Das bessere Macbook

Wie schlägt sich das neue iPad Pro im Alltagstest? Wir haben es schon ausprobiert. Das sind die Highlights und Enttäuschungen.

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«Ja, das ist beeindruckend, Rafael, aber richtigen Profis wird das nicht reichen»: Wenn ich jedes Mal, wenn ich diese Entgegnung in den letzten acht Jahren gehört habe, 100 Franken bekommen hätte, wäre ich jetzt frühpensioniert und sässe nicht am Sonntagabend an diesem Artikel.

Zugegeben, das war ein bisschen übertrieben, aber seit ich mir vor ziemlich genau acht Jahren das erste iPad gekauft habe, versuche ich es zu meinem Hauptcomputer zu machen. Das scheiterte anfangs kläglich. Ja, ich konnte es nicht einmal einrichten, ohne es an einen Computer anzuschliessen.

Grössten Umbau seit der Lancierung

In der Folge wurde vor allem die Software immer besser. Multitasking und bessere Apps machten vieles möglich. Bei der Hardware jedoch gab es nur Zwergenschritte. Erst nachdem Microsoft mit dem Surface vorgeführt hatte, wie toll ein Tablet mit Stift und Andocktastatur ist, zog Apple 2015 nach und lancierte mit dem iPad Pro eine Variante des Tablets mit eigener Tastatur und Stift.

Mit iOS 11 gab es letztes Jahr ein grosses Software-Update (Dateiverwaltung, Drag & Drop), und dieses Jahr ist nun die Hardware dran: Das letzte Woche vorgestellte iPad Pro (ab 900 Franken) markiert den grössten Umbau des Tablets seit seiner Lancierung.

Ich konnte es die letzten fünf Tage schon mal ausprobieren und habe dabei einiges über das neue iPad Pro in Erfahrung bringen können.

Bitte sehr:

Ja ja, ich weiss. Niemand ausser mir und Microsofts Schrifterkennung kann meine Handschrift lesen. Darum habe ich mich hingesetzt und die wichtigsten Beobachtungen aus meiner One-Note-Kritzelei abgetippt und ausformuliert.

Kein Home-Knopf, Gesten und Face ID

Die augenfälligste Neuerung sieht man auf den ersten Blick. Der Home-Knopf ist verschwunden. Wie im letzten Jahr beim iPhone X ermöglicht das beim iPad Pro nun auch einen Bildschirm mit deutlich weniger Rand. Randlos ist das Tablet allerdings nicht. Da man es aber auch irgendwie halten muss, kann man das gut verkraften.

Kombiniert wird der neue Bildschirm mit Face ID. Apples Gesichtserkennung funktioniert auf dem Tablet ebenso zuverlässig wie auf dem iPhone. Anders als auf dem Telefon kann man das iPad damit aber auch im Querformat und verkehrt herum entsperren. Egal wie man es hält, Face ID funktioniert. Ein Pfeil zeigt, wo sich die Kamera befindet, und ein Hinweis warnt, wenn man sie mit der Hand verdeckt. Gleich wie beim iPhone X funktioniert die Entsperrmethode bei manchen Sonnenbrillen (zum Beispiel meiner) nicht.

Ein letzter Trick: Wenn man auf der Andock-Tastatur zweimal auf die Leertaste drückt, wird das Tablet postwendend entsperrt. Das klappt insgesamt so gut, dass man sich die Technologie in jedem Computer wünschen würde. Andere Gesichtsentsperrmethoden wie Windows Hello funktionierten in früheren Tests nicht annähernd so zuverlässig.

Zwei Grössen

Das iPad Pro gibt es in zwei Varianten. Eine hat einen 11-Zoll-Bildschirm. Die andere einen mit 12,9 Zoll. Die Wahl für die ideale Grösse dürfte einem im Laden nicht leicht fallen und im Onlineshop fast unmöglich sein.

Mir hat Apple die Qual der Wahl erspart und als Testgerät nur das grössere Modell ausgeborgt. Selbst hätte ich mich wohl fürs kleinere entschieden. Nach anfänglicher Skepsis habe ich mich sehr schnell an das grössere Tablet gewöhnt. Es ist etwa so gross wie mein Suface Pro 3 und passt in alle meine Umhängetaschen. Da es erstaunlich dünn ist, wirkt es leichter, als es ist. Gerade bei handschriftlichen Notizen hat sich der grössere Bildschirm schon mehrfach bewährt.

