«Apps sind eine veraltete Idee und werden verschwinden»

Der Chef des Notizdienstes Evernote, Phil Libin, über die Zukunft der Computer und wie wir damit umgehen werden.

Der Evernote-CEO Phil Libin setzt auf Dienste statt Apps.

Der Evernote-CEO Phil Libin setzt auf Dienste statt Apps. Bild: PD

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Gegenüber «The Information» haben Sie angekündigt, Sie wollten als CEO von Evernote zurücktreten. Warum?
Wir haben das Ziel, dass Evernote eine 100-jährige Firma wird. Damit das klappt, ist es mein wichtigster Job als Gründer-CEO, einen besseren und professionelleren Langzeit-CEO zu finden. Die Suche dauert schon eine ganze Weile. Sobald wir jemanden gefunden haben, der die Anforderungen erfüllt, wird er oder sie neuer Evernote-CEO.

Umfrage

Wieviele Apps haben Sie auf Ihrem Smartphone?







Was wird dann aus Ihnen?
Evernote ist mein Lebenswerk. Bei der CEO-Suche geht es darum, mich effizienter einzusetzen. Ich möchte da weitermachen, wo ich zu Beginn von Evernote angefangen habe. Als wir noch ein Start-up waren, habe ich das gemacht, was ich wirklich gut kann: Produktdesign, Produktstrategie und Überzeugungsarbeit leisten. Sobald ein Unternehmen eine mittlere Grösse erreicht, muss man als CEO alles können und machen. Nun, da wir eine gewisse Grösse erreicht haben, können wir uns den Luxus leisten, Leute einzustellen, die die Sachen gut können, die ich weniger gut kann.

Was unterscheidet denn einen Produkttyp von einem CEO-Typ?
Man kann beides sicher kombinieren. Bei manchen Unternehmen funktioniert das auch sehr gut. Meiner Meinung nach sollte der CEO jemand sein, der das Tagesgeschäft führt, sich um alle wichtigen Entscheidungen und Details kümmert. Manche Firmen finden, der CEO sollte sich nicht um Details kümmern müssen. Aber ich finde, eine gute Firma verdient einen CEO, der sich um Details kümmert. Ich bin dagegen ein Gründer- und Produkttyp.

Wie sieht das Stelleninserat für den neuen Evernote-CEO aus?
Wir sind da ziemlich offen. Wir wollen auf jeden Fall jemanden, der wirklich gut ist. Wir sprechen schon eine ganze Weile mit möglichen Kandidaten. Wenn wir die richtige Person treffen, werden wirs schon merken.

Gegenüber «The Information» haben Sie gesagt, Sie wären kurz davor, jemanden zu finden.
Das habe ich tatsächlich nie gesagt. Das stand nur im Artikel.

Wie sieht es denn mit einem möglichen Börsengang aus?
Wir fühlen uns verpflichtet, irgendwann eine börsenkotierte Aktiengesellschaft zu werden. Ich möchte, dass jeder, der in Evernote investieren will, das auch kann. Ein Börsengang ist für uns aber kein Ziel. Ein Börsengang sollte einfach eine Formalität sein – und auf jeden Fall keine Exit-Strategie. Wir sind aber immer noch ein paar Jahre von einem Börsengang entfernt. Aktuell verdienen wir es auch noch nicht, eine börsenkotierte Aktiengesellschaft zu sein. Da gibt es noch Ziele, die wir erreichen wollen. Mein Ziel ist es, dass Evernote funktioniert wie eine börsenkotierte Aktiengesellschaft, bevor wir den Schritt auch wirklich vollziehen. Lieber so als anders herum: an die Börse gehen und dann nachbessern.

Ein Börsengang ist die eine Option, eine Übernahme die andere.
Das ist immer eine Möglichkeit. Uns geht es vor allem darum, Einfluss und Möglichkeiten zu haben. Wir wollen ja eine 100-jährige Firma werden.

Würde eine Übernahme dieses Ziel nicht sabotieren?
Das Risiko ist gross, dass eine Übernahme alles ruinieren könnte. Darum sind wir da sehr skeptisch. Das einzige Argument, das ich verlockend fände, wenn mir jemand garantieren könnte, dass wir zusammen mehr erreichen können und Evernote seine 100-jährige Reise so besser meistern könnte.

