Der Katalog der vergangenen Musik

Das Internet Archive digitalisiert Schellackplatten und macht diese online zugänglich. Jetzt kann man sich mehr als 25’000 Aufnahmen anhören.

Sieht man nur noch selten: Ein Grammofon mit Schellackplatte.

Sieht man nur noch selten: Ein Grammofon mit Schellackplatte. Bild: Doris Fanconi

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Angefangen hat das Internet Archive als genau das: ein Archiv, das möglichst viele Websites des World Wide Webs archiviert. Das tut die Organisation seit 1996, doch längst sind andere Aufgaben hinzugekommen. So werden auch Bücher, Filme, Audiodateien und alle möglichen weiteren Dokumente der Zeitgeschichte und ganze Sammlungen konserviert.

Hinzugekommen ist neuerdings ein Schatz, der Musikliebhaber begeistern dürfte: Seit Herbst 2016 hat das gemeinnützige Projekt mit Sitz in San Francisco über 25’000 Schellackplatten digitalisiert und diese nun öffentlich zugänglich gemacht.

Butterball Brown and his Orchestra – It's Drunk Out Tonight

Die frühen Tonträger waren die Vorläufer von Vinylplatten und wurden vereinzelt bis in die frühen Siebzigerjahre produziert. Ab den Vierzigerjahren wurden sie nach und nach vom heute noch produzierten Vinyl abgelöst. Schellackplatten waren schlicht zu schwer und zu zerbrechlich und hatten im Gegensatz zum heute üblichen Vinyl eine deutlich geringere Speicherkapazität.

Raritäten werden zuerst gerettet

Das Problem: Viele der noch existierenden Schellackplatten schlummern in Sammlungen oder – noch schlimmer – werden auf Estrichen und in Kellern gelagert, weil sich einfach kein Abspielgerät mehr in der Nähe befindet. Deshalb hat das Internet Archive die Digitalisierung von möglichst vielen der geschätzten 3 Millionen Schellack-Aufnahmen, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind, angestossen. Den Anfang machen eben jene 25’000 Rillen, wobei sich die Archivare vorerst auf Raritäten konzentriert haben.

Josh White – St. James Infirmary

Mithilfe von Sammlern und Freiwilligen hat sich das Internet Archive den Zugang zu über 20 Sammlungen und rund 200’000 Schellackplatten gesichert, die sich jetzt im Besitz der Organisation befinden. Die Tonträger werden bei der Abholung fachgerecht ausgewählt, sortiert und verpackt und dann erst einmal gereinigt. Danach werden sie katalogisiert und fotografiert und zu guter Letzt mit vier Tonabnehmern digitalisiert, bevor sie in der Langzeit-Lagerung verschwinden.

Trio Shmeed – Yodel Cha Cha

Interessierte können die mittlerweile 25’991 konservierten Aufnahmen auf der Website des «Great 78 Projects» gratis anhören. Die ältesten von ihnen stammen aus dem Jahr 1902, und obwohl die meisten Stücke auf Englisch in Schellack geritzt wurden, finden sich im stets wachsenden Archiv auch 47 weitere Sprachen. Auf den beiden als «Swiss» deklarierten Liedern wird leider nicht gesungen, dafür kann man eine chinesische Pressung der Künstlerin Yun Yun von 1940 hören. Oder dem flotten Klezmer von Mickey Katz and his Kosher-Jammers auf Yiddish lauschen.

Yun Yun – Yong dù chunxiao

Mickey Katz and his Kosher-Jammers – Hinky Dinky Vais Ich Voos

Die Tonqualität ist mitunter – diplomatisch ausgedrückt – authentisch: Man hört den Platten ihr Alter an, es rauscht und kratzt. Die digitalisierten Dateien seien bewusst unbearbeitet geblieben. Neben der Möglichkeit, nach diversen Parametern zu sortieren – Jahr, Sprache, Genre, Künstler und so weiter –, kann man das Gehörte herunterladen, als wuchtige Flac-Dateien oder schlankerem MP3, sortiert nach den vier Tonabnehmern und mitsamt der abfotografierten Etiketten. Wer nicht selbst suchen möchte, kann dem Projekt einfach auf Twitter folgen: Dort wird alle zehn Minuten eine neue Platte veröffentlicht.

Mit den 200’000 bereits gesicherten Schellack-Exemplaren soll aber noch nicht Schluss sein. Wer alte Platten besitzt, kann sich beim Internet Archive melden und sie digitalisieren lassen – oder gleich spenden. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.08.2017, 15:02 Uhr

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