SOCIAL NETWORKS

Willst Du mein Freund sein?

Im Internet werden aus losen Bekanntschaften Freunde. Die Website Facebook verknüpft 130 Millionen Menschen rund um den Erdball und sorgt dafür, dass sie stets übereinander informiert sind.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Christoph und Karin sind jetzt Freunde.» «Peter hat ein eigenes Foto kommentiert.» «Lukas hat ein neues Video hochgeladen.» «Chantal is tired.»

Es ist Nachmittag, ich sitze bei der Arbeit und die Internet-Seite Facebook.com gibt Meldungen über meine Freunde durch. Wann immer einer von ihnen etwas an seiner Seite ändert oder eine Notiz platziert, erscheint auf meiner Startseite ein Eintrag. Facebook ist für mich wie eine Nachrichtenagentur. Nur schneller und privater.

«Sven is in central america in some hours!» «Fränzi is sleeping.» «Marc ist der Gruppe Züri Botellón Nr. 1 beigetreten.»

Facebook ist eine von vielen Netzwerk-Websites, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Mit weltweit rund 130 Millionen Nutzern dürfte sie inzwischen die Nummer 1 sein. In der Schweiz weist Facebook derzeit gut 420 000 registrierte Nutzer aus – noch im vergangenen Januar waren es erst 160 000.

Die Mitglieder unterhalten nicht nur eine eigene Profilseite, sie geben auch an, mit wem sie befreundet sind. Nur meine Freunde erhalten Kurzmeldungen über mich. Und nur sie können Inhalte anschauen, die ich als privat deklariert habe. Und so wird das World Wide Web erstmals richtig persönlich. Es gibt bei Facebook keine Startseite für alle. Jeder erhält nur die Inhalte vorgesetzt, die ihm zustehen. Und was ihn interessieren könnte.

«Chantal hat neue Fotos hinzugefügt.» «Peter wurde in einem Album markiert.» «Marc ist jetzt in einer komplizierten Beziehung.»

Facebook erlaubt mir, Fotos meiner Freunde in Basel, Zürich oder Singapur anzuschauen. Ich kann sie auf eine interessante Website hinweisen. Und ich kann über eine Umfrage Kollegen fürs gemeinsame Mittagessen finden. Ich könnte anderen Leuten eine digitale Rose schenken, meinen Filmgeschmack mit ihrem vergleichen oder jemanden virtuell umarmen.

Die Website wurde 2004 gegründet, war ursprünglich eine Seite für die Studenten der amerikanischen Universität Harvard und hat ihren Namen von einem gedruckten Vorgänger. Jährlich wurde in Harvard ein Heft herausgegeben, in dem die Studierenden abgebildet waren. Für dieses «Face Book» interessierten sich vor allem die Neuzugänger, denn es half ihnen, sich an der Uni zurechtzufinden. Facebook übernahm diese Funktion. Ende 2006 öffnete sich die Website für Nichtstudenten. Seither geht es steil bergauf.

Facebook ist nicht das einzige solche Angebot. Viele Seiten mit einem ähnlichen Ansatz buhlen um die Gunst der Internetnutzer. Der Pionier in den USA heisst MySpace und ist in Europa vor allem unter Künstlern beliebt, da es über MySpace schon früh möglich war, ohne grossen technischen Aufwand Musik zu veröffentlichen. Bei Studenten ist das deutsche StudiVZ verbreitet. Geschäftig und nüchtern präsentiert sich dagegen Xing.com.

Interessant für die Wissenschaft

Für den Basler Medienwissenschaftler Jörg Astheimer ist Facebook ein Forschungsgegenstand. Im Rahmen eines Nationalfonds-Projekts untersucht er soziale Netzwerke im Internet. Die Kontaktverwaltung sei eine zentrale Funktion, sagt er. Eine andere sei die Selbstdarstellung. Astheimer vergleicht Facebook mit den Meine-Freunde-Büchern, die seit Generationen von Mädchen herumgereicht werden. Auch da müssen Freunde ein Profil über sich ausfüllen, ein lustiges Foto einkleben und einen Spruch zum Besten geben. Und dann wird verglichen.

Astheimer interessiert sich in erster Linie für die Fotos. Ebenso wie bei Bildern fürs Fotoalbum würden die Jugendlichen für Fotos auf Facebook bewusst posieren. Zweck der Selbstdarstellung sei denn auch, auszuloten, wie man auf andere wirke. Die zentrale Frage laute: «Was zähle ich und was sind meine Interessen wert?» Die amerikanische Wissenschaftlerin Danah Boyd verweist auf die Liste aller Freunde, die zu jedem Facebook-Nutzer veröffentlicht wird. «You are who you know», meint Boyd. Jeder definiert sich über sein Umfeld.