Könnte das denn gut gehen?
Es ist auf jeden Fall sehr schwierig. Wie viele Firmen konnten nach einer Übernahme mehr erreichen als vorher? Youtube ist vermutlich besser, seit es von Google gekauft wurde. Android auch. Beides Google-Beispiele. Wer sonst noch?

Vielleicht Instagram und die Übernahme durch Facebook? Ich bin mir da nicht sicher.
Ich auch nicht. Die hatten vorher schon ein ziemlich gutes Wachstum. Andere Beispiele gibt es viele. Wurde Skype durch die Übernahme erst von Ebay, dann von Microsoft besser? Nope! «Minecraft»?

Warten wir mal auf die Hololens-Version.
Auf jeden Fall gibts nur wenige Beispiele. Es ist möglich, von einer Übernahme zu profitieren. Aber wir sind da sehr vorsichtig.

Sonst wird es nichts mit den 100 Jahren.
Inzwischen sind es noch 92 Jahre.

Haben Sie irgendwo eine grosse Sanduhr, die anzeigt, wie lange Sie noch durchhalten müssen?
Wir haben einen Fortschrittsbalken. Der sagt: «Der Bau einer 100-jährigen Firma ist zu 8 Prozent komplett.» Er bewegt sich sehr, sehr langsam.

Evernote ist eine der ersten Firmen, die auf die Cloud gesetzt haben. Man kann Evernote auf allen möglichen Geräten verwenden, und alles ist immer synchronisiert. Nun rücken die ganz Grossen der Branche nach. Wie ist es, mit Giganten wie Google und vor allem Microsoft zu konkurrieren?
Die Konkurrenz war nie grösser als damals, als wir Evernote lancierten. Als ich 2007/2008 zum ersten Mal für Evernote Geld und Investoren gesammelt habe, wurde ich immer gefragt, wer unsere Konkurrenten seien. Das war praktisch jeder PC und jedes Mobiltelefon. Fast jedes Gerät hatte eine vorinstallierte Notizfunktion. Microsoft, Apple und Google hatten alle schon Notiz-Tools, bevor wir überhaupt angefangen haben. Wir haben aber der Konkurrenz nie viel Aufmerksamkeit geschenkt und uns vor allem auf unser eigenes Produkt konzentriert, um es so gut wie möglich zu machen. Daran hat sich auch heute nichts geändert. Andere Firmen zwingen uns aber, immer besser zu werden. Das ist eine gesunde Sache für uns. Besonders Microsoft. Deren Produkte haben sich 20 Jahre lang kaum verändert. Erst seit knapp einem Jahr machen sie wieder interessante Sachen. Und das ist toll. Als Computerfan und Teil dieser Branche will ich, dass Microsoft eine relevante Firma bleibt. Darum freut mich das, auch wenn es heisst, dass wir härter arbeiten müssen.

Gibt es denn ein konkretes Beispiel? Welches Konkurrenzprodukt hat Sie in der Vergangenheit motiviert, etwas noch Besseres zu machen?
Wir schauen nicht konkret, was andere Firmen haben. Der grösste Druck kommt von uns selbst und unseren Nutzern. Die Ansprüche werden immer höher. Aber wir können mithalten.

In welche Richtung wird sich Evernote denn weiterentwickeln?
Unser grosser Fokus im Moment ist der Arbeitsplatz. Es gibt das alte Paradigma: Man schreibt in Microsoft Word, man speichert die Datei auf dem Server, und man verschickt sie per E-Mail. Diese drei Schritte sind das alte System. Neuerdings sieht es vielleicht so aus: Man schreibt etwas mit Microsoft Word, man speichert es auf Dropbox und bespricht es per Slack. Das ist besser. Das ist Fortschritt.

