Gratis-Uni im Internet: Hype oder Bildung für alle?

Eine Million Menschen werden nächstes Jahr an der ETH Lausanne studieren – per «Massive Open Online Courses». Vor allem Schüler aus armen Ländern sollen profitieren, doch Experten sind skeptisch.

Könnte dank Internet auch an der EPFL studieren: Eine Schülerin in Cape Town, Südafrika. (Archivbild)

Könnte dank Internet auch an der EPFL studieren: Eine Schülerin in Cape Town, Südafrika. (Archivbild) Bild: Reuters

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Seit 2012 bietet die ETH Lausanne (EPFL) im Internet gratis Universitätskurse für jedermann an. Seither haben sich 750'000 Personen aus aller Welt eingeschrieben, die Millionengrenze wird voraussichtlich 2015 erreicht. Trotz dieser Erfolge setzen manche Experten ein Fragezeichen hinter den Nutzen dieser Kurse.

Früher seien Hochschulen für Studierende reserviert gewesen, die einen ziemlich fixen Studiengang durchliefen - in manchen Ländern für viel Geld, erklärt der EPFL-Präsident Patrick Aebischer. Mit dem neuen pädagogischen Werkzeug Internetkurs «genügt ein Computer oder sogar ein Smartphone mit Internetzugang, um gratis an Kursen von Uni-Professoren teilzunehmen».

Dutzende Kurse sind in Vorbereitung

Die MOOCs, Akronym für «Massive Open Online Courses», begannen ihren Aufschwung im Jahr 2011 in den USA, von wo sie nach Europa herüberschwappten. Die ETH Lausanne war eine der ersten europäischen Hochschulen, die sie anbot. Heute können an der EPFL 20 MOOCs belegt werden, Dutzende weitere sind in Vorbereitung.

Auch andere Schweizer Hochschulen testen diese neue Lehrmethode, die Videos, Texte und Übungen flexibel einsetzt und mit einem Zertifikat abgeschlossen werden kann. Die ETH Zürich hat bisher vier MOOCs für ein globales Publikum produziert. Die Universität Zürich bot bisher einen Kurs pro Jahr an, ein neuer startet im Frühjahr 2015, zwei weitere sind geplant.

Visitenkarte für Hochschule

MOOCs gibt es auch an den Universitäten Genf und Lausanne, und Basel will 2015 mit der Umsetzung von fünf solchen Onlinekursen beginnen. Die Kurse sind explizit für ein weltweites Publikum gedacht. «Sie sollen eine Visitenkarte für die ETH sein», sagt Roman Klingler, Mediensprecher der ETH Zürich.

Die EPFL geht auch Partnerschaften mit afrikanischen Universitäten ein. «Diese MOOCs erlauben es uns, den Zugang zu Studienangeboten in strukturschwachen Regionen zu verbessern», sagt Aebischer. Die Hochschule rechnet mit 100'000 Teilnehmern aus Afrika bis 2016. Derzeit sind es 42'000.

Der Enthusiasmus für MOOCs wird nicht von allen geteilt. Die Online-Angebote würden Lücken in der Ausbildung in den ärmsten Regionen Afrikas nicht überbrücken, urteilte Christine Vaufrey, Chefredakteurin der Onlinezeitschrift «Thot Cursus», 2013 in einem Artikel.

Vielerorts gebe es dort keinen schnellen Internetanschluss, viele Menschen hätten keine Zeit, weil sie mehreren Jobs nachgingen. Oft lebten sie in einem Umfeld, in dem ihnen das selbständige Lernen schwerfalle und sie Begleitung benötigten.

Weniger als 10 Prozent schliessen ab

In der Tat beendet auch nur ein kleiner Teil der Studierenden die Onlinekurse. «Bei uns sind es weniger als 10 Prozent», bestätigt Pierre Dillenbourg, Direktor des Zentrums für digitale Bildung der EPFL. Von den 750'000 Teilnehmern verlasse ein Viertel bis ein Drittel den Kurs bereits nach dem ersten Video, weil sie realisierten, dass er für sie zu schwer sei.

Nur ein Drittel will den Kurs vollständig absolvieren, und davon hat wiederum nur etwa ein Drittel Erfolg. Die EPFL habe keine Kontrolle darüber, wer sich einschreibe, sagt Dillenbourg. «Jeder kann sich einschreiben - vom 16-Jährigen bis zum Rentner, der noch nie an einer Universität gewesen ist.» Das Durchschnittsalter liegt bei 30 Jahren.

Denn die Teilnahme an einem MOOC ist gratis. Wer jedoch am Ende des Kurses ein Zertifikat will, muss 50 Dollar bezahlen und Prüfungen bestehen. Die Onlinekurse sind denn auch eher eine Unterstützung für gute Studierende als ein Weg für jene, die keinen regulären Abschluss geschafft haben. Zwei Drittel der Kursteilnehmer an der EPFL haben bereits einen Bachelor oder Master.

«Innovative Lehre ist letztlich viel mehr als nur die MOOCs, die zurzeit sehr viel Aufmerksamkeit erhalten», sagt Roman Klingler von der ETH Zürich. Es gebe auch viele andere interessante Ansätze. Dennoch schätzt er, dass MOOCs und andere Online-Kursformate eine wichtige Rolle in der Lehre der Zukunft spielen werden. (fko/sda)

Erstellt: 26.12.2014, 14:18 Uhr

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