Smartphones: Wars das?

Sieben Jahre nach dem Verkaufsstart des ersten iPhone und nach Jahren rasender Entwicklung werden Smartphones kaum noch besser. Davon profitieren besonders zwei Sektoren.

Früher brachten die Pilger Kerzen, heute leuchten  Smartphones auf dem Petersplatz in Rom.

Früher brachten die Pilger Kerzen, heute leuchten Smartphones auf dem Petersplatz in Rom. Bild: Keystone

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So wie es kaum mehr wirklich schlechte Autos oder Laptops gibt, wird es bald auch kaum noch schlechte Smartphones geben. War die beste Technologie noch vor ein paar Jahren einigen wenigen Herstellern vorbehalten, schliessen heute auch diejenigen Unternehmen auf, die bisher mit der rasanten Entwicklung nicht mithalten konnten oder wollten.

Dieser Trend wird dadurch verstärkt, dass die technologische Entwicklung ein Plateau erreicht hat. Ob in einem Smartphone ein 800er-Prozessor vom letzten Jahr oder ein 801er-Prozessor von diesem Jahr steckt, merkt man als normaler Nutzer kaum noch. Natürlich ist schneller immer möglich und auch willkommen. Aber das führt heute – um beim Autovergleich zu bleiben – direkt in den Bereich der Sportwagen. Technisch beeindruckend, aber für den Alltag übermotorisiert.

Entsprechend schwer fällt es Herstellern heute, ihre jährlich neu erscheinenden Flaggschiffprodukte von den Vorgängern abzuheben. Apple versuchte es mit einem Fingerabdrucksensor, Samsung mit einem Fingerabdrucksensor und einem Pulssensor, HTC mit einer Hülle aus noch mehr Metall, LG mit einer Kamera mit Laser und Sony mit geräuschmindernden Kopfhörern.

Kaum Qualitätsunterschiede

Bei einem direkten Vergleich von Vorgänger- und Nachfolgemodellen fällt kaum mehr ein Unterschied auf. Allenfalls gibt es kleine Designänderungen: Der Bildschirm wurde etwas grösser oder das Gerät etwas dünner. Noch schwerer fällt der Vergleich, wenn man die Äusserlichkeiten ausser Acht lässt.

Im Alltag spürt man kaum noch, ob ein Smartphone schon ein paar Jahre hinter sich hat. Telefonieren, surfen, chatten, fotografieren und spielen kann man mit allen. Einzig die Ausdauer des Akkus ist etwas besser geworden. Aber da die Akkuleistung selbst bei den neusten Smartphones im besten Fall akzeptabel ist, hat man sich damit längst abgefunden und nicht selten ein Ladekabel dabei.

Für das neue Smartphone eines bestimmten Herstellers sind die bereits verkauften eigenen Geräte schon fast zum grössten Konkurrenten geworden. Während die Paradeprodukte je nach Prestige des Herstellers und ohne Abzahlabos zwischen 600 und 800 Franken kosten, gibt es heute zusehends auch gute Smartphones für deutlich weniger – eben, weil die technologischen Fortschritte ein Plateau erreicht haben.

Passable Schnappschüsse

Ein Beispiel dafür ist das neue Moto E von Motorola für 129 Dollar (in der Schweiz aktuell für 150 Franken). Was man für den Preis geboten bekommt, ist erfreulich. Das Gehäuse ist äusserst solid und gegen Spritzwasser geschützt. Der Bildschirm gefällt, und die Kamera schiesst mit etwas Übung passable Schnappschüsse. Fotos wie von Flaggschiff-Smartphones oder gar Kompaktkameras darf man damit aber nicht erwarten. Weggespart hat Motorola zudem einen Blitz und eine Zweitkamera für Selbstporträts.

Auf dem Gerät läuft die aktuelle Version von Googles Android-Betriebssystem. Motorola verzichtet vorbildlich darauf, die Software mit eigenen Apps und Designs zu überfrachten. Wohl eine Folge der Übernahme durch Google. Motorola wurde 2012 vom Internetkonzern aufgekauft und soll noch dieses Jahr an Lenovo, den weltweit grössten PC-Hersteller, weitergereicht werden (Das Moto E im Test).