«Lukas und Daniel sind jetzt Freunde.» «Cedric hat deine Freundschaftsanfrage bestätigt.» «Steffi und Fulvio Pelli sind jetzt Freunde.» «Patrick hat einen Kreativstau.» «Marc ist im Blick. Unfreiwillig.»

Facebook fasziniert die Forscher, weil sie quasi unter Laborbedingungen Gruppendynamiken beobachten können. Fast alle konzentrieren sich dabei auf Jugendliche. Vielleicht, weil sie Jugendliche für spannender halten. Vielleicht aber auch, weil sie noch gar nicht realisiert haben, dass Facebook längst kein Jugendphänomen mehr ist.

Nur ein Drittel der registrierten Nutzer in den USA ist jünger als 20 Jahre, in der Schweiz sind es gar nur 15 Prozent. Die «Twens» machen hierzulande mit 60 Prozent die Mehrheit aus, selbst die Gruppe der Dreissig- bis Vierzigjährigen stellt noch 20 Prozent. Facebook ist eine Spielwiese der Erwachsenen geworden.

Die 27-jährige Olga aus Basel stellt fest: «Ich bin in meinem Umfeld allmählich die Letzte, die noch nicht mitmacht.» Doch sie will nicht. Sie sehe keinen Sinn darin, persönliche Daten ins Netz zu stellen und öffentlich Protokoll übers Privatleben zu führen, sagt sie. Zunehmend werde sie so zur Aussenseiterin, was sich auch im Alltag zeige. Wenn Freunde Fotos aus den Ferien mitbringen, stellen sie diese bei Facebook online. Wer nicht angemeldet ist, sieht sie nicht. Andere laden online zum Geburtstagsfest ein oder planen ihre Grillparty über eine Gruppe bei Facebook.

Jedem seine Gruppe

Gruppen sind die neuen Vereine. Jeder kann sie auf Facebook ins Leben rufen oder einer beitreten. Auch ich bin bei mehreren dabei, etwa beim Online-Ableger des TV Kleinbasel. Oder bei «Was lauft hüt z Basel?». Wie alles auf Facebook verbreiten sich auch die Gruppen über die direkten Kontakte. Wird ein Freund irgendwo Mitglied, erhalte ich eine Meldung. Werde ich Mitglied, erfahren es alle meine Freunde.

«Lukas ist der Gruppe Mob Wars Add for A bigger mob! beigetreten.» «Andreas und Léonie sind der Gruppe Nein zum radikalen Rauchverbot am 28. September 2008 beigetreten.»

Die Thematik ist breit: Mal geht es um die Planung der Freizeitaktivitäten, mal um handfeste Politik. Als in Basel über den Erweiterungsbau der Messe Basel abgestimmt wurde, eröffnete Thomas Korak die Gruppe «Ja zu unserer Messe». Gut 200 Leute sind noch immer dabei. Mit dem offiziellen Pro-Komittee hatte Korak nichts zu tun. Er bezeichnet sich als apolitischen Menschen, der den Neubau ideell unterstützen wollte. «Interessant war, dass sich sehr schnell viele Leute angeschlossen haben», sagt Korak. Die meisten kannte er nicht.

Die Unterstützung für den Neubau blieb jedoch auf die digitale Welt beschränkt. «Das war immer nur ein Facebook-Ding», sagt er. Jetzt vor den Wahlen bewerben auch Basler Politiker ihre Kandidatur für den Grossen Rat via Facebook. Balz Herter (CVP) hat derzeit 96 Mitglieder in seinem Unterstützungsteam, Peter Lissy (SP) bringt es auf 63 Anhänger.

«Chantal freut sich über das schöne Wetter.» «Peter is fit and and slick as a fiddle.» «Lukas neui natelnummere: 078 ...»

Jeder Satz auf Facebook erreicht ein kleines Publikum, jedes Klönen und Sich-Freuen löst ein anderes aus. Die Wissenschaftlerin Danah Boyd schreibt in Anlehnung an Andy Warhols berühmten Ausspruch, auf Facebook sei jeder «berühmt für 15 Leute». Und wer berühmt ist, wird gehört. So entsteht ein dünner, gleichmässiger Kommunikationsteppich, der die Facebook-Nutzer durch den Tag begleitet. Facebook ist die neue Variante des Stammtisches. Man kennt sich flüchtig und führt Gespräche über Gott und die Welt. Nur dass man dabei nicht im gleichen Restaurant sitzen muss. Facebook kennt keine Grenzen.

