Die Mobilkommunikation frisst uns auf

Das smarte Phone übt eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Ein riesiger Menschenversuch ist im Gang – und wir alle nehmen daran teil.

Welche noch nicht erkennbaren psychischen Schäden die Kleinsten davontragen, wenn sie kaum je ungeteilte Zuwendung erhalten, kann man höchstens erahnen.

Welche noch nicht erkennbaren psychischen Schäden die Kleinsten davontragen, wenn sie kaum je ungeteilte Zuwendung erhalten, kann man höchstens erahnen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am meisten können einem kleine Kinder leidtun, die in Begleitung von Vätern oder Müttern sind, welche andauernd am Mobiltelefon hängen. Was macht es mit einem Baby, wenn seine wichtigste Bezugsperson physisch zwar vorhanden, aber doch immer seltsam abwesend ist? Laut einer neuen wissenschaftlichen Studie trinken und schlafen Säuglinge schlechter, wenn die Eltern während der Betreuung parallel digitale Medien nutzen. Welche noch nicht erkennbaren psychischen Schäden die Kleinsten davontragen, wenn sie kaum je ungeteilte Zuwendung erhalten, kann man höchstens erahnen.

Alles will geliked und verlinkt sein

Vor fast elf Jahren hat Steve Jobs von Apple das erste iPhone präsentiert. Seither hat das Smartphone die Welt in atemberaubenden Tempo erobert und verändert. Es gibt heute kaum mehr junge Menschen und auch immer weniger ältere Leute, die nicht pausenlos mit ihrem Handy befasst sind.

Wenn solche Freaks durch die Strassen gehen, tragen sie stets ihr Gerät vor Augen. Sie haben Knöpfe im Ohr und sprechen laut vor sich hin –ein Verhalten, das man früher als pathologisch erachtet hätte. Man bekommt von solchen Leuten nie einen Blick zugeworfen oder gar ein Lächeln geschenkt. Denn sie sind von früh bis spät daran, ihre «Timeline» abzuarbeiten, die auf ihrem Handy eintrifft: ein endloser Fluss an Nachrichten, Statusmeldungen, Bildern und Videosequenzen – einige geistreich, viele weniger –, die alle wieder kommentiert, geliked und verlinkt sein wollen.

«Ein klingelndes Handy hat etwas Brutales.»Berliner Psychologe Wolfgang Krüger

Das Handy zerhackt den Alltag von uns allen in kleinste Konzentrationsspannen von wenigen Sekunden oder bestenfalls einigen Minuten. Sich vertieft auf etwas einzulassen oder sich gar über Stunden ungestört mit einer Sache zu befassen – das ist fast unmöglich geworden. Denn ohne Ende treffen auf dem Mobilgerät, das wir stets dabei haben, Meldungen ein – über Whats-App, Facebook, Twitter, Youtube, Instagram, Snapchat etc. Alle paar Sekunden piepst, vibriert und surrt es.

Wie sich etwa Freundschaften und Liebschaften verändern, wenn kaum mehr je ungestörte Zweisamkeit stattfindet, weiss niemand. «Ein klingelndes Handy hat etwas Brutales», sagte der Berliner Psychologe Wolfgang Krüger gegenüber Focus. «Es bricht in eine menschliche Beziehung hinein wie kleine Kinder, die im Gespräch immer dazwischenfunken.»

Ständig auf Empfang und Abruf

Ein riesiger Menschenversuch ist im Gang – und wir alle nehmen daran teil. Es ist ein Experiment, das niemand geplant und das keine Ethikkommission bewilligt hat. Es ist der Versuch, was mit der Psyche und der Gesundheit geschieht, wenn das Gerät mit dem schönen Design einen nicht mehr zur Ruhe kommen lässt – über Tage, Wochen, Monate. Wie sich die Gesellschaft verändert, wenn alle ständig und überall auf Empfang und Abruf sind, wissen wir, wenn überhaupt, erst in einigen Jahren.

Früher konnte man ein feines Essen im Restaurant geniessen, ohne es ablichten und auf Facebook zu posten. Man durfte einen Berggipfel erklimmen, ohne oben sogleich alles fotografieren und veröffentlichen zu müssen. Früher konnte man Momente des Glücks geniessen, ohne dass man sie mit einem Selfie einfangen musste. Man traf sich mit Freunden, und die Unterhaltung mit ihnen wurde nicht dauernd durch elektronische Signale unterbrochen.

Wo bleiben die Flow-Erlebnisse?

