Analyse

Siebenmal «leider nein»: Nokia droht im Schlamassel unterzugehen

Warum derzeit selbst die treusten Nokia-Fans der Verzweiflung nahe sind – und was Microsoft damit zu tun hat.

Sinnbild für die Probleme bei Nokia: Smartphone-Serie Lumia.

Sinnbild für die Probleme bei Nokia: Smartphone-Serie Lumia. Bild: AFP

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Keine konkurrenzfähigen Smartphones, schlechtes Krisenmanagement, veraltetes Betriebssystem: Die Mängelliste beim einstigen Handyprimus Nokia in den letzten Jahren ist lang. Wer gehofft hatte, die Probleme könnten dank der Allianz mit Microsoft und der damit einhergehenden Lancierung der Smartphone-Serie Lumia auf Basis des Betriebssystems Windows Phone gelöst werden, sah sich bislang enttäuscht (baz.ch/Newsnet berichtete).

Wer trotzdem weiter zum finnischen Handyhersteller hält, dessen Glaube wird spätestens durch die Meldungen der letzten Tage und Wochen auf eine harte Probe gestellt. Die unten aufgeführte Zusammenstellung von Schwächen und Problemen – die alle miteinander zusammenhängen – dürfte selbst den treusten Nokia-Aficionados die Tränen in die Augen treiben.

1. Problem: Software

Das am 8. April in den USA eingeführte vermeintliche neue Flaggschiff Lumia 900 hat bislang fast nur für Negativschlagzeilen gesorgt. Es kam mit einem Softwarefehler, der die Datenverbindung abreissen liess, auf den Markt. Die Panne konnte erst eine Woche später mit einem Update für das Windows-Phone behoben werden. US-Kunden erhielten trotzdem eine 100-Dollar-Gutschrift.

2. Problem: Kein Vertrauen der Ratingagenturen

Anfang März sorgte Standard and Poor's in der Nokia-Firmenzentrale für lange Gesichter. Nachdem im vierten Quartal 2011 der Gewinn um 70 Prozent eingebrochen war, senkte die Ratingagentur die Kreditwürdigkeit von Nokia von BBB auf BBB- herab. Diese Woche setzte Moody's noch einen drauf und senkte die Bonitätsnote von Baa2 auf Baa3 herab – dies nachdem Nokia für das erste Quartal 2012 rote Zahlen vermeldet hatte. Die Kreditwürdigkeit Nokias liegt damit nur noch eine Stufe über Ramsch-Status.

3. Problem: Verlust der Spitzenposition

Im Smartphonesegment hat der finnische Traditionskonzern grosse Probleme. Nokia aber hat Berichte über eine existenzielle Krise jeweils zurückgewiesen mit dem Hinweis, dass man im Mobilemarkt (Handys und Smartphones zusammen) immer noch die Nummer 1 ist. Doch damit ist es jetzt laut «Bloomberg» vorbei: Nokia hat im letzten Quartal 83 Millionen Mobiles (davon 12 Millionen Smartphones) verkauft, Samsung aber 92 Millionen. «Samsung löst Nokia schnell ab», so das Fazit eines südkoreanischen Analysten gegenüber «Bloomberg».

4. Problem: Abstrafung an der Börse

Die schlechten Nachrichten drücken den Aktienkurs: Nachdem das Unternehmen vergangene Woche die Gewinnprognose gesenkt hatte, sackte die Nokia-Aktie 20 Prozent ab. Das nährt Übernahmegerüchte.

5. Problem: Unzufriedene Provider

Nicht nur die Aktionäre sind unzufrieden, sondern auch die Mobilfunkanbieter: Einer Umfrage von «Reuters» zufolge lassen deren Manager kein gutes Haar an den Nokia-Mobiles. Ihr Fazit: Lumia-Smartphones sind nicht gut genug, um Android- und iPhone-Nutzer zum Umstieg auf Nokias Windows-Phone-Geräte zu bewegen, sie sind zu teuer und mit Softwareproblemen behaftet.