Die neue Tastatur

Die Falttastatur des ersten iPad Pro ist mir nach anfänglicher Skepsis und mit viel Übung sehr ans Herz gewachsen. Trotzdem wirkt sie auch nach drei Jahren immer noch wie ein Erstgenerationsgerät. Gute Ansätze, aber nicht ganz zu Ende gedacht. Leider bleibt auch bei der Neuauflage der grosse Aha-Moment aus, was beim deutlich höheren Preis (200 resp. 220 Franken) enttäuschend ist.

Neu hält die Tastatur nicht mehr an der Kante, sondern dank vieler kleiner Magnete sehr zuverlässig an der Rückseite und schützt beide Seiten des Tablets. Die beste Neuerung: Der Bildschirm kann nun in zwei Winkeln aufgestellt werden. Das ist hilfreich, aber kein Vergleich zu den unendlich vielen beim Surface. Ähnlich wie beim Microsoft-Tablet fällt dank einer grossen Klappe das gewöhnungsbedürftige Gefalte früherer iPad-Tastaturen weg. Dafür wird das Apple-Tablet damit ein ziemlicher Brummer.

Auch das Material ist keine Freude. Apple setzt einmal mehr auf schwarzes Gummi (Farboptionen gibt es leider keine). Nach nur fünf Tagen in meiner Tasche sieht die Tastatur schon arg mitgenommen aus. Immerhin wirken die Nähte stabiler als beim Vorgänger. Dort liessen bei manchem Vielnutzer mit der Zeit weisse Fäden die Tastatur unschön ausfransen.

Lustiges Detail: Da Front und Rückseite fast identisch aussehen, kommt es vor, dass man die falsche Seite aufklappt und statt dem Bildschirm die Rückseite des Tablets zu sehen bekommt. So ganz zu Ende gedacht wirkt das nicht. Was die Tastatur angeht, ist Microsofts Surface weiterhin unerreicht. Da ich aber sowieso häufig im Zehnfingersystem auf dem Touchscreen tippe, ist das für mich halb so wild. Und vielleicht gelingt Apple ja beim nächsten Mal der grosse Wurf. Allerdings dürfte uns die Tastaturhülle noch ein Weilchen erhalten bleiben. Die Öffnung für die Kamera ist nämlich auffällig gross. Just so gross, dass sie auch Platz für eine Doppelkamera bieten würde. Mögen die Spekulationen um das nächste iPad beginnen.

Der neue Stift

Anders als bei der Tastatur ist der neue Stift (150 Franken) ein Triumph. Er übertrifft das Vorgängermodell und auch die Konkurrenzstifte in allen Kategorien. Da drückt man auch ein Auge zu, wenn er 40 Franken teurer ist als das Vorgängermodell.

Optisch und haptisch gefällt das matte Plastik deutlich besser. Dank der einen flachen Seite rollt er auch nicht mehr weg. Doch die besten Neuerungen sieht man dem mit Technologie vollgestopften Schreibgerät gar nicht an. Es hält nun magnetisch an der einen Tabletkante und wird dabei auch gleich geladen. Beides klappte bis jetzt tadellos. Der Stift hielt auch in meiner übervollen Reisetasche zuverlässig am Tablet. Da er da auch konstant geladen wird, ist der Stift nun immer sofort einsatzbereit und muss nicht mehr vor jedem Einsatz geladen werden.

Die zweite Neuerung ist ein versteckter Knopf. Klopft man zweimal oberhalb der Spitze, wird entweder ein Menü, eine andere Farbe oder gar der Radiergummi aktiviert. Leider nutzen erst wenige Apps diese Zusatztaste. Aber das dürfte sich in den nächsten Monaten bessern.

Bemängeln kann man am neuen Stift nur, dass nur er mit dem neuen iPad Pro funktioniert. Apple-Stifte der ersten Generation kann man damit nicht nutzen. Mit dem neuen Stift stellt sich schliesslich noch eine spannende Frage: Nun, da er auch noch eine Taste hat, wäre das Schreibgerät doch ein idealer Mausersatz?

USB-C

Gänzlich unscheinbar ist die letzte Neuerung, die speziell herausgegriffen werden soll. Mit dem neuen iPad Pro springt Apple über den eigenen Schatten und verzichtet auf den proprietären Lightning-Anschluss und setzt mit USB-C auf den Standard, der in Android-Handys, Windows-PC und Macbooks zum Einsatz kommt. Damit kann man nun, ohne Apples eigene (und nicht gerade billige) Adapter zu kaufen, allerhand Zubehör ans iPad anschliessen.

