Verkaufte Privatsphäre

Die technischen Möglichkeiten sind heute unbegrenzt und wirkliche Privatsphäre gibt es nicht mehr.

Jeder Mausklick den wir ausführen, wird analysiert und ausgewertet.

Jeder Mausklick den wir ausführen, wird analysiert und ausgewertet. Bild: Keystone

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Wir fragen uns in der heutigen Welt oft, wie gross das Mass an Überwachung oder Beobachtung des Staates und privater Institutionen ist. Die technischen Möglichkeiten sind heute unbegrenzt und nehmen in immer stärkerem Ausmasse zu, und die wirkliche Privatsphäre gibt es nicht mehr, ausser man zieht sich ohne elektronische Hilfsmittel (Handy, Laptop etc.) auf eine abgelegene Berghütte ohne Strom zurück.

Natürlich können die öffentlichen Kameras und Rasterfahndungen auch schützen, indem sie kriminelle oder terroristische Tätigkeiten aufdecken und im Keim ersticken. Es gilt also abzuschätzen, wo das Mass überschritten wird und Einhalt geboten werden muss, um die Privatsphäre des Einzelnen zu gewährleisten.

Eine neue Welt des Marketings

In unserem täglichen Leben, vor allem beim Einkaufen, glauben wir, die Kontrolle und den Schutz unserer Entscheidungen zu haben. Doch das ist zunehmend nicht mehr so. Marketing-Professor Joseph Turow (University of Pennsylvania) hat soeben ein Buch veröffentlicht («The Aisles Have Eyes»), welches einerseits faszinierend ist, andererseits aber auch beängstigend. Eine Passage beschreibt den Vater einer Teenagerin, der erst herausfindet, dass seine Tochter schwanger ist, nachdem ein Versandhaus Mutterschafts- und Kinderbetreuungsunterlagen nach Hause sendet. Wie wusste das Versandhaus, dass seine Tochter schwanger war, bevor es die Familie wusste?

Turow beschreibt in seinem Buch, wie sich eine neue Welt des Marketings langsam in unserem Leben einnistet. Detailhandelsketten können zum Beispiel über ihr Online-Portal Daten und Informationen einsammeln, welche sie danach analysieren, auswerten und vor allem ausnützen. Damit können sie nicht nur sehen, was den Konsumenten interessiert, sondern sie sehen auch, zu welchen anderen Webseiten der Kunde springt. Das Gleiche kann über Smartphone-Apps, Wi-Fis, Kameras und GPS herausgefunden werden. Big Data schreitet voran, und die Daten können schliesslich so ausgewertet werden, dass persönliche Nachrichten an die Kunden kreiert werden können, was den Händlern erlaubt, herauszufinden, ob etwa eine Käuferin schwanger ist oder ob ein Käufer keinen Rasierschaum mehr hat und so weiter. Sie können dann gezielt Werbung zur richtigen Zeit einsetzen. Ganz konkret und aktuell können Detaillisten durch die Kombination von «Tracking» (Verfolgung) und Datenabgleich aus gescannten Barcodes oder Kreditkarten-Belastungen einen Coupon etwa für Schokolade auf dem Handy erstellen, wenn der Kunde im spezifischen Regal danach Ausschau hält.

Big brother is watching you

Die Beeinflussung wird sich nicht nur im Detailhandel ausweiten, sondern auch beim Kauf von Autos, Möbel, Reisen, Kleider und dergleichen. Der Kunde muss sich dessen nicht nur bewusst sein, sondern einen geschärften Blick entwickeln, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Die Detailhändler gehen jedoch sehr geschickt vor und machen es dem Konsumenten «bequem», damit er seine persönlichen Informationen preisgibt. Oder sie überzeugen den Konsumenten, seine Daten von sich aus zur Verfügung zu stellen, damit er oder sie in das Treuebonus-Programm aufgenommen werden kann.

Unser technologischer Fortschritt hat also eine Kehrseite, und die Gesellschaft und die Regierungen tun gut daran, die Menschen vor dem Missbrauch oder dem Ausschlachten der technologischen Möglichkeiten zur Profitmaximierung zu schützen. Sonst wird das Zitat von George Orwell «Big brother is watching you» zur Perversion. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.07.2017, 10:23 Uhr

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