Der Wearables-Hype ist am Ende – oder?

Google ist gescheitert, Jan Böhmermann verspottet die Apple Watch: Kaum jemand will smarte Uhren und Fitnesstracker tragen. Alle Hoffnungen ruhen auf einer Killer-Anwendung.

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Wearables überführen Mörder und retten Leben. In Connecticut ist im April ein Mann verurteilt worden, der seine Frau getötet hatte. Er hatte die Tat einem maskierten Fremden anlasten wollen. Doch der angebliche Tathergang ging nicht auf. Der Fitnesstracker seiner Frau bewies, dass die Frau zu Fuss unterwegs war, als in ihrem Haus der vermeintliche Angriff hätte stattfinden sollen.

«The Sun» berichtete von einem Mann, der bloss an seiner Apple Watch herumgespielt hatte; anhand der sehr hohen Herzfrequenz erkannte er, dass etwas nicht stimmt. Die Ambulanz wurde gerufen, und die Sanitäter stellten einen Herzinfarkt fest.

Rote Zahlen, Entlassungen und Pleiten

Das ist gute Presse, die die tragbaren Gadgets als sehr begehrenswert darstellt. Trotzdem steht es schlecht um sie. Der Posterboy im Bereich der Fitnesstracker ist auf Schrumpfkurs: Fitbit verzeichnet rote Zahlen, Entlassungen und rückläufige Absätze.

Bei den Anbietern der ersten Stunde haben sich die Reihen gelichtet: Withings wurde im April 2016 an Nokia verkauft, der Name des französischen Start-up wird verschwinden. Nicht besser erging es Pebble. Das kalifornische Unternehmen hatte seine erste Uhr 2012 mit einer enorm erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne lanciert und auch hierzulande für einen kleinen Smartwatch-Hype gesorgt. Ende 2016 musste es Insolvenz anmelden und die gerade per Crowdfunding lancierten Smartwatches zurückziehen. Immerhin, die allermeisten Unterstützer erhielten ihr Geld zurück, doch die Reste des Unternehmens gingen in Fitbit auf.

Die grossen Unternehmen sind genauso wenig vor Pleiten gefeit. Google hat mit Glass, einer smarten Brille, eine spektakuläre Pleite eingefahren. Das 2012 gestartete ambitionierte Projekt war drei Jahre später am Ende. Nike hat sein Fuelband schon 2014 eingestellt. Das Microsoft-Band ist Ende letzten Jahres aus den Läden verschwunden, zusammen mit der Ankündigung, es gebe erst einmal keinen Nachfolger. «Das Microsoft-Band ist tot», hatte «The Verge» damals verkündet.

Auch Grosse sind gescheitert

Die Liste liesse sich verlängern: Um den Hersteller Jawbone, der mit dem Up ein populäres Produkt im Angebot hat, inzwischen aber vor allem dadurch auffällt, überhaupt nicht mehr auf Kundenanfragen zu reagieren. Oder um Intel. Der Chiphersteller musste im letzten Jahr seine Smartwatch Basis Peak wegen Verbrennungsgefahr zurückrufen. Im Nachgang gab es Pressemeldungen zu Entlassungen bei Intels Wearables-Sparte und zu eingestellten Produkten. Intel hat aber verneint, diesen Geschäftszweig komplett aufgeben zu wollen. Man arbeite mit Partnern wie Tag Heuer und Oakley zusammen. Letztere produzieren mit der Radar Pace eine Sonnenbrille, die beim Rennen oder Velofahren Trainingsinformationen liefert.

Es ist Zeit, das Scheitern anzuerkennen, forderte «Business Insider» vor kurzem. So enthusiastisch die Branche auch war, die Geräte hätten die Erwartungen nicht erfüllt und zu wenige Leute überzeugt. «Im besten Fall sind sie Nischenprodukte für Fitness-Freaks oder für Geeks, die gerne E-Mails an ihrem Handgelenk empfangen.» Auch «The Telegraph» kommentierte lakonisch, der masslose Erfolg der Smartphones habe viele Unternehmen in eine Goldgräberstimmung versetzt. «Doch die Geschichte wiederholt sich selten bis nie.» Deshalb sollte die Hoffnung beerdigt werden, dass die tragbaren Gadgets die Löcher stopfen, die die sinkenden Verkäufe bei den Handys hinterlassen.

Rentiert es sich wenigstens für Apple?

Bleibt die Frage, ob das Geschäft wenigstens für Apple aufgeht. Das ist schwer zu beurteilen, da Apple keine separaten Verkaufszahlen veröffentlicht. Die Uhren werden zusammen mit den Beats-Kopfhörern, den Airpods, Apple TVs und dem Zubehör abgerechnet. Tim Cook hat neulich gesagt, die Sparte allein würde die Anforderungen an ein «Fortune 500»- Unternehmen erfüllen, was so interpretiert werden muss, dass Apple damit etwa 5 Milliarden umsetzt. Demnach ist Apple mit 3,5 Millionen verkaufter smarter Uhren inzwischen die Nummer eins. So vermeldete es letzte Woche Marktforscher Strategy Analytics.

Das entspricht einem Marktanteil von 15,9 Prozent für Apple im ersten Quartal. Auf Platz zwei folgt der chinesische Hersteller Xiaomi mit seinen Billig-Fitnessbändern. Strategy Analytics hat im Vergleich zum Vorjahr für Apple ein Plus von 59 Prozent ermittelt. Er sagt, die Apple Watch Series 2 verkaufe sich in den USA und in Grossbritannien gut, vor allem wegen des verbesserten Designs, des intensiven Marketings und der guten Präsenz in den Läden.

Die Uhr wird gekauft, doch nicht sonderlich geliebt, so scheint es. Komiker Jan Böhmermann hat sich in seinem Podcast neulich enttäuscht darüber gezeigt, dass ihm ein Hotel seine Uhr retournierte, nachdem er sie dort vergessen hatte – wo er sie offenbar gerne endgültig losgewesen wäre: «Niemand will diese Uhr haben, nicht einmal Diebe!»

Nicht zu übersehen war auch die Häme bei «The Verge», nachdem Google, Amazon und Ebay ihre Apps für die Uhr aus dem Store entfernt haben: «Während Wochen hat es keiner gemerkt!» Das passt zum alten Vorurteil, dass die Nutzer die Uhr hauptsächlich dazu nutzen, die Zeit abzulesen.

Apps interessieren nicht

Die Ende 2016 durchgeführte Nutzungsstudie des Marktforschers Wristly kommt zumindest teilweise zu einem anderen Schluss: Die Zufriedenheitsraten mit der Uhr sind höher, als Böhmermanns Spottkommentar es vermuten lässt. 95 Prozent finden die Uhr gut oder zumindest okay. Doch die Apps geniessen tatsächlich wenig Popularität. Die meisten Nutzer verwenden nur wenige Apps und installieren selten neue: «Für Entwickler eröffnet das nur sehr eingeschränkte Geschäftsmöglichkeiten.»

Wie weiter mit den Wearables? Der Autor des US-amerikanischen Kulturmagazins «Paste» meint, es brauche noch etwas, das all die Leute überzeugt, die nicht auf tragbare Technik gewartet haben: «Es könnte Fitness sein, mobiles Bezahlen, GPS, Benachrichtigungen oder irgendetwas ganz anderes, an das noch keiner gedacht hat – oder alles zusammen. Aber wir warten auf die ‹Killer-Anwendung› – und werden noch etwas länger warten.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.05.2017, 17:06 Uhr

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