Aber es ist immer noch das alte Paradigma?
Es ist immer noch Desktop-zentriert. Man kann Apps öffnen, den Text kopieren und einfügen, Sachen hin und her schieben. Das lässt sich schlecht auf Smartphones oder Wearables übertragen. Unsere Langzeithypothese ist, dass wir in einem zusammenhängenden System arbeiten. Alles ist eine Nutzererfahrung: schreiben, speichern, versenden und darüber reden. Und das wird sich durchsetzen, weil es besser und einfacher ist. Viele Sachen, die wir heute verwenden, sind die letzten Vertreter des alten Paradigmas. Aber sie sind am Aussterben. Darum konzentrieren wir uns darauf Erschaffen, Verstehen und Kommunizieren zu verbinden.

Welche Rolle spielt denn noch die Hardware bei diesem Szenario?
Die beste Nutzererfahrung gibt es, wenn man ein Produkt entwickelt, bei dem nicht getrennt wird zwischen Hardware und Software. Man stellt das Nutzererlebnis ins Zentrum. Das hat fast immer eine physische Komponente. Als kleine Firma können wir nicht viel Hardware machen. Darum haben wir nur kleine Projekte in dem Bereich, wie unseren Scanner. Wenn wir weiter wachsen und es uns leisten können, würde ich sehr gerne ein Produkt machen, das Hard- und Software vereint. 90 Prozent unserer Einnahmen werden aber auch weiterhin von Software kommen. Wenigstens bis wir vielleicht einmal eine deutlich grössere Firma sind.

Hardware bleibt also ein wichtiger Bestandteil? Es gibt Theorien, dass wir uns schon bald über alle möglichen Geräte – egal ob eigene oder fremde – mit den Diensten verbinden. Zugang zu Diensten wird so ubiquitär wie heute Papier.
Das liegt noch 20 oder 30 Jahre in der Zukunft. Das dauert noch eine ganze Weile. Tatsächlich glaube ich, Microsoft macht einen Fehler. Die plattformübergreifenden Pläne, die sie ankünden, sind praktisch immer ein Fehler. Wenn man sagt, es kommt nicht darauf an, ob es ein Fernseher, ein Telefon, eine Uhr, iOS oder Android ist, dann bekommt man den kleinsten gemeinsamen Nenner. Noch nie wurde qualitativ hochstehende Software so entwickelt. Man bekommt Dinge, die sich unförmig und unpassend anfühlen. Vielleicht klappt das in 20 oder 30 Jahren. Aber aktuell kann es sich keine Firma, ausser Google vielleicht, leisten, so langfristig zu planen. In der nahen Zukunft, in der Sie und ich immer noch arbeiten, werden einzelne Geräte immer noch eine zentrale Rolle spielen. Sie werden anders aussehen, manche werden toll sein, andere mittelmässig. Nutzer werden die beste Nutzererfahrung auswählen und nicht ein generisches User-Interface.

Sie bevorzugen also den Apple-Ansatz: jedem Gerät seine spezifische Software. OSX für Computer. iOS für Tablets und Telefone. WatchOS für die Uhr.
Wir versuchen, Evernote auf jedes Gerät zu bringen und dafür anzupassen. Wir wollen nicht, dass Evernote überall gleich aussieht und funktioniert. Wenn etwas richtig designt ist, fühlt es sich für den Nutzer einheitlich an, selbst wenn es nicht identisch ist. Wir haben das noch nicht ganz erreicht, aber wir werden immer besser.

Das ganze Gerät ist also entscheidend, nicht nur die Tatsache, dass es einen Bildschirm hat.
Genau. Ganz wichtig ist aber auch die durchschnittliche Nutzungsdauer. Bei einem Desktop sind das vielleicht 40 Minuten, bei einem Telefon sind es noch fünf Minuten, und bei einer Uhr sind es sechs Sekunden. Das stellt äusserst unterschiedliche Anforderungen ans Design. Man kann auf all den Geräten dieselbe Software laufen lassen. Es ist dann einfach sehr schlechte Software. Es ist darum wichtig, jedes Gerät für sich zu verstehen.