Facebook weiss alles. Das bringt auch Gefahren mit. Facebook ist auf dem besten Weg, neuer Intimfeind der Datenschützer zu werden. Wer kennt wen, woher und seit wann? Wer ist gerade wo, hat welchen Job und welche sexuellen Vorlieben? Die Palette dessen, was die Nutzer von sich preisgeben, ist breit. Facebook kennt seine vielen «Freunde» gut. Sehr gut.

Der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür hat unlängst einen Bericht über soziale Netzwerke verfasst. Er warnt vor Identitätsdieben und intransparenten Datensammlern. «Das Einzige, was ein Social Networking Service (SNS) anzubieten hat, sind Personendaten», mahnt Thür. «Und der Börsenwert eines SNS spricht Bände über den Wert.» Vergangenen Oktober legte Microsoft für nur gerade 1,6 Prozent der Facebook-Aktien 240 Millionen Dollar auf den Tisch.

Und so überlege ich mir genau, welche Bilder ich online stelle und wem ich sie zugänglich mache. Wen deklariere ich öffentlich als Freund? Bei welcher Aktion mache ich lieber nicht mit? Auch meine Freunde nutzen die Möglichkeiten, den Zugriff zu steuern. Doch die meisten haben sich längst daran gewöhnt, dass Organisationen und Firmen Daten über sie sammeln. Im Internet analysieren uns Google und Amazon, in der physischen Welt sind es die Detailhändler mit ihren Kunden- und Bonuskarten. Facebook ist nur einer mehr.

«Rahel sagt Bäng.»

Doch nicht nur die Informationen sind öffentlich, auch das, was mit den Informationen gemacht wird, wird auf Facebook protokolliert. Das musste auch Fränzi feststellen. Als sie den Status ihrer privaten Beziehung nicht mehr kommuniziert haben wollte, löschte sie den Eintrag «in einer Beziehung» aus ihrem Profil. Facebook verkündete darauf, sie sei «nicht mehr in einer Beziehung». Sie habe zahlreiche Anrufe von besorgten Freunden erhalten, sagt die Dreissigjährige. Heute kann sie darüber lachen, Fränzi ist glücklich verheiratet.

Auf Facebook ist Fränzi meine Freundin. Ausserhalb würden wir uns dagegen eher als flüchtige Bekannte bezeichnen. Wir haben zwar gemeinsame Freunde, unsere Treffen lassen sich jedoch an einer Hand abzählen. Für den Harvard-Soziologen Jason Kaufmann ist Facebook ein Beleg dafür, dass entfernte Bekannte eigentlich interessanter sind als direkte Freunde. Am wertvollsten seien «Leute, die dich mit Kreisen ausserhalb deines sozialen Universums verbinden können», sagt er. Facebook erlaubt es, solche Kontakte aufzubauen und alte zu pflegen. Man verliert sich nicht aus den Augen – oder wie es Kaufmanns Kollege Andreas Wimmer formuliert: «Beziehungen haben eine längere Halbwertszeit.»

Hundert Freunde

Dass Online-Freundschaften nicht mit dem vergleichbar sind, was gewöhnlich unter «Freunden» verstanden wird, liegt auf der Hand. Viele Facebook-User haben zwischen hundert und zweihundert «Freunden», Einzelne bis zu tausend. Der Begriff erhält dadurch eine neue Bedeutung. Traditionell betrachtet hätten die meisten Menschen fünf bis sechs Menschen, mit denen sie eine wahre Freundschaft pflegten, sagt Wimmer. «Das Internet wird daran nichts ändern.»

Das sagte sich auch Anna. Nach nur drei Monaten bei Facebook hat sie ihr Profil wieder gelöscht. «Die ganzen Freunde-Anfragen und Einträge auf meiner Profilseite wurden mir zu viel», sagt sie. Das Abmelden sei aber gar nicht so einfach gewesen. Während man mit ein paar wenigen Klicks Facebook-Mitglied werden könne, gebe es für den Austritt kein standardisiertes Verfahren. «Ich musste ein Mail an den Kundendienst schreiben», sagt sie. «Die haben dann nochmal gefragt, ob ich auch wirklich rauswolle.»

Nach ihrem Facebook-Ende hagelte es Reaktionen. Praktisch alle ihre Freunde seien bei Facebook dabei, sagt die 23-Jährige. «Spinnst du?», wurde sie gefragt. «Jetzt können wir ja gar nicht mehr mit dir mailen.» Annas trockene Antwort: «Du kannst mich ja anrufen, wenn du was willst.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.08.2008, 16:18 Uhr

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Nations League mit Delikatesse

Wettermacher Der Name der Hose

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador. (14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...