Sicher bietet der Mobilfunk grosse Vorteile, wenn man ihn angemessen zu nutzen weiss. Dank Mails und Chats kann man mit Freunden und Angehörigen kommunizieren, wann immer das nötig ist. Elektronische Medien ermöglichen von überall her Zugriff auf enorm viele Informationen, was nicht zuletzt den Berufsalltag vieler Erwerbstätiger interessanter und gehaltvoller gemacht hat. Man kann sich, egal wo man ist, mit Spielen unterhalten, spannende Texte lesen oder auch jederzeit Hilfe anfordern, etwa bei einem medizinischen Notfall. Doch überwiegt solcher Nutzen die Nachteile der ständigen Erreichbarkeit?

1975 entwickelte der amerikanische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi das Konzept des Flow-Erlebnisses. Ein solches stellt sich ein, wenn ein Mensch völlig in einer Tätigkeit aufgeht. Ein «Flow» kann sich beim Malen, beim Musizieren, beim Autofahren, beim Texte schreiben oder bei sportlicher Betätigung einstellen. Flow-Erlebnisse haben psychisch eine reinigende Funktion. Voraussetzung, dass sie sich einstellen, ist aber, dass man über längere Zeit an einer Tätigkeit dranbleiben kann. Es ist zu befürchten, dass die handyaffinen Generationen diese glückselige Erfahrung nicht mehr kennen – ausser vielleicht beim Gamen.

Natürlich ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. Wie intensiv man sein Mobiltelefon nutzt, ist allen selber überlassen. Doch den eigenen Handykonsum willentlich zu beschränken, ist nicht einfach. Wer auf einer einsamen Insel lebt und sich um nichts kümmern muss, schafft die Entbehrung möglicherweise leicht. Wer aber berufliche, familiäre und gesellschaftliche Pflichten zu erfüllen hat – also fast alle von uns –, kann sein Handy nicht einfach ausschalten und weglegen. Klingelt und summt es dann wieder auf diesem, schaut man doch jedes Mal drauf – es könnte ja eine dringende Nachricht sein.

Gewaltige Anziehungskraft

So oder so übt das smarte Phone eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Das zeigt sich überdeutlich bei Kindern und Jugendlichen, die der «Handysucht» hoffnungslos verfallen, wenn man ihnen ihre Elektronikgeräte nicht immer wieder einzieht. Auch Erwachsene müssen über eine gehörige Portion Selbstdisziplin verfügen, um in Momenten der Untätigkeit nicht jedes Mal ihren Posteingang zu checken. «Ich führe eine Handlung aus, und dann gibt es eine Überraschung», brachte Burn-out-Forscher Alexander Markowetz den Reiz dieses Reflexes gegenüber der Welt auf den Punkt.

Natürlich gibt es jede Menge Ratschläge von Fachleuten, wie man sich vor der Macht der Mobilkommunikation schützen kann: nur noch alle paar Stunden die Mails checken! Nur noch einmal pro Tag auf Facebook gehen! Ein Konsumtagebuch schreiben, um sich seines Verhaltens bewusst zu werden! Offline-Tage einlegen! Es gibt sogar Apps, die einem Rückmeldungen zu den eigenen Nutzungsgewohnheiten liefern. Aber um solches Feedback zu erfahren, muss man das Handy erneut zur Hand nehmen.

Ob solche Tipps wirklich helfen, ist mehr als zweifelhaft. Denn immer zahlreicher werden die Anwendungen auf dem Mobilgerät, die einem ein scheinbar angenehmeres Leben bieten – mit der Wirkung, dass die Mobilkommunikation einen immer mehr auffrisst. Wird es in einigen Jahren noch Menschen geben, die gedankenverloren etwas basteln, ehrfürchtig den Sternenhimmel betrachten oder mit Hingabe einen Brief schreiben – von Hand, nicht mit dem Daumen auf der Tastatur?

Gäbe es einen Knopf, der alle Handys sofort zum Verschwinden brächte – so, dass sich niemand an die Mobiltelefonie erinnern und niemandem etwas fehlen würde: Einen solchen Knopf zu betätigen, wäre wohl eine gute Tat. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.12.2017, 11:10 Uhr

Artikel zum Thema

Robotersteuer geht in die falsche Richtung

Kommentar Die Digitalisierung ist eine Chance. Wir sollten sie nicht künstlich bremsen. Mehr...

Die neue Macht der Gäste

Bewertungen im Internet entscheiden heute mit über Erfolg oder Konkurs eines Gastronomiebetriebs. Mehr...

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...