Wie muss man sich das denn vorstellen, wenn Sie etwas für ein neues Gerät entwickeln?
Als Apple 2010 das iPad angekündigt hat, waren wir superaufgeregt. Uns war sofort klar, wir müssen etwas dafür entwickeln. Wir hatten aber keine Geräte. Wir haben uns anhand der offiziellen Angaben Karton-iPads gebaut. Mit Münzen haben wir die Karton-Tablets genauso schwer gemacht wie die richtigen. Statt eines Bildschirms haben wir Ausdrucke unserer App draufgeklebt. Ich trug so ein iPad-Imitat etwa einen Monat mit mir herum. So konnte ich herausfinden, wie man das Gerät benutzt, wie man es hält, wo man seine Finger hat usw. Alle haben uns dafür verlacht. Aber so haben wir Sachen gelernt, die andere nicht verstanden haben.

Wo wir schon von Tablets sprechen. Wie sehen Sie deren Zukunft? Verkaufszahlen haben auch schon mal optimistischer ausgesehen.
Ich bin gespannt, ob Apple dieses Jahr ein völlig neues iPad vorstellen wird. In meinem Alltag hat das Tablet eine andere Nische erobert, als ich ursprünglich gedacht hatte. Ich brauche es hauptsächlich zu Hause und in Flugzeugen. Ich habe eins in meiner Stube und eins in meinem Rucksack. Für alles andere nutze ich hauptsächlich einen Laptop oder ein Smartphone. Aber das wird sich wieder ändern.

Was muss denn passieren, dass ein Tablet nützlicher werden kann?
Apps werden verschwinden. Die Idee einer App ist eine altmodische Idee. Apps machen Sinn, wenn man ein Gerät hat. Aber wenn man mehrere Geräte hat, die man ständig braucht, machen sie keinen Sinn mehr. Besonders auf Uhren. Da machen sie gar keinen Sinn. Beim Design verändert sich die Perspektive vom Gerät hin zur Person, die es braucht. Wir machen nun Evernote nicht mehr fürs iPhone, sondern für eine Person, die ein iPhone, eine Apple Watch und einen Mac hat – und in der Zukunft vielleicht einen Smart TV oder ein Smartauto. Eine Nutzungssession in der Zukunft wird mehrere Geräte umfassen. Das ist die grosse Neuerung aus der Designperspektive. Im Moment entwickeln wir Software für einzelne Nutzungssessions auf einem Gerät. In der Zukunft wird der Übergang zwischen den Geräten fliessend sein. Ich denke dann nicht mehr, ich nutze ein Tablet, ein Telefon und eine Uhr, sondern, ich nutze Evernote.

Wie würden denn das Smartphone oder das Tablet der Zukunft aussehen, wenn Apps verschwinden sollten? Gibt es dann immer noch einen Homescreen voller Knöpfe?
Vermutlich weniger Knöpfe. Bei jedem Technologiesprung verschwinden Bestandteile, die zuvor noch als fundamental gegolten haben. Den ersten Sprung, den ich erlebt habe, war der Wechsel von physischen Datenträgern zu Downloads und Streaming. Man dachte damals, es würde länger dauern. Sie sind zwar nicht ganz verschwunden, aber es ging dann doch schneller als gedacht, bis Floppy Disks, CDs und DVDs überholt waren. Die Playstation 4 ist wohl das letzte CD-Laufwerk in meinem Haushalt.

Und was ist noch verschwunden?
Dateien. Auf dem Desktop waren die noch wichtig. Auf einem Gerät, das man eine Stunde am Stück nutzt, hat man Zeit, darüber nachzudenken, was wo ist und was man wohin tun möchte. Mit dem Umstieg auf Smartphones, die man weniger lange nutzt, verlieren Dateien an Bedeutung. Auf der Uhr machen sie gar keinen Sinn mehr. So wie physische Datenträger durch digitale Medien ersetzt wurden, werden Dateien von Apps aufgesogen und überflüssig. Oder haben Sie sich mal gefragt, wo ihre Twitter-Datenbank ist? Mit dem Wechsel auf Wearables werden nun auch Apps durch Nutzererfahrungen und Dienste verdrängt. Man wird sich zwar für einen Dienst wie Evernote anmelden müssen, aber dann ist der immer da. Man muss ihn nicht mehr extra öffnen. Allein durch ein Bedürfnis, das das Gerät irgendwie erkennt, ist der Dienst schon parat. Gerade im Erkennen von Bedürfnissen und Kontext werden Computer in den nächsten Jahren noch viel besser werden.

