Alltagstest

Dreifach-Kamera: Unsinn oder Sensation?

Das neue Huawei P20 Pro hat gleich drei Kameras auf der Rückseite. baz.ch/Newsnet hat es im Alltag ausprobiert.

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Vor zwei Jahren hat Huawei mit dem P9 ein erstes Handy mit Doppelkamera vorgestellt. Per Software wurden die Aufnahmen einer Farb- und einer Schwarzweisskamera zu einem Foto verschmolzen.

Es war ein Quantensprung für die Handyfotografie. Allerdings nur beschränkt alltagstauglich. Der Automatikmodus war unzuverlässig und die Kamera insgesamt zu langsam. Wenn man sich aber die Zeit nahm und sich mit Fotografie ein bisschen auskannte, konnte man damit herausragende Fotos schiessen.

Erinnerungen an Nokia

Kein Wunder, erinnerte mich das Handy im Test an Nokia-Smartphones wie das Lumia 1020. Auch Nokia war damals der Zeit voraus.

Ein hochauflösender Sensor mit 40 Megapixeln war das Herzstück von Nokias Technologie. So gut die Kamera im Test gefiel, wurde sie kein Erfolg. Das lag einerseits an der komplizierten Bedienung und andererseits daran, dass Nokia bereits im Sinkflug war und Microsoft andere Prioritäten hatte. Die Köpfe hinter der Superkamera findet man heute übrigens bei Konkurrenten wie Apple.

Immer weiter verbessert

Anders als Nokia hat Huawei die Doppelkamera seither mit jedem neuen Handy weiterentwickelt und verbessert. Mal kam ein besseres Objektiv dazu, mal ein Sensor mit höherer Auflösung. Doch die beste Verbesserung passierte bei der Software.

Inzwischen kann man mit Huawei-Handys auch einfach wild drauflosknipsen. Die Kameras reagieren schnell und zuverlässig.

Doch einen Nachteil hatten Huawei-Handys bislang. Anders als beim iPhone oder beim Galaxy fehlte ein Zoom-Objektiv. Huawei hätte nun einfach die Schwarzweisskamera auf der Rückseite durch eine mit einem Zoom-Objektiv ersetzen können.

Stattdessen haben sich der chinesische Techkonzern und sein deutscher Kamerapartner Leica für eine – man muss es so sagen – wahnwitzige Dreifachkamera entschieden. Eine schiesst mit 40 Megapixeln Farbfotos, eine mit 20 Megapixeln Schwarzweissfotos und eine mit 8 Megapixeln Zoomfotos. Per Software entsteht aus den drei Aufnahmen schliesslich ein 10-Megapixel-Foto.

Eine Woche ausprobiert

Ich habe das Handy und vor allem die Kamera eine Woche lang ausprobiert und bin beeindruckt. Gerade wenn es um Aufnahmen bei wenig Licht und um Zoom geht, lässt das P20 Pro die Konkurrenz hinter sich.

Schon im Automatikmodus ohne irgendwelche manuelle Einstellungen gelingen erstaunliche Aufnahmen, die man einem Handy nicht zugetraut hätte:

Immer wieder ertappte ich mich in der Woche mit dem P20 Pro dabei, wie ich ungläubig auf den Bildschirm schauen musste. Ist das jetzt wirklich das Handyfoto, oder habe ich diese Aufnahme nicht doch mit meiner grossen Fotokamera gemacht?

Doch es gibt auch Situationen, wo ich ungläubig auf den Bildschirm schaute und mich wunderte: Was hat das Handy denn hier gemacht? Hin und wieder entschieden sich die Automatismen (die sich alle mit einem Klick deaktivieren lassen) für zu knallige Farben mit zu viel Kontrast.

Wer schon einmal mit einer Leica-Fotokamera fotografiert hat, weiss um die wunderbaren und ausgewogenen Farben. Das Huawei-Handy mit Leica-Kamera könnte sich davon ruhig noch ein Stück abschneiden. Allerdings sind Farben Geschmackssache. Und knallige Farben schneiden bei Vergleichstests generell besser ab.

Und das restliche Handy?

Ob der beeindruckenden Dreifachkamera geht das restliche Handy fast vergessen. Das liegt aber auch daran, dass sich Huawei keine Fehler leistet und nach dem Mate 10 im letzten Jahr erneut ein rundum solides Gerät gebaut hat. Es hat alles, was man im Alltag von einem Handy erwartet, und nervt nicht mit unnötigen oder unausgegorenen Gimmicks.

Kritisieren kann man einzig, dass das Design mehr als nur ein bisschen vom iPhone X inspiriert wurde. Wie beim neusten Galaxy von Samsung lohnt sich auch beim P20 Pro ein Blick in die überkomplizierten Menüs.

Zwei Empfehlungen: In der Rubrik «Sicherheit und Datenschutz» verbirgt sich die Option, den Immer-An-Bildschirm zu aktivieren. So sieht man die Zeit schon, wenn das Handy nur vor einem auf dem Tisch liegt.

In der Rubrik «System»/«Systemnavigation» kann man «Externe Navigationstaste» aktivieren. Damit wird der Home-Knopf und Fingerabdrucksensor unterhalb des Bildschirms zum nützlichen Bedienelement. Einmal draufdrücken ist «zurück», und lang drücken bedeutet «Home». Damit lässt sich das P20 Pro fast so bequem bedienen wie ein iPhone X.

Ausdauer statt Drahtlosladen

Der grösste Trumpf von Huawei-Handys (abgesehen freilich von der Kamera) war in den letzten Jahren der Akku. Auch beim P20 Pro muss man sich ganz schön Mühe geben, ihn in einem Tag leerzubekommen. Genügsame Zeitgenossen schaffen damit vielleicht sogar zwei Tage.

Da der Akku so ausdauernd ist, verzeiht man dem Handy auch, dass man es nicht, wie die meisten Konkurrenz-Handys, drahtlos laden kann.

Fazit: Mit dem P20 Pro hat Huawei einen Volltreffer gelandet. Das Handy ist im Hochpreissegment günstiger als die direkten Konkurrenten und hat mit der Dreifachkamera ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal. Wenn Huawei nun noch fleissig Updates nachreicht (das erste ist für in zwei Wochen versprochen), dürfte das Handy und vor allem die Kamera nur noch besser werden. Erfahrungsgemäss dauert es (unabhängig vom Hersteller) bis zu einem halben Jahr, bis die Software einer Handykamera die Hardware wirklich ausreizt.

Haben Sie Fragen zum Huawei P20 Pro? Digital-Redaktor Rafael Zeier beantwortet sie gerne in den Kommentaren oder auf Twitter.

Erstellt: 05.04.2018, 16:49 Uhr

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Technische Innereien

Software: Android 8.1

Prozessor: Kirin 970 (8-Kern)

Arbeitsspeicher: 6 GB

Speicher: 128 GB

Bildschirm: 6.1 Zoll (Oled)

Akku: 4000 mAh

Kamera: 40/20/8 Megapixel

Gewicht: 180 Gramm

Preis: 899 Franken

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