A6500: Die neue Turbo-Kamera im Test

Die neue Sony-Systemkamera ist rasend schnell. Doch wie fotografiert es sich damit? baz.ch/Newsnet hat sie ausprobiert.

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Fotografie ist unter anderem die Kunst, im richtigen Moment den Auslöser zu drücken. Mit dem Aufkommen der Digitalfotografie und vor allem mit immer leistungsfähigeren Prozessoren gerät diese über 200 Jahre alte Definition ins Wanken.

Statt geduldig auf den perfekten Moment zu warten, drückt man bei modernsten Turbo-Kameras den Auslöser einfach mal runter, lässt den Finger drauf, hört zu, wie der Verschluss rasselt, und schaut zu, wie sich die Speicherkarte füllt.

Die perfekte Aufnahme wird dann wohl schon dabei sein. «Spray and pray» (sprühen und beten) wird diese neue Technik gelegentlich in Anlehnung an Kriegsvokabular auf Englisch wenig schmeichelhaft genannt.

Den Turbo ausprobiert

Über die Weihnachtsfeiertage habe ich eine Turbo-Kamera der neusten Generation ausprobiert: die Sony A6500 (1700 Franken).

Privat habe ich mir vor über drei Jahren die Sony A7 (1100 Franken) gekauft. Sie ist eine Spur grösser als die A6500 und hat einen grösseren Bildsensor (Vollformat). Aber schnell ist sie wirklich nicht. Obwohl ich die Kamera inzwischen in- und auswendig kenne, fast überall hin mitnehme und blind bedienen kann, passiert es immer mal wieder, dass wegen des zu langsamen Fokus oder der wenig intelligenten Automatik ein Bild misslingt.

Ich war also gespannt: Würde sich meine Art zu fotografieren mit einer Turbo-Kamera verändern?

Kein Hingucker

Auf den ersten Blick ist die A6500 kein Hingucker. Das schwarze Gehäuse ist abgesehen von der weit aus dem Gehäuse ragenden Okularmuschel ziemlich unscheinbar. Da machen andere Kameras deutlich mehr Lust, sie in die Hand zu nehmen und damit zu fotografieren: etwa die neue Pen von Olympus, fast alle Fuji-Kameras und natürlich (wenn auch ausserhalb des Budgets) das gesamte Leica-Sortiment.

Die Sony verströmt im Vergleich den düsteren und klotzigen Charme eines Batmobils. Wer nicht ganz genau hinschaut, kann sie kaum von den immer noch erhältlichen Vorgängermodellen A6000 (570 Franken) und A6300 (1100 Franken) unterscheiden.

Aber natürlich geht es beim Fotografieren nicht um derartige Äusserlichkeiten, sondern um die Resultate und wie leicht man bekommt, was man möchte. Was das angeht, braucht sich die A6500 nicht zu verstecken.

Grosser Sensor

Die Kamera hat einen 24-Megapixel-Sensor im APS-C-Format. Der ist kleiner als ein Vollformatsensor, wie er in Profikameras zum Einsatz kommt, aber deutlich grösser als die Sensoren von Kompaktkameras und um Welten grösser als alles, was in Smartphones steckt.

Die Sensorgrössen im Vergleich. Grafik: Wikipedia

Eine einfache Faustregel besagt: Je grösser der Sensor ist, desto mehr Licht fängt er auf und desto besser werden die Bilder. Wie lang diese Regel aber in Zeiten von Computational Photography noch gilt, ist eine andere Frage. Fest steht, dass der Sony-Sensor selbst bei wenig Licht sehr gute Resultate liefert.

Kommt dazu, dass dieser Sensor dank optischer Bildstabilisierung leichte Bewegungen der Kamera ausgleicht. So kommt man bei wenig Licht immer noch gut ohne Stativ aus und muss sich nicht vor zittrigen Fotos fürchten.

Weniger Mühe geben

Tatsächlich machten sich im Alltag die Bildstabilisierung und der vom Vorgängermodell bekannte rasend schnelle Autofokus bezahlt. War ich anfangs noch zurückhaltend, merkte ich schnell, dass ich mir mit der A6500 nicht mehr so viel Mühe geben muss, um ein gutes Foto zu machen.

Während ich bei meiner A7 sicherheitshalber die Kamera meist ruhig halte, den Fokusbereich schon mal einschränke und fast immer im manuellen Modus alles selber einstelle, kann man mit der A6500 auf die Automatik und den Fokus vertrauen. Das führt so weit, dass ich sogar rennend und nur halbwegs auf die Kamera schauend scharfe Fotos hinbekommen habe. Auch bei schlechtem Licht war der Fokus zuverlässig genug, um schnelle Bewegungen perfekt einzufangen.

Schnell an Tempo gewöhnt

Apropos Tempo: Sony verspricht, dass man in 36 Sekunden bis zu 307 Fotos schiessen kann. So sollte man den entscheidenden Moment wirklich nicht verpassen.

