Apps schliessen leert den Akku

Wer auf dem Handy Strom sparen will, tut sich mit dem Schliessen von Apps einen Bärendienst. Was wirklich hilft.

Immer Ärger mit dem Akku: Kein Strom im entscheidenden Moment ist ein Dauerproblem mobiler Geräte.

Immer Ärger mit dem Akku: Kein Strom im entscheidenden Moment ist ein Dauerproblem mobiler Geräte. Bild: Symbolbild

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Gerade Smartphone-Veteranen ist dieser Handgriff in Fleisch und Blut übergegangen: Die App-Übersicht öffnen und unbenutzte Apps vom Bildschirm wischen. Schliesslich will man Akku sparen und verhindern, dass eine Flut von Apps im Hintergrund Strom frisst. Das Problem ist nur: Apps von Hand zu schliessen, nützt nichts und kann sogar schaden.

Warum, erklärt Simon Brülisauer, Software-Architekt und -Entwickler beim Informatikunternehmen Zühlke Engineering. Geschlossene Apps verbrauchten zwar keinen Strom. Aber: «Wenn Sie Apps immer wieder schliessen, haben Sie das Problem, dass diese stets neu gestartet werden», sagt Brülisauer. Eine App in den Speicher zu laden und hochzufahren, brauche besonders viel Energie – mehr, als sie im Hintergrund schlafen zu lassen und im entscheidenden Moment zu wecken. «Darum ist das Schliessen von Apps nicht nur mühsam, sondern kann sogar kontraproduktiv sein», sagt der Softwareexperte.

Das System passt auf

Grund dafür ist, wie Betriebssysteme heute arbeiten. Sie nehmen dem Nutzer ab, sich um den Akku zu kümmern. Dabei leisten sie einen immer besseren Job. Apple, Google und Microsoft haben ihre Systeme in den letzten Jahren kontinuierlich darauf getrimmt, Apps energietechnisch auf die Finger zu schauen.

Wie viel Strom eine App braucht, darum kümmert sich inzwischen das Betriebssystem. Geöffnete Apps, die der Nutzer gerade nicht verwendet, gehen in einen Schlafmodus. Hier bleiben sie im Speicher, arbeiten nicht mehr aktiv und brauchen daher weniger Strom. Sie erhalten nur noch Updates wenn nötig. Ein Beispiel ist eine Nachrichten-App, die jeweils neue Meldungen aktuell in die Benachrichtigungsleiste bringt. Es geht auch noch sparsamer: «Eine App kann auch in Tiefschlaf gehen.» Sie bleibt im Speicher, wird aber faktisch eingefroren. Auch hier entscheidet das Betriebssystem. Ganz schliessen ist auch möglich: Android und iOS schliessen Apps allerdings erst, wenn der Speicherplatz knapp wird.

Stromfresser GPS

Das Akkumanagement beherrschen Smartphones besser als der Nutzer. Eine Ausnahme von der Regel gibt es allerdings, wie Simon Brülisauer sagt: «Eine fiese Falle sind Navigationsapps.» Um zu funktionieren, müssen sie auch bei ausgeschaltetem Bildschirm weiter GPS nutzen – und saugen kräftig am Akku. Bei solchen Apps kann das Betriebssystem gelegentlich versagen, weshalb der Nutzer gefordert ist: «Hier lohnt es sich, eine App aktiv zu schliessen, wenn man sie nicht mehr braucht.»

Überhaupt sollten Nutzer den Stromfresser GPS im Auge behalten, rät Brülisauer. Denn fleissige GPS-Apps zögen den Akku schnell in den roten Bereich. Häufige Standortzugriffe erkennt der Nutzer in der Regel am GPS-Symbol bei den Benachrichtigungen. iPhone-Besitzer seien hier übrigens im Vorteil, so Brülisauer: «In iOS bestimmt der Nutzer, welche Apps auch im Hintergrund GPS nutzen dürfen» Passend eingestellt lässt das System eine App nur dann den Standort checken, wenn sie aktiv in Benutzung ist.

Flugmodus im Funkloch

Was kann der Nutzer sonst tun, um Akku zu sparen? Brülisauer: «Einer der grössten Stromfresser ist der Bildschirm.» Sein Tipp ist daher, die automatische Helligkeitseinstellung zu aktivieren. Weiterer Akkuleerer ist die Funkhardware: 3G und 4G und Wi-Fi. «Zum Problem wird das besonders dann, wenn der Empfang schlecht ist.» Das Handy schraube dann nämlich automatisch die Sendeleistung nach oben – mit dem Ergebnis, das der Stromverbrauch steige. «Es lohnt sich, in einem Funkloch auf Flugmodus zu wechseln – oder dann, wenn man länger im Keller beschäftigt ist.»

In den Appstores finden sich zahlreiche Applikationen, die längere Akkuzeit versprechen. Battery Doctor ist eine der beliebtesten, mit mehreren Hundert Millionen Downloads in Googles Play Store. Simon Brülisauer kann solche Apps allerdings nicht empfehlen: «Sie sparen nicht magisch Strom und sind eher ein zweischneidiges Schwert.» Zwar informierten sie über den Stromverbrauch, aber eine wirkliche Akkusparfunktion könnte sie nicht bieten. «Sie helfen zwar, Akkusünder ausfindig zu machen, aber diese lassen sich auch im Betriebssystem finden.»

Generell findet Brülisauer, dass App-Macher mehr darauf achten sollten, Akku-schonende Applikationen zu bauen. Viele Apps seien zu aggressiv im Hintergrund. «Die App-Entwickler sind gefordert, effiziente Apps zu bauen und nicht sinnlos häufige Updates hinter den Kulissen zu fordern.» Gute Apps liessen dem Nutzer die Wahl, wie oft sie sich im Hintergrund Updates holen dürfen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.07.2016, 12:37 Uhr

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