Auf Apples Ablenkungsmanöver hereingefallen

Android-Hersteller kupfern beim iPhone X ab. Doch sie haben etwas Entscheidendes übersehen.

Das iPhone X und die zahlreichen Nachahmer.

Das iPhone X und die zahlreichen Nachahmer. Bild: zei

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Es ist ein bisschen wie in der Schule. Man meinte, bei der Prüfung alles richtig abgeschrieben zu haben, und stand am Schluss doch mit einer ungenügenden Note da. Wie konnte das nur passieren?

Dass man den entscheidenden Punkt übersehen oder nicht verstanden hat, merkte man – wenn überhaupt – erst hinterher.

So ähnlich dürfte es demnächst manchem Android-Hersteller ergehen.

Es ist die Tech-Story der letzten Tage und Wochen: Android-Hersteller kopieren das iPhone X. Zu lesen ist sie unter anderem hier, hier, hier, hier , hier oder hier:

Tatsächlich haben zahlreiche (ja, fast alle) Android-Hersteller (ausser Samsung und Sony) kürzlich neue Handys mit einer schwarzen Aussparung am oberen Bildschirmrand vorgestellt. Hersteller wie Huawei oder LG, die es noch nicht gemacht haben, dürften das, wenn man den Gerüchten glaubt, demnächst nachholen.

Ein Kundenwunsch

Eine kleine Minderheit orientiert sich beim Design der Aussparung am Essential Phone, das dem iPhone X zuvorkam, aber kein Erfolg wurde. Die grosse Mehrheit der Hersteller in Fernost hat sich mehr als nur ein bisschen vom Apple-Design inspirieren lassen.

Manche Hersteller sind sogar stolz drauf. Je tiefer der Preis, desto unverhohlener wird mit der Inspirationsquelle geworben. Manche zitieren sogar aus Umfragen, wonach ein frontfüllender Bildschirm mit einer ebensolchen Aussparung ein Kundenbedürfnis sei.

Am Ziel vorbei

Doch wer glaubt, der Geniestreich am iPhone X sei dieser Bildschirm und vor allem die Form dieser Aussparung, der irrt. Der wirkliche Game-Changer ist das Bedienkonzept mit Wischgesten. Erst damit wurde das iPhone X zum aktuell komfortabelsten (und leider auch teuersten) Smartphone.

Die erste Einschätzung erweist sich rückwirkend als richtig. Erst mit den Wischgesten ergibt ein frontfüllender Touch-Bildschirm ohne andere Bedienelemente richtig Sinn.

Die Neuerungen entfalten ihr Potenzial erst in Kombination. Ähnlich war es mit dem Kopfhöreranschluss. Den hat Apple auch erst weggelassen, als mit den Airpods eine bequemere Lösung parat war.

Andere Handy-Hersteller, die in der Folge ihrerseits den Anschluss weglassen, aber keine bessere Lösung parat haben, tun ihren Kunden keinen Gefallen. Kein Wunder, hat das neue Galaxy S9 weiterhin einen Kopfhöreranschluss. Samsung weiss, USB-C- oder Bluetooth-Kopfhörer sind bei Android noch nicht so weit.

Mit Augenwischerei am Ziel vorbei

Hersteller, die nun das iPhone-Design, nicht aber die Wischgesten kopieren, tun ihren Kunden auch keinen Gefallen. Ohne etwas Vergleichbares mögen die vielen neuen Telefone zwar aussehen wie ein iPhone X. Doch ohne die entsprechende Bedienung betreiben sie nur Augenwischerei.

Das Android-Bedienkonzept mit den drei Knöpfen (Home, Zurück, Multitasking) wirkt auf den frontfüllenden und in die Länge gezogenen Bildschirmen ähnlich unpassend, wie es ein digitaler Homeknopf auf dem Bildschirm des iPhone X getan hätte.

Google hatte die Nase vorn

Es ist Ironie des Schicksals, dass Googles Android in dem Bereich Apples iOS in den letzten Jahren stets ein paar Schritte voraus war. Schon 2011 schaffte Google mit Android 4 die Knöpfe unterhalb des Bildschirms ab und setzte stattdessen auf digitale Knöpfe direkt auf dem Bildschirm. Bei Bedarf können diese flexibel umgestellt, rotiert oder gar ausgeblendet werden.

Ende 2017 hat Apple nun die Führung übernommen. Das iPhone X hat aktuell das flexiblere Bedienkonzept, das obendrein keinen Bildschirmplatz für Bedienungsknöpfe beansprucht.

Doch noch ein Happy End?

Doch vielleicht haben die zahlreichen Android-Hersteller Glück, und Google kommt ihnen zu Hilfe. Letzte Woche wurde bekannt: Die für Herbst angekündigte nächste Android-Version ist optimiert für Bildschirme mit ebensolchen Aussparungen.

Ein für solche Handys ideales Bedienkonzept mit Wischgesten wäre der logische nächste Schritt für Android. Vorausgesetzt, Googles Techniker haben sich nicht auch vom iPhone-Bildschirm blenden lassen und darob die wahre Innovation übersehen.

Übrigens, erste Gerüchte und Analysten weisen bereits darauf hin, dass die schwarze Aussparung bei Apple schon in zwei bis drei Jahren schrumpfen oder ganz verschwinden könnte.

Handy-Hersteller tun also gut daran, Apples wahre Innovation zu studieren, statt sich auf diesen Nebenschauplatz zu konzentrieren und bloss die Bildschirmaussparung zu imitieren.

Umfrage

Das iPhone X und immer mehr Android-Handys haben am oberen Bildschirmrand eine schwarze Aussparung. Gefällt Ihnen dieses Design?




(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2018, 13:05 Uhr

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