Per Kabel konnte ich schon meine Fotokamera anhängen und Fotos (nicht aber Videos) aufs iPad importieren. Das klappte rasend schnell und deutlich bequemer als früher per SD-Karten-Adapter. Warum es mit Videos nicht klappte, werde ich mir in den nächsten Tagen genauer anschauen müssen.

Tadellos klappte es dafür mit einem externen Monitor. Ich verwendete dazu meinen ausrangierten alten Monitor und ein USB-C-Hub von Samsung (EE-P5000, 90 Franken), der eigentlich fürs Galaxy Note 9 gedacht ist. Der bietet auch einen HDMI-Anschluss. Damit liess sich der über zehnjährige Bildschirm ans brandneue iPad hängen.

Noch nutzen nur wenige Apps diese Möglichkeit. Die meisten spiegeln einfach den iPad-Bildschirm, was nicht besonders nützlich ist. Erste Beispiele bieten aber bereits mehr. Präsentations-Apps von Apples Keynote über Microsofts Powerpoint bis zu Googles Präsentationen zeigen auf dem Bildschirm die Folien und auf dem iPad Notizen und Timer.

Mit Google Fotos klappt es ähnlich. Da kann man auf dem iPad wählen, welche Fotos auf dem Bildschirm angezeigt werden sollen. Interessant wird es, wenn etwa Filmschnitt-Apps auf dem iPad die Bedienelemente und auf dem Monitor das Video zeigen. Erste vielversprechende Beispiele werden nicht lange auf sich warten lassen.

Da der Samsung-Hub schon mal da war und zusätzlich einen Netzwerkanschluss und eine USB-C-Buchse hat, probierte ich auch die aus: Das iPad lässt sich doch tatsächlich per LAN-Kabel mit Internet versorgen. Über die USB-C-Buchse des Adapters schloss ich das Netzteil an. So hingen am iPad schliesslich ein Bildschirm, eine Kamera (die darüber sogar geladen wird), ein Wi-Fi-Pod von Plume (ein Test dazu folgt in den nächsten Wochen) und das Netzteil. Nicht schlecht.

Enttäuschend ist einzig, dass Apple externe Speicher (USB-Sticks, Festplatten) nicht zulässt. Aber das sollte sich per Software ja nachbessern lassen. Der Ruf danach dürfte so laut werden, dass sich Apple längerfristig kaum dagegen sperren kann.

So viel fürs Erste zum neuen iPad Pro. Viel mehr lässt sich nach ein paar wenigen Tagen damit freilich noch nicht sagen. Klar ist es schneller als der Vorgänger, und der Akku macht auch einen guten Eindruck. Aber beides lässt sich erst mit der Zeit genauer einschätzen, wenn Apps für den neuen Prozessor optimiert sind und wenn sich die Nutzung eingependelt hat. Auch die verbaute E-SIM konnte ich noch nicht testen oder mit der Apple-SIM früherer iPads vergleichen. Einen SIM-Einschub hat das iPad aber weiterhin.

Fazit: Insgesamt ist das neuste iPad das bis dato beste iPad. Aber nicht nur das. Das iPad ist inzwischen dank Apps und Apples selbst entwickelten Chips viel mehr. Es ist ein äusserst zuverlässiger, benutzerfreundlicher und bequemer Computer. Ja, das iPad ist inzwischen sogar das bessere Macbook. Wie viel besser es ist, werden die nächsten Monate und Jahre zeigen.

Nächstes Jahr kommt mit Photoshop die Profi-Software par excellence aufs iPad, und die bestehenden iPad-Apps werden nur noch mächtiger. Nach und nach werden so Funktionslücken geschlossen. Aber auch die Hardware spielt längst nicht mehr in der zweiten Liga. Dazu muss man sich auf Technik-Websites nur die Leistungsvergleiche anschauen. Dass es immer noch kein Macbook mit Face ID oder LTE gibt, zeigt zudem ganz klar, wie Apple die Prioritäten setzt.

Wer sich, Stand heute, noch für ein Macbook entscheidet, muss schon ein grosser Fan von Laptops und Mausbedienung sein oder ein sehr spezielles Bedürfnis haben. Apples Computer für die Zukunft ist das iPad. Das neue iPad Pro ist der beste Beweis dafür.

Haben Sie Fragen zum neuen iPad? Der Autor beantwortet sie heute Montag gerne in den Kommentaren oder nahezu rund um die Uhr auf Twitter.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.11.2018, 12:00 Uhr

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