Was Sie beschreiben, klingt ein bisschen wie Apples Continuity, das Telefonate zwischen Geräten vermittelt. Oder Browser-Sessions da weitergehen, wo man auf dem anderen Gerät aufgehört hat.
Das ist eine ganz, ganz frühe Version davon.

Aber vom Konzept her in Ihrem Sinne?
Genau. Aber für Softwareentwickler wird das schwierig. Unsere Arbeitsmethoden funktionieren nicht mehr. Wir können nicht mehr Wire-Frames zeichnen. Es ist nicht mehr so wichtig, welchen Knopf man drücken muss, um zum nächsten Bildschirm zu kommen. Viel wichtiger werden Fragen wie: Wo schaue ich gerade hin? Sitze ich, bin ich aufgestanden oder abgesessen? Wer Software entwickelt muss die Bewegung des menschlichen Körpers miteinbeziehen. Noch weiss niemand so recht, wie man das machen soll.

Ich denke, alle sind am Experimentieren. Apropos menschliche Bewegung und Technologie: Haben Sie einmal versucht, mit Ihrer Apple Watch an einem Flughafen einzuchecken? Wie wars?
Ich mochte es nicht. Es ist komisch, wie man seine Hand an den Scanner halten muss. Mit dem Telefon geht das einfacher. Das ist eine Mist-Erfahrung. Eine viel bessere Erfahrung ist die Duo-App. Wenn ich mich am Computer für einen Dienst einloggen möchte, vibriert die Uhr, ich drücke einen Knopf, und der Computer lässt mich rein. Das ist viel besser als auf dem Telefon. Aber allgemein sind die ersten Apps für die Apple Watch unhandlich. Im Herbst, wenn die neue Software kommt und Apps nicht mehr derart aufs iPhone angewiesen sind, wird das dramatisch besser. In den nächsten Jahren werden wir da noch viel bessere Ideen haben.

Trotzdem tragen Sie schon jetzt eine Apple Watch.
Ich bin ein Uhrenfan und habe ein paar schöne mechanische Uhren aus der Schweiz. Aber ein paar Monate bevor die Apple Watch in den USA in die Läden kam, habe ich angefangen, alle meine Uhren der Reihe nach ein letztes Mal als eine Art Aufwiedersehen zu tragen. Jede für ein paar Wochen. Ich wusste, ich würde sie nie wieder tragen.

Ohne hier wie ein Sprecher der Schweizer Uhrenindustrie zu klingen, Sie sollten Ihre mechanischen Uhren nicht aufgeben. Für etwas hat man ja zwei Handgelenke.
Das habe ich mir auch schon überlegt. Vielleicht mache ich das. Gerade weil die Apple Watch nicht ständig an ist, wäre das vielleicht eine Lösung, um die Zeit abzulesen.

Gerade wenn man diskret auf die Uhr schauen möchte, ist es wichtig, dass die Uhrzeit ständig zu sehen ist.
Genau, dafür habe ich eine Uhr, die die Zeit in Blindenschrift anzeigt. So kann ich ganz diskret die Zeit erfahren. Nebenher ist das auch noch ein gutes Hirntraining. Aber etwas anderes, was mir an der Apple Watch gefällt, ist die Tatsache, dass ich die Uhr nicht stellen muss. Gerade wenn man viel fliegt, ist das praktisch. Ich habe zahlreiche GMT-Uhren, die man einfach stellen kann. Gerade wenn man so viel reist wie ich. Meine Lieblingsreiseuhr ist eine Ulysse Nardin, bei der man die Stunde auf Knopfdruck verstellen kann. Das war toll. Aber bei der Apple Watch ist es noch einfacher.

