So lebt es sich im Zuhause der Zukunft

IT-Unternehmer Kevin Rechsteiner hat einen Zirkuswagen umgebaut und mit neuster Technologie ausgerüstet. baz.ch/Newsnet hat ihn besucht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

7,8 mal 2,3 Meter – mehr Platz braucht Kevin Rechsteiner nicht zum Leben. Aber diese 18 Quadratmeter haben es in sich: Sein ausgebauter Zirkuswagen ist auch ein Smart Home, ein Haus, das mitdenkt – wenigstens teilweise.

Seit eineinhalb Jahren ist Rechsteiner in Buchberg (SH) daran, einen ehemaligen Zirkuswagen so umzubauen, dass er darin wohnen kann. Das bedeutet viel Arbeit nach der Arbeit als IT-Fachmann: Alles rausreissen, Holzboden einlegen, die Wände isolieren und mit Holz verkleiden, Strom anschliessen, und eben erst wurde die speziell angefertigte Küche eingebaut. Er lerne dabei enorm viel: «Das ist eine Spielwiese, ich kann hier ausprobieren, was ich will.»

Das ist gut so, denn ein Minihaus stellt ganz neue Herausforderungen. Woher Wasser und Strom nehmen? Wie viel davon hat man zur Verfügung? Wie viel Energie braucht ein Kühlschrank, Licht, Heizung? Wo verbaue ich Stecker und Leitungen? Und, vor allem: Wie kommt man ins Internet? Er sei nun mal «ein digitales Kind» und könne nicht ohne Handy, Notebook und Internet leben.

Viel Smartes ausprobiert

Wegen all dieser Sachzwänge kommt Rechsteiner nicht darum herum, sich mit Hausautomatisation auseinanderzusetzen. Er probiert deshalb viele smarte Dinge aus, die mit Sensoren bestückt und ans Internet angebunden sind. «Ich will herausfinden, wo sie sich gewinnbringend einsetzen lassen, damit ich wirklich einen Mehrwert habe und es nicht nur Spielerei ist.»

Zum Beispiel beim Licht. Den Grundstrom zapft er beim Bauernhof ab, auf dem sein Wagen steht. Dank dem Hue-Lichtsystem von Philips musste sich Rechsteiner nicht vor dem Umbau entscheiden, wo er Lampen platzieren will, keine Leitungen verlegen und Anschlüsse in Decken und Wand integrieren. Stattdessen hat er danach entlang der Wagenwand eine schmale LED-Leiste verbaut, die überall Licht gibt. Er kann sie über eine Fernbedienung oder über die Handy-App ein- und ausschalten und dimmen.

Ohne Internet geht nichts

Am System hängt auch eine Aussenlampe, die er so programmiert hat, dass sie einschaltet, wenn er sich nachts seinem Haus nähert. Das funktioniert aber nicht plump über einen Bewegungssensor, sondern mittels Geolocation des Smartphones. Das Hue-System merkt via GPS, wenn Kevins Handy vor der Tür steht.

Das geht aber nur, wenn das System mit dem Internet verbunden ist. Hier hat sich der Nerd, der beim Winterthurer Radio Stadtfilter den wöchentlichen «Nerdfunk» mitmoderiert, mit einem WLAN-Router geholfen, der über eine SIM-Karte das Internet in den Wagen holt und dort ein drahtloses Netz aufzieht.

Darüber lassen sich die Philips-Lampen auch steuern, wenn Rechsteiner nicht daheim ist, «aber das macht eigentlich wenig Sinn». Sinnvoller findet er, dass er seine Heizung von fern ein- und ausschalten kann, besonders im Winter, wenn es kalt ist. Um Energie zu sparen, will er nicht heizen, wenn er weg ist, aber bevor er heimkommt. Zudem ist sein Heizsystem fähig, die Raumtemperatur bei mindestens 15 Grad zu halten: «Damit mir während einer längeren Abwesenheit das Wasser nicht einfriert.»

