Hongkongs Demo-App – 100'000 Downloads in 24 Stunden

Würde Peking in Hongkong das Handynetz abstellen? Das geht nicht mehr, eine App machts möglich. Sie wird regelrecht gestürmt.

Das Handy dient nicht nur als Selfie-Lieferant: Demonstranten mit ihren Mobile-Geräten in den Strassen Hongkongs.

Das Handy dient nicht nur als Selfie-Lieferant: Demonstranten mit ihren Mobile-Geräten in den Strassen Hongkongs. Bild: Reuters

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Demokratiebewegungen in aller Welt sind häufig auch Sternstunden für die sozialen Netzwerke. Der Arabische Frühling hat Twitter und Facebook zu einem Instrument der demokratischen Bewegungen gemacht – und gleichzeitig aufgezeigt, wie verwundbar Kommunikationsmittel sind, die von öffentlichen Mobilfunknetzwerken abhängen. Die Infrastruktur wird von den Machthabern kontrolliert, die jederzeit Mobilfunknetze abschalten oder zwecks späterer Strafverfolgung die Teilnehmer der Demonstrationen registrieren.

Firechat ist ein neues soziales Netzwerk, das für spontane Ad-hoc-Diskussionen entwickelt wurde. Die iPhone- und Android-App verbindet mobile Geräte direkt über Bluetooth, WLAN oder Apples mit iOS 7 eingeführten «Multipeer Connectivity Framework». Die Nutzer müssen dafür in Funkreichweite sein – wie zum Beispiel «an einem Konzert oder in der Wildnis», wie die Entwickler die Einsatzmöglichkeiten beschreiben.

Ideal für die Vernetzung bei Demonstrationen

Ein anderer, von den Entwicklern nicht vorgesehener, aber naheliegender Einsatzzweck ist die Vernetzung von Demonstranten. Sie kann unabhängig von Mobilfunkverbindungen erfolgen, und sie funktioniert umso besser, je mehr Leute die App in unmittelbarer Nähe verwenden.

Firechat wird laut «The Guardian» intensiv bei den Protesten in Hongkong eingesetzt. Die App sei bereits in Taiwan, im Iran und Irak zum Einsatz gekommen, doch nachdem Firechat unter den Studenten die Runde gemacht habe, habe sie ungeahnten Zulauf erfahren. Es gab mehr als 100'000 Neuanmeldungen in Hongkong innerhalb von 24 Stunden, und mehr als 800'000 Chat-Sessions wurden abgehalten. Firechat gilt laut der englischen Zeitung darum bereits als das soziale Netzwerk für die Unruhen von Hongkong, nachdem die Unruhen in London mit dem Blackberry-Messenger befeuert wurden, Twitter eine wichtige Rolle im Arabischen Frühling spielte und die türkischen Demonstranten auf VPNs setzten.

In Hongkong werden die sozialen Medien gemäss CNN bislang nicht blockiert. In China selbst sei Instagram nicht mehr erreichbar, und es finde Zensur auf der populären Mikroblogging-Plattform Sina Weibo statt. Facebook, Twitter, Youtube und Google sind generell schlecht oder gar nicht erreichbar.

Nutzer schlecht geschützt

Das Prinzip hinter der direkten Verbindung zwischen den Teilnehmern bei Firechat nennt sich auch «mesh network» oder zu Deutsch vermaschtes Netz: Die Teilnehmer kommunizieren wie bei einem Gänseblümchenkranz («daisy chain») von Gerät zu Gerät. Dieses Prinzip ist gemacht für Extremsituationen, indem keine zentrale Infrastruktur benötigt wird. Auch beim Ausfall einzelner Geräte funktioniert das Netz weiter. Allerdings können die Mesh-Systeme nicht beliebig wachsen. Ein grosses Problem von Firechat sind die fehlende Verschlüsselung und Zugangskontrolle und damit der mangelnde Schutz des Nutzers.

Das Citizen Lab der Universität von Toronto weist darauf hin, dass nicht nur die Übertragung unverschlüsselt erfolgt, sondern dass auch die Kommunikation offen auf den Geräten gespeichert ist. Die Entwickler warnen denn auch explizit vor der Verwendung in heiklen Situationen. Wired.co.uk zitiert Christophe Daligault, den Vizechef von Marketing und Verkauf beim Entwickler Open Garden, dass ihm diese Verwendung Sorgen bereitet: «Die Leute müssen verstehen, dass das kein Werkzeug für Gespräche ist, die sie in Schwierigkeiten bringen würden, wenn sie von jemandem entdeckt würden, der feindlich gesinnt ist.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.09.2014, 10:42 Uhr

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