Welche Rolle wird eine Smartwatch denn längerfristig übernehmen können?
Die Uhr ist ein Zweitbildschirm. Sachen, die man in 5 Sekunden besser machen kann als auf dem Telefon, dafür ist die Uhr da. Das wird aber erst interessant, wenn Apps nicht mehr auf ein verbundenes iPhone angewiesen sind. Aktuell ist nicht viel mehr möglich, als kurze Notizen aufzuzeichnen und Benachrichtigungen zu erhalten. Wir haben aber schon spannende Ideen für Komplikationen (die kleinen Felder auf dem Zifferblatt, die etwa Mondphasen und Akku anzeigen, können ab Herbst auch von Entwicklern für ihre Apps benutzt werden, Anm. d. Red.). Das ist mit ein Grund, warum ich aktuell in Zürich bin. Wir haben da ein paar gute Ideen.

Was können wir denn von Evernote in dem Bereich erwarten?
Kaum hatte Apple die Uhr angekündigt, wollte ich schon eigene Zifferblätter und Komplikationen entwickeln. Aber jetzt können wir erst mal nur Komplikationen entwickeln.

Können Sie konkreter werden?
Nun, wir haben sehr viele Ideen. Manche sind verrückt, andere etwas realistischer. Aber wir sind immer noch mitten in der Experimentierphase und können nicht mehr dazu sagen. Aber ich denke, es macht Sinn, dass wir uns für die Bereiche interessieren. Bei der Apple Watch nutze ich die Funktionen in der Häufung: Am meisten interagiere ich mit dem Zifferblatt, dann mit den Komplikationen, dann mit den Benachrichtigungen, dann den Checks und zum Schluss mit den Apps. Apps brauche ich aktuell kaum. Duo und Evernote brauche ich hin und wieder, aber nicht so oft wie andere Funktionen. Apps machen für mich keinen Sinn mehr, und auf der Uhr sowieso nicht. Ich will lieber mehr Möglichkeiten beim Zifferblatt, den Komplikationen, den Benachrichtigungen und Checks.

Sie sagen, Apps werden verschwinden. Aktuell hat Evernote zahlreiche Apps wie Skitch, Scannable oder Penultimate. Ist das kein Widerspruch?
Bei diesen Apps geht es uns um Einfachheit, Experimente und Neunutzergewinnung. Scannable funktioniert zum Beispiel sehr gut in allen drei Kategorien. Wir können da mit radikalen Ideen für Benutzeroberflächen experimentieren. Wenn wir etwas an der Evernote-App ändern wollen, ist das sehr schwierig. Wir kriegen nur schon Todesdrohungen, wenn wir die Schriftart ändern. Da müssen wir sehr langsam vorgehen. Scannable dagegen ist viel simpler. Wir hätten diese neue Bedienmethode nie direkt bei Evernote einführen können. Nach den guten Erfahrungen mit Scannable haben wir viele Funktionen davon in Evernote übernommen.

Die vielen Apps als eine etwas zugänglichere Form von Beta-Tests?
Einfach mit noch mehr Freiheiten, als wenn wir es mit der Evernote-App machen würden – gerade auf iOS wäre das auch schwierig, da die Möglichkeiten für Beta-Tests eingeschränkt sind. Aber das soll ja besser werden. Das andere Argument für Scannable sind neue Nutzer. Visitenkarten-Scanner gibt es schon länger. Unserer ist aber sehr, sehr einfach. So kommen neue Nutzer mit Evernote in Kontakt.

So ist es mir ergangen. One Note hat bei mir Evernote fast komplett abgelöst. Scannable hat mich zurückgeholt. Wenn auch erst bei den Visitenkarten.
An Scannable habe ich viel Freude. Ich habe selbst viel Zeit da reingesteckt. Es war mein erster Versuch seit Jahren, wieder so konzentriert an einem Produkt zu arbeiten. Ein tolles Team hat daran gearbeitet, und es hat mir Spass gemacht, wieder so nah an einem Produkt zu arbeiten.

Erst habe ich die App nur anstandshalber ausprobiert, doch dann habe ich gleich alle Visitenkarten eingelesen. Es hat richtig Spass gemacht.
Wir haben ein paar richtig beeindruckende Neuerungen, die in den nächsten Monaten kommen werden. Aber es ist nur schon eine grosse Neuerung, dass man keinen Kameraknopf mehr drücken muss.