Klug herunterkühlen

Wann immer möglich, will er ohnehin seinen dekorativen Schwedenofen nutzen, das sei romantischer. Daneben steht eine neue Klimaanlage, die Rechsteiner für den Sommer angeschafft hat. Sie soll sicherstellen, dass die Hitze im Wagen nicht brütend wird, auch wenn er auf Reisen ist: «Statt dass ich den Raum dann ständig herunterkühle, soll sie bei Höchsttemperaturen einfach einmal einen halben Tag laufen.»

Leider ist die Anlage ab Werk indes ziemlich dumm, was Rechsteiner mit der Tado-Lösung aus Deutschland ändern will. Man deponiert einen Sender in der Wohnung, der mit der Anlage kommuniziert und den man mit einer Handy-App von fern ansteuern kann. Er habe das im Geschäft ausprobiert, es funktioniere prima.

Erfahrungen hat er auch mit einer Bewässerungsanlage von Gardena gemacht. Allerdings ist die nicht sehr smart: «Wenn sie zehn Minuten wässern soll, tut sie das, auch wenn längst alles überschwemmt ist», grinst er. Er will demnächst eine mit Bodensensoren testen, welche die einprogrammierte Bewässerung beendet, wenn es regnet. Das spare Wasser.

Der Traum vom nachhaltigen Leben

Letztlich geht es Rechsteiner mit seinem kleinen Haus, seinem «Tiny House», wie es in den USA heisst, auch darum, nachhaltig zu leben und möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Darauf gekommen ist er, nachdem er eineinhalb Jahre mit dem VW-Bus in den USA tourte und gemerkt hatte, dass er die 180 Quadratmeter seiner damaligen Loft überhaupt nicht brauchte. Heute hat er nur noch seinen VW-Bus und den Wohnwagen: «Das macht mich unheimlich frei», sagt er. Existenzängste, die ihn früher oft umtrieben, kennt er nicht mehr.

Um Ressourcen möglichst effizient zu nutzen, misst er derzeit vieles mit Sensoren. Er setzt etwa Mystrom-Stecker ein, die ihm Daten über den Stromverbrauch der eingesteckten Geräte liefern. Und Sensoren auf dem Dach messen Wind, Licht und Regen. Er will wissen, ob er genügend Licht hat, dass sich Solarzellen lohnen würden: «Ich fand dann heraus, dass sich mit Wind viel machen liesse.»

Nicht nur für Nerds

Viel Smartes hat Kevin bisher ausgetestet und kommt zum Schluss, dass das Internet der Dinge vor allem darunter leidet, dass die verschiedenen Systeme nicht miteinander kompatibel sind. «Am Schluss habe ich 35 verschiedene Apps, über die ich mein Haus steuere, das ist ein Witz.»

Er hofft deshalb, dass es endlich zu einem einheitlichen und offenen Standard kommt, damit, wer Dienste miteinander verknüpfen möchte, er nicht mehr auf Webportale wie ifttt.com angewiesen ist. Die seien zwar genial, aber definitiv nur etwas für Nerds.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.08.2017, 19:41 Uhr

Artikel zum Thema

«Eve Degree» zeigt unterwegs an, wie heiss es in der Wohnung ist

Nein, Kühlung verschafft das kleine Kästchen keine. Aber lenkt es ein bisschen von der Hitze ab? baz.ch/Newsnet hat es ausprobiert. Mehr...

Nur Geduld mit dem Haus der Zukunft

Verschiedene Standards, komplizierte Bedienung und Kurzlebigkeit stehen der Automation im Weg. Mehr...

Kommentare

Service

Kino

Alle Kinofilme im Überlick

Die Welt in Bildern

Riesig hohe Surfwellen: Vor der portugisischen Küste befindet sich im Meer der Nazare Canyon eine über 230 Kilometer lange Schlucht mit einer Tiefe von bis zu 5000 Metern, deshalb entstehen hier die beliebten Wellen.
(Bild: Rafael Marchante) Mehr...