6. Problem: Abgänge im Windows-Phone-Marketing und im Verkauf

Die Provider klagen zudem, dass Nokia-Partner Microsoft für die Lumia-Smartphones zu wenig Marketing betreibe. Besserung scheint nicht in Sicht: Erst seit fünf Monaten im Amt, verlässt Windows-Phone-Marketingchef Gavin Kim Microsoft auch schon wieder. Eine entsprechende Meldung von «Boy Genius Report» wurde von Microsoft bestätigt. Microsoft ebenfalls verlassen hat der Windows-Phone-Chef von Deutschland, Frank Fischer. Am Donnerstag kündigte Nokia an, dass Verkaufschef Colin Giles dem Konzern per Ende Juni den Rücken kehrt.

7. Problem: Verwirrte Kunden

Keine gute Falle macht dieser Tage auch die Kommunikationsabteilung von Nokia-Partner Microsoft: Hiess es zuerst noch, alle bislang auf dem Markt erhältlichen Windows-Phone-Geräte könnten auf Windows Phone 8 (Codename Apollo) aktualisiert werden, kam kurz darauf das Dementi: Nur Nutzer von neuen Windows-Phone-Smartphones sollen auf Apollo 8 updaten können. Stimmt das, wäre das für Nokia fatal: Die Software der Lumia-Serie könnte in diesem Fall nicht aktualisiert werden. Diesen Punkt möchte Microsoft weder dementieren noch bestätigen. Microsoft Schweiz sagt dazu: «Wir haben uns bisher nur zur Kompatibilität der Apps geäussert und darüber hinaus noch nichts bekannt gegeben – alle Apps, die heute auf dem Marketplace des Windows Phones verfügbar sind, werden auch auf der nächsten Version des Windows Phone laufen.»

Die Firmenzentrale in Espoo wollte heute Donnerstag bei der Präsentation der neusten Geschäftszahlen alles daran setzen, das Vertrauen wiederherzustellen. Das ist ihr nicht gelungen: Nachdem Nokia vor einem Jahr noch schwarze Zahlen geschrieben hat, wurde nun ein Verlust von 929 Millionen Euro eingefahren (siehe Infobox). Der finnischen Wirtschaft stehen harte Zeiten bevor.

Erstellt: 19.04.2012, 13:02 Uhr

Der Nokia-Schock

Nokia hat zum Jahresbeginn einen gewaltigen Verlust von 929 Millionen Euro eingefahren. Der Umsatz sackte im ersten Quartal im Jahresvergleich um 29,3 Prozent auf 7,35 Milliarden Euro ab, wie das finnische Unternehmen am Donnerstag mitteilte.

Vor einem Jahr hatte Nokia noch schwarze Zahlen von 344 Millionen Euro geschrieben. Die Zahlen zum Kerngeschäft mit Mobiltelefonen fielen quer durch die Bank schwach aus. Der Umsatz brach im Jahresvergleich um 40 Prozent auf 4,2 Milliarden Euro ein. Mit 82,7 Millionen wurde fast ein Viertel weniger Geräte verkauft. Sogar der durchschnittliche Preis eines Mobiltelefons sackte um 22 Prozent auf 51 Euro ab.

Es gab weltweit keine Region, in der Nokia die Erlöse wenigstens stabil halten konnte. Am ehesten gelang es noch mit einem Minus von drei Prozent in Lateinamerika. Im Stammgebiet Europa fiel der Umsatz dagegen im Jahresvergleich um 35 Prozent, im boomenden Wachstumsmarkt China brachen die Einnahmen sogar um 70 Prozent ein.

Die Absatzzahlen sprechen eine noch klarere Sprache. In Nordamerika etwa, wo es für Nokia schon seit Jahren nicht gut läuft und mit den Lumias eigentlich ein Comeback gelingen sollte, wurden nur noch 600'000 Mobiltelefone verkauft - halb so viele wie vor einem Jahr. (SDA)

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