Genau, den Knopf habe ich erst gesucht, und während ich noch gesucht habe, war die Karte schon archiviert.
Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig simpel sein kann. Auf den ersten Blick sieht das ganz einfach aus. Doch die Technologie dahinter ist äusserst komplex.

Kommen wir noch auf Ihren Stift zu sprechen. Es ist eine Koproduktion mit dem Touchscreenstift-Hersteller Adonit. Warum braucht es einen Stift für Evernote? Hat die Handschrift nicht ausgedient?
Der Ursprung unserer Firma liegt in der Handschrift für den Computer. Evernote ist 2007 aus zwei Teams entstanden. Das eine Team hat in den späten 80er-Jahren den Apple Newton (das Mini-Tablet mit Stift, Anm. d. Red.) und danach alle Handschriftfunktionen auf Windows-Tablets entwickelt. Handschrift ist also in unserem Blut, sozusagen.

Wird digitale Handschrift denn je aus ihrem Nischendasein kommen?
Handschrift, besonders auf einem Bildschirm, ist in den meisten Fällen eine ästhetische Entscheidung. Manche Leute machen es oft, andere kaum oder nie. Uns war ziemlich früh schon klar, dass wir alle Formen von Eingabemöglichkeiten nutzen wollen. Wir haben eine Zusammenarbeit mit dem Notizbuchspezialisten Moleskin für Leute, die auf Papier schreiben und ein Foto davon machen wollen. Mit Lightscribe kann man mit einem Smart Pen auf Papier schreiben und bekommt den Text digital. Und nun mit Adonit haben wir noch einen Stift für die, die direkt auf den Bildschirm schreiben wollen. Das sind äusserst unterschiedliche Produkte und ebenso unterschiedliche Anwendungsbeispiele.

Aber ist das etwas für die Massen?
Ich bin mir nicht sicher, wie gross das Mainstream-Potenzial von Handschrift ist. Ich bin noch nicht überzeugt, dass Hunderte Millionen Leute mit einem Stift auf einen Bildschirm schreiben wollen. Aber es gibt Leute, die das nicht mehr missen wollen.

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich wieder von Hand schreiben würde, aber inzwischen mache ich fast alle Notizen mit einem Stift auf einem Surface-Tablet.
Wir sehen viele Leute, die es ausprobieren. Aber die meisten kehren danach zur Tastatur zurück. Vielleicht 10 Prozent bleiben beim Stift und der Handschrift. Auf den ersten Blick sieht es intuitiv aus, aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. In Asien ist es allerdings beliebter. Was wohl damit zusammenhängt, dass das Tastaturschreiben da komplizierter ist – gerade für ältere Leute. Aber ich glaube nicht, dass Handschrift je in die Nähe von 50 Prozent kommen wird.

Wagen wir uns zum Schluss noch ein wenig aufs Glatteis. Wird Apple einen Stift fürs iPad vorstellen?
Wow. Keine Ahnung. Die letzten Jahre hätte ich, ohne zu zögern, gesagt: keine Chance! Inzwischen könnte ich es mir tatsächlich vorstellen.

In der neuen Notiz-App von iOS 9 kann man ja schon zeichnen.
Ich bin auf jeden Fall gespannt. Besonders darauf, wie sie es machen werden, dass der Stift am Tablet hält. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einen Stift vorstellen, den man nicht irgendwie befestigen kann.

Ich verlege meinen Surface-Stift ständig.
Das ist genau der schlechteste Aspekt am Surface. Apple wird offensichtlich etwas machen müssen, was besser ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ein Loch für einen Stift ins Gerät machen. Ich bin wirklich gespannt, wie sie das lösen werden, sofern es denn einen Stift gibt.

Mein Tipp ist etwas mit Magneten.
Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie sie das hinkriegen sollen, dass es hält und sich nicht blöd anfühlt, wenn der Stift draussen ist. Aber sie haben mich in der Vergangenheit schon überrascht, etwa mit dem Smart Cover fürs iPad. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.06.2015, 23:53 Uhr

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