankreich wird bereits darüber diskutiert, einen Bachelor-Studiengang in digitaler Produktion einzuführen. Für diese Idee wäre auch Ebnöther zu erwärmen, als modulare Ergänzung zu bestehenden Studiengängen. «Ein spezialisiertes Studium gibt es so nicht.» In einem schweizweiten Verbund, in dem jedes Fab Lab ein vertiefendes Modul anbietet, wäre laut Ebnöther ein Studiengang möglich. «Dafür fehlen jedoch die Mittel, um Lehrpersonal anzustellen», sagt der Dozent an der Hochschule Luzern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2015, 07:57 Uhr

Hightech-Fabrikate: 3-D-Ausdruck (vorne) und LED-Matrix (hinten).

Ein Ort, an dem die Kreativität sprudelt

Die Idee des Fab Lab stammt aus Amerika und hat seit 2002 eine schnell wachsende Fangemeinde. Laut Fabfoundation.org gibt es weltweit über 500 gemeldete Fab Labs, die Hälfte davon befinden sich in Europa. In der Schweiz gibt es bereits zwölf. Alle wurde an Universitäts- oder Fachhochschulstandorten gegründet. Gründervater ist der US-Physiker und Informatiker Neil Gershenfeld des MIT. Er bewirbt die Fab Labs als Ort, an dem Menschen ihrer Kreativität freien Lauf lassen können. Nur wenige Fab Labs sind in der Schweiz als Vereine gegründet worden. Das Fab Lab in Luzern zum Beispiel ist an die Hochschule Luzern gebunden.

Eine Jahresmitgliedschaft kostet in Winterthur und Zürich 149 respektive 156 Franken. Ausserdem wird die Geräte­nutzung pro Stunde verrechnet, je nach Gerät sind 20 bis 30 Franken fällig. In Luzern wird dagegen eine Pauschale von 300 Franken pro Halbjahr verlangt, dafür sind weitere Maschinenkosten im Preis inbegriffen. An den Kursen konstruieren die Teilnehmer Geräte oder Designobjekte und lernen nebenbei den Umgang mit Hightechanlagen. Die Kurs­kosten sind abhängig vom Material- und Geräteeinsatz. Für die Veranstaltung «LED Matrix mit Arduino» verlangte das Fab Lab Winti von den Mitgliedern 195 und von Nichtmitglieder 225 Franken.

Das Fab Lab Winti benötigte für den Start vor einem Jahr 20'000 Franken. Das Geld sammelte der Verein lokal über eine Schweizer Crowdfunding-Site. In Winterthur ist das Fab Lab noch immer in der Auf- und Ausbauphase und braucht weiterhin Unterstützung. Interessierte können sich auf der Website anmelden und informieren. Mitglied kann man bereits ab 14 Jahren werden. (sec)

www.fablabwinti.ch

Artikel zum Thema

Die zehn schnellsten Zugverbindungen der Welt

Pünktlich zur Reisezeit hat die britische Bahnzeitschrift «Railway Gazette International» die Liste der schnellsten Zugverbindungen der Welt herausgegeben, den sogenannten World Speed Survey. Die Übersicht. Mehr...

US-Navy baut Unterwasser-Schlagkraft aus

2,5 Milliarden Dollar teuer, mit Hightech ausgerüstet – und jetzt in See gestochen: Wen die USS John Warner vor allem beeindrucken soll. Mehr...

Das Übel des autonomen Autos

Welttheater Die Kotztüte immer griffbereit. Die Ära der selbst fahrenden Hightech-Autos verspricht auch schwierig zu werden, glaubt man einer Studie. Zum Blog

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wagemutig: Der 95-jährige Kriegsveteran Thomas Norwood landet nach einem Tandemsprung in Suffolk, Virginia, USA (15. Oktober 2017).
(Bild: Vicki Cronis-Nohe) Mehr...