Zu viele Dienste wollen das SMS beerben

Die neuen Kurznachrichtendienste versprechen, die Kommunikation zu vereinfachen, und machen doch alles komplizierter.

Viele Messenger buhlen um die Nachfolge des SMS: Eine Frau schreibt eine Nachricht auf ihrem Handy.

Viele Messenger buhlen um die Nachfolge des SMS: Eine Frau schreibt eine Nachricht auf ihrem Handy. Bild: Keystone

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Die Kollegin A. erreicht man nur via Whatsapp. Dem Kollegen M. kann man zwar Nachrichten mit Hangouts schreiben, aber Antwort gibt er nur via SMS. Kollege J. schwört auf iMessage, und die Eltern haben nur Skype auf ihrem iPad. Willkommen in der heutigen Kommunikationswelt.

Als am 3. Dezember 1992 das erste SMS verschickt wurde, war das noch bedeutend einfacher. Man hatte einen einzigen Nachrichtenservice zur Wahl. Seit es Smartphones gibt, hat sich das Angebot an Kurznachrichtendiensten vervielfacht. Musste man früher Telefonnummern auswendig lernen, sollte man heute wissen, wen man auf welchem Kanal erreicht. Die Messenger sind untereinander nämlich nicht kompatibel.

Dafür bieten die neuen Kurznachrichtendienste ungleich mehr als das in die Jahre gekommene SMS. Nebst simplen Textnachrichten kann man Bilder und Videos verschicken, seinen Standort teilen, Gruppendiskussionen abhalten – und das alles gratis, vorausgesetzt man hat ein Mobilfunkabo mit einem Datenpaket oder Zugang zu einem WLAN. Manche dieser Messenger bieten zusätzlich auch Anrufe an.

Dienste kommen und gehen

Da den Überblick zu behalten, ist nicht einfach. Immer wieder tauchen neue Dienste auf, und alte werden eingestellt oder übernommen. Erst kürzlich ging Google Talk im neuen Dienst Hang­outs auf. Microsoft hat seinen MSN Messenger geschlossen und die Nutzer zu Skype geschickt. Facebook stellt seine Chat-Funktion auch als separate Messenger-App zur Verfügung, und eingefleischte Twitter-Nutzer kommunizieren über diesen Dienst, indem sie sich private Nachrichten senden, sogenannte DM oder Direct Messages.

Nebst Skype gilt auch der Blackberry Messenger als Pionier der Messenger-Branche. Beide wurden 2003 lanciert und haben damals schon das angeboten, was heute eine Messenger-App ausmacht. Skype bietet heute das umfangreichste Angebot. Aber wie so oft, wenn ein Angebot ausgebaut wird, leidet die Benutzbarkeit. Verwendet man Skype auf einem Handy oder Tablet, sieht man der App die Desktop-Vergangenheit deutlich an. Genau diese Schwäche hat die von zwei ehemaligen Yahoo-Mitarbeitern gegründete Whatsapp erkannt. Wo Skype eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten bietet, legt Whatsapp Wert auf einfache Benutzung.

Zwischen diesen Polen bewegen sich alle restlichen Messenger-Apps. In welche Richtung der Trend geht, lässt sich kaum abschätzen. Schon jetzt ist aber absehbar, dass in Zukunft ein grosser Teil der Kommunikation über diese Apps laufen wird. Studien zeigen, dass sich die elektronische Kommunikation immer mehr von SMS und Telefonie auf Messenger verlagert. Die Swisscom verteidigt seit kurzem ihr Terrain mit dem eigenen Messenger iO. Nicht zuletzt, um auch in Zukunft Dienste und nicht nur blosse Datenpakete zu verkaufen. Ob sich die Swisscom mit ihrem Messenger-Angebot im hart umkämpften Markt behaupten kann, wird sich zeigen, wenn die Anfangseuphorie verflogen ist.

Viele Nutzer binden

Die alte Weisheit, wonach Konkurrenz das Geschäft belebt und vor allem dem Kunden zugutekommt, gilt bei dieser Flut an Messengers nur beschränkt. Denn all die Anbieter scheinen lieber neue Funktionen zu entwickeln, um sich von der Konkurrenz abzugrenzen, als ihre Dienste mit der Konkurrenz kompatibel zu machen.

Die Strategie ist klar: so viele Nutzer wie möglich an sich binden und von der Konkurrenz fernhalten. Die Folge: Vor jeder Kontaktaufnahme muss man sich überlegen, auf welchem Service die gewünschte Person erreichbar ist. Eine Lösung für dieses Dilemma hat ausgerechnet Apple entwickelt, obwohl dieses Unternehmen sonst für sein Gärtchendenken bekannt ist. Bei seiner iMessage wurden Messenger und SMS-Dienst elegant zusammengeführt.

Es geht nur mehrgleisig

Hat das Gegenüber ebenfalls iMessage, läuft die Kommunikation kostenlos über das Internet. Hat ein Adressat kein Apple-Gerät, dann schickt ihm das Programm automatisch ein (möglicherweise kostenpflichtiges) SMS. Skype bietet zwar ebenfalls SMS an, allerdings nicht so elegant integriert. Google plant eine ähnliche Funktion für Hangouts. Es ist Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet das zwanzigjährige SMS der Messenger-Branche den Weg in die Zukunft weisen könnte.

Aber für welchen Messenger soll man sich hier und jetzt entscheiden? Da das Angebot derart zerstückelt ist, lässt sich diese Frage nur unbefriedigend beantworten. Es ist unvermeidlich, mehrere Messenger zu installieren, um breit ­erreichbar zu sein. Das ist nicht sonderlich elegant, aber die beste Lösung, bis sich die Hersteller vielleicht irgendwann doch zur Zusammenarbeit entschieden haben – oder sich ein Dienst zum un­angefochtenen Marktführer aufgeschwungen hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2013, 07:25 Uhr

Handy-Messenger im Vergleich. (Zum Vergrössern auf das Bild klicken)

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