Doch die Preisspirale dreht nicht nur nach unten. In Church Crookham, einem Vorort des 30'000-Einwohner-Städtchens Fleet südwestlich von London, werden in Handarbeit die Smartphones der Firma Vertu zusammengebaut. Das Unternehmen erinnert mehr an eine Schweizer Uhrenmanufaktur als an eine Technologiefabrik. Förderbänder und lärmende Maschinen sieht man nicht. Dafür Tische mit Arbeitern, die das Telefon Schritt für Schritt zusammenbauen.

Nicht nur die Herstellung, auch die Preise erinnern an Luxusuhren. Das 1998 von Nokia gegründete und 2012 an eine Investmentgruppe verkaufte Unternehmen hat sich denn auch auf Luxustelefone spezialisiert. Das neuste Modell, das Signature Touch, kostet mindestens 9600 Franken. Bei britischen Löhnen sowie verarbeiteten Materialien wie Titan, Gold, Leder und Saphirglas ist das nicht überraschend.

Telefon mit Butler

Das aktuelle Modell ist zwar nicht das erste Smartphone des Unternehmens. Aber das erste, das vom Technologieplateau profitiert. Dank der langsameren Entwicklung ist es nun auch einem kleineren Unternehmen möglich, Innovationen zu verbauen, die nicht schon veraltet sind, wenn das Telefon auf den Markt kommt.

Anders als Motorola muss Vertu bei den verwendeten Technologien nicht sparen. Die Innereien entsprechen denen aktueller Parade-Smartphones. Für zusätzliches Prestige sorgen die von Hasselblad zertifizierte Kamera, die Bang-&-Olufsen-Lautsprecher sowie der Butler-Service. Auf Knopfdruck wird man mit einem Butler (einem Menschen, keinem Computer) verbunden, der etwa eine Restaurantreservation machen oder bei der Suche nach einem Geschenk helfen kann. Abgesehen davon und abgesehen von der luxuriösen Hülle ist das Signature Touch aber im Kern ein normales Android-Smartphone.

So unterschiedlich das Vertu- und das Motorola-Telefon auch sind, zeigen sie doch eines: Das Smartphone ist erwachsen geworden. In allen Preissegmenten bekommt man ein Telefon, das seinen Zweck erfüllt. Genauso wie es neben dem teuren Mercedes auch den günstigen Dacia gibt, wird es bald noch mehr luxuriöse und billige Smartphones geben. Neben den aktuell geläufigen Preisen, das zeigen das Signature Touch und das Moto E, ist noch reichlich Platz für neue Ideen von Marketingprofis.

Im Hochpreissektor tummeln sich nebst Vertu erst vereinzelt kleine Unternehmen. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch grosse Hersteller ein Auge auf diesen Markt werfen.

Den Tiefpreissektor haben ausser Apple fast alle Hersteller ins Visier genommen. Doch das Wettrennen um das beste Smartphone zum tiefsten Preis hat gerade erst begonnen. Ob diese Geräte auf dem hiesigen Markt erfolgreich sein werden, wird sich zeigen, wenn die Auswahl grösser geworden ist. Unter Marketingspezialisten gelten Schweizerinnen und Schweizer als besonders ausgabefreudig. Nach dem Motto: Lieber etwas zu viel ausgeben als zu wenig. Doch bei preisgünstigen und trotzdem guten Angeboten wie dem Moto E muss man sich gut überlegen, ob einem das bisschen besser wirklich so viel mehr wert ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2014, 10:21 Uhr

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In verschiedenen Farben und Materialien erhältlich: Das Luxus-Smartphone Signature Touch von Vertu. (Bild: PD)

Dank Wechselhüllen ebenfalls in verschiedenen Farben erhältlich: Das Budget-Smartphone Moto E von Motorola. (Bild: PD)

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