Das Handy – ein Körperteil?

Unbestritten ist, dass ein Mobiltelefon in vielerlei Hinsicht sinnvoll ist. Doch oft bringen uns Handys in den Zustand des gemeinsamen Alleinseins.

Ständig online zu sein, schafft Zugehörigkeit. Gleichzeitig entsteht eine neue Auffassung von Gesellschaft.

Ständig online zu sein, schafft Zugehörigkeit. Gleichzeitig entsteht eine neue Auffassung von Gesellschaft. Bild: Keystone

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Die Tramfahrt am Morgen: Mehr als die Hälfte der Trampassagiere beschäftigt sich mit ihrem Handy. Versehen mit Kopfhörern, lesend oder tippend. Mit beiden Daumen schreiben die Jüngeren, mit dem Zeigefinger die Älteren. Eine enorme Faszination geht von diesen Geräten aus, die mehr und mehr Alleskönner sind; man soll damit sogar auch telefonieren können …

Irgendwo war zu lesen, dass in der Schweiz 2016 lediglich 4800 Jugendliche nicht über ein Handy verfügt haben; nahezu 98 Prozent haben ein Smartphone. Die eigenen Eindrücke bestätigen die enorme Versorgungsdichte aller Alterssegmente der Bevölkerung. Kaum eine Theater-Aufführung oder ein Konzert findet statt ohne die vorgängige Bitte, nach der Darbietung das Gerät wieder einzuschalten (das ist die humorvolle Art, Störungen durch Alarmtöne – auch originelle – zu vermeiden).

In der James-Studie (Jugend/Aktivitäten/Medien – Erhebung Schweiz) der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Departement Psychologie, wird der Medienumgang von Jugendlichen seit 2010 wissenschaftlich untersucht. Die Chancen, aber auch die Risiken der Nutzung der Medien werden beschrieben. Die Studie liefert wissenschaftlich erhärtete Daten. Behörden, Fachpersonen, aber auch weitere Interessierte wie zum Beispiel besorgte Eltern entnehmen dieser Untersuchung wertvolle Hinweise. So erfahren wir, dass Jugendliche während der Woche im Durchschnitt 2 Stunden und 30 Minuten pro Tag mit ihren Handys beschäftigt sind, an Wochenenden sogar täglich während 3 Stunden und 40 Minuten. Das ist ein beträchtlicher Teil der im Wachzustand erlebten Tages- und wohl auch Nachtzeit.

Nicht nur der Nachwuchs legt das Handy nicht mehr aus der Hand.

Was die Kommunikation familienintern erleichtert, sorgt in vielen Familien für reichlich Konfliktpotenzial. In der heutigen Zeit ist ein Handyentzug wohl mit Zimmerarrest gleichzusetzen – denn der Zugang zum sozialen Umfeld wird gekappt.

Nicht nur der Nachwuchs legt das Handy nicht mehr aus der Hand. Wer aufmerksam durch die Stadt geht, stellt fest, dass auch Eltern, die ihre Kleinkinder im Kinderwagen vor sich herschieben, oft zugleich telefonieren – weitere Beispiele kennen wir alle. Auch Restaurantbesucher, Patienten im Wartezimmer und Zugreisende ersetzen den Dialog, ein aktuelles Magazin oder die Zeitung durch das Handy – weil es eben all das zu ersetzen versucht.

Ständig online zu sein, schafft Zugehörigkeit. Gleichzeitig entsteht eine neue Auffassung von Gesellschaft. Unbestritten ist, dass ein Mobiltelefon in vielerlei Hinsicht sinnvoll ist. Doch oft bringen uns Handys in den Zustand des gemeinsamen Alleinseins. Es ist zu hoffen, dass es aufzuzeigen gelingt, dass es neben der offenbar so faszinierenden virtuellen Welt noch eine wunderbare reale Welt gibt. Eine Welt mit wirklich existierenden Menschen, die in der Lage und willens sind, sich mit uns zu unterhalten und mit uns etwas zu unternehmen. So kann man Freude bereiten – durch Aufmerksamkeit, welche zum Beispiel durch das Weglegen des Handys entstehen kann. (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.08.2017, 11:28 Uhr

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