Tatsächlich habe ich mich im Alltag schnell an das Tempo gewöhnt und nicht mehr nur ein, zwei Fotos gemacht, sondern zur Sicherheit immer gleich vier bis fünf. Einmal auf den Knopf gedrückt, und schon waren wieder drei Fotos mehr auf dem Speicherchip.

Das hat den Vorteil, dass man nachträglich genau das Bild aussuchen kann, auf dem alle Verwandten die Augen offen haben und lachen. Der Nachteil ist freilich, dass man mehr Zeit zum Sortieren braucht. Wer nicht sofort die Spreu vom Weizen trennt, muss sich darauf einstellen, dass das eigene Fotoarchiv schnell überquillt und unübersichtlich wird.

Lahmer Transfer

Ganz perfekt ist das Turbo-Fotografieren allerdings noch nicht gelöst. Die Fotos werden nämlich in einem Zwischenspeicher abgelegt und, erst wenn man fertig fotografiert hat, auf den Speicherchip verschoben. Wer nach einer Fotoserie gleich die nächste machen will, muss warten, bis alle Fotos auf dem Chip sind. Im Alltag habe ich darum lieber etwas länger draufgehalten und eine lange Serie statt zweier kurzer gemacht.

Neu, wenigstens für Sonys Top-Kameras, ist der Touchscreen. Während andere Hersteller längst Touchscreens in ihre Kameras einbauten, war Sony in der Vergangenheit zurückhaltend. Darauf angesprochen, antworteten die Sony-Ingenieure jeweils ausweichend. Man schaue sich das an, man mache Nutzertests, aber so sicher schienen sie sich nicht, ob ein Touchscreen wirklich einen Mehrwert bringt.

Jetzt mit Touchscreen

Mit der A6500 hat Sony nun einen Mittelweg gewählt. Der Touchscreen dient nicht dazu, die Kamera zu bedienen. Hinzu kommen weiterhin die Knöpfe zum Einsatz. Der Touchscreen dient in erster Linie dazu, Fokuspunkte zu setzen. Wer will, der kann auch durch die Fotos wischen, aber das habe ich im Alltag nie genutzt. Schliesslich geht es per Knopf einfacher und ohne dass man den Bildschirm mit den Fingern verdeckt.

Aber das Fokuspunkte-Setzen gefällt. Bei meiner A7 mache ich das inzwischen zwar ziemlich flink mit dem Vier-Wege-Knopf, aber mit dem Touchscreen geht es noch schneller und präziser. Allerdings funktioniert es natürlich nicht, wenn man das Auge am Okular hat. Aber wenn man durch den Bildschirm fotografiert, was ich sowieso häufig mache, ist der Touch-Fokus eine wirkliche Erleichterung.

Trotzdem war ich mehrmals versucht, den Touchscreen zu deaktivieren. Es kam nämlich wiederholt vor, dass ich beim Tragen der Kamera unabsichtlich einen Fokuspunkt am Bildschirmrand gesetzt habe. Wenn man dann nicht aufpasst, werden alle Fotos in der Folge unscharf.

Okular im Weg

Auch nicht ideal war in meinem Fall das Okular oder genauer die Gummi-Okularmuschel. Ich trage Kameras gern auch mal in einer Jackentasche. Mit der A6500 würde ich das nicht empfehlen. Mehrfach verhedderte sich die Okularmuschel, und bis ich die Kamera wieder herausgeklaubt hatte, war die gute Fotogelegenheit längst vorbei.

Der grösste Nachteil der A6500 ist aber ihr Preis. Für 1700 Franken bekommt man gerade mal das Gehäuse. Eines meiner Lieblingsobjektive für Sonys APS-C-Kameras, das 24mm f/1.8, kostet dann noch mal 900 Franken. Das wird schnell teuer. Darum empfehle ich Freunden und Bekannten weiterhin die zwar nicht so rasend schnelle, aber immer noch sehr gute A6000 als Allroundkamera. Ganz nach dem Motto: Lieber bei der Kamera als beim Objektiv sparen.

Fazit: Wenn Geld keine Rolle spielt, kann man mit der A6500 kaum etwas falsch machen. Dank dem enormen Tempo und dem stabilisierten Sensor kann man damit selbst als Laie auch unter sehr schwierigen Bedingungen sehr gute Fotos schiessen. Profis und Spiegelreflexkamera-Fans werden staunen, wie viel Power in einer so kleinen Kamera steckt.

Selbst bin ich nicht versucht, meine A7 für eine A6500 aufzugeben. Nicht zuletzt, weil meine Objektive für den grösseren Sensor optimiert sind. Sollte aber dieses Frühjahr tatsächlich eine bezahlbare Vollformatkamera mit ähnlichem Tempo und vergleichbarer Zuverlässigkeit auf den Markt kommen, könnte ich trotz allen guten Vorsätzen, mindestens fünf Jahre zu warten, vielleicht schwach werden. Wenn die Kamera dann auch noch gut aussieht, sind die Vorsätze ernsthaft in Gefahr.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.02.2017, 08:22 Uhr

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