Google richtet in Las Vegas mit grosser Kelle an

An der Elektronikmesse CES zeigen die Hersteller ihre neuesten Produkte und zelebrieren Trends. Besonders bombastisch: Googles Auftritt.

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Jedes Jahr zündet die Techbranche gleich in den ersten Januartagen ein Innovationsfeuerwerk. Die CES in Las Vegas ist die weltgrösste Leistungsschau für Heimelektronik mit annähernd 4000 Ausstellern und mehr als 180'000 Besuchern. Während einer Woche werden Produkte vorgeführt, die im Verlauf des Jahres auf den Markt kommen – oder auch nicht. Denn die CES ist nicht nur für ihre ausufernden Dimensionen bekannt (mit mehr als 250'000 Quadratmeter Ausstellungsfläche dieses Jahr), sondern auch für «Vaporware». Das sind Produkte, die es nie vom Messestand in die Verkaufsregale schaffen.

Doch trotz der zahlreichen Rohrkrepierer zeigt die CES deutlich, wo die Hersteller die künftigen Trends und Umsatztreiber verorten. Google ist dieses Jahr zum ersten Mal seit einer längeren Abstinenz wieder in Las Vegas dabei. Der Suchmaschinenkonzern hat einen riesigen zweistöckigen «Spielplatz» aufgebaut und «wortwörtlich die ganze Stadt mit Werbung zugepflastert», wie 9to5google.com kommentierte. «Hey Google» schon am Flughafen, auf der Monorail und den Taxis, an Hausfassaden und im Fernsehen. «Hey Google» ist das Sprachkommando zur Aktivierung des smarten Assistenten, in den das Unternehmen viel Werbegeld und grosse Erwartungen steckt.

Der Assistent soll nicht nur die Interaktion mit dem Smartphone vereinfachen, sondern im vernetzten Zuhause auch Heizung, Licht, Kühlschrank und Waschmaschine steuern. Google selbst hat im November 2016 einen smarten Lautsprecher namens Home auf den Markt gebracht. Er ist nach Schätzungen das erfolgreichste Hardwareprodukt von Google. Allein die vor zweieinhalb Monaten lancierte Miniversion hat sich 6,4 Millionen Mal verkauft.

Kampfansage an Amazon

Googles Offensive ist auch eine Kampfansage an Amazon. Die digitale Assistentin Alexa des Internethändlers war der Abräumer an der letztjährigen CES. Diverse Hersteller haben damals Fernseher, Lautsprecher, Haushaltroboter, Kühlschränke und Autos mit Alexa-Integration vorgestellt oder angekündigt. «Business Insider» ist überzeugt, dass 2018 das Jahr sei, in dem dieser Krieg eskaliere: «Beide Kontrahenten werden Ankündigungen zu neuen Partnern, Produkten und neuen Nutzungsmöglichkeiten machen.» Und das tun sie: Bang & Olufsen, JBL, Lenovo, LG und Sony bringen Modelle mit «Hey Google». HP, Lenovo und Asus wollen Alexa als App mit ihren Windows-10-PC ausliefern.

Amazons aggressive Expansionsstrategie ist von Erfolg gekrönt, aber Google holt auf. Einen strategischen Vorteil wird der Herausforderer jedoch nicht wettmachen können, glaubt «Business Insider»: Viele Leute setzen ihre Bestellungen via Alexa ab, was die Umsätze beim Internethändler ankurbelt. Google seinerseits hat zwar Verträge mit Einzelhändlern wie Walmart und Target abgeschlossen, profitiert aber nicht so direkt wie Amazon vom Shopping per smartem Lautsprecher.

Die klassischen Exponate der Messe in Las Vegas sind die Fernseher. Hier gilt heuer: grösser, schärfer und vielseitiger in der Bauweise. LGs Prunkstück liefert bei 88 Zoll Durchmesser (2,2 Meter) des OLED-Panels eine 8K-Auflösung. Das sind 16-mal mehr als bei normalen Full-HD-Fernsehern. LG zeigt auch den ersten aufrollbaren Fernseher. Das 65-Zoll-Display soll sich auf einen Radius von 8 Zentimetern aufrollen und einfach verräumen und transportieren lassen.

Fernsehbildschirm nach dem Baukastenprinzip

Auch bei Samsung fällt der Startschuss fürs 8K-Zeitalter. Die Südkoreaner haben zudem eine modulare Videowand vorgestellt. Bei The Wall wird die Anzeigefläche aus Kacheln von Mikro-LEDs aufgebaut, was variable Grössen und Seitenverhältnisse ermöglicht.

Dank der zunehmenden Vernetzung fällt inzwischen auch die Mobilität in den Einzugsbereich der Messe: Elektroscooter und Hoverboards lassen sich ausprobieren und neue Mobilitätskonzepte bestaunen. «Die CES ist die erste Adresse für Leute, die von neuen, schrägen Fortbewegungsmethoden träumen», spottete das Tech-Portal «The Verge». Das «Handelsblatt» sieht uns schon im Zeitalter des autonomen Fahrens angekommen. Das Fahrzeug wird neben Wohnzimmer und Büro zum dritten Lebensbereich. Die Automobilindustrie wird sich zur Passagierindustrie wandeln, und Intel schätzt diesen Markt auf «bis zu sieben Billionen Dollar». Das bedeutet zum Beispiel riesige Touchdisplays im Fahrzeug, wie BMW eines zeigt.

Kritik an Innovationsflut

2018 soll auch das Jahr der Haushaltroboter werden. Heise.de hat eine ganze Armada von künstlichen Mitbewohnern ausgemacht, die dem herkömmlichen Haustier Konkurrenz machen: Sonys Roboterhund Aibo, der 1999 auf den Markt kam und 2006 beerdigt wurde, erlebt eine Wiedergeburt – auch wenn er laut Heise «nicht klüger als sein Vorfahre» ist. Kuri, ein anderer Roboter, reagiert mit Augenklimpern auf die Ansprache durch den Besitzer und schnurrt, wenn man ihn streichelt. Buddy fährt den Familienmitgliedern auf Rädern hinterher, gibt Musik wieder und sucht im Internet nach Rezepten. Als Nanny soll er die Kinder mit Versteckenspielen bei Laune halten. Und der Lynx von Robotics spult das Yogaprogramm ab, wenn man selbst keine Lust hat. Andere Roboter wollen durch Nützlichkeit überzeugen: Die von LG sollen in Hotels Dienstbotengänge übernehmen und Getränke servieren. Foldimate seinerseits legt Wäsche zusammen und wird beim Marktstart 2019 wohl gegen 1000 Dollar kosten.

«Alles zu kompliziert», stöhnt angesichts dieser Innovationsflut Nilay Patel, der Chefblogger von «The Verge»: Als Nutzer müsse man inzwischen enorme Voraussetzungen mitbringen, um die Neuerungen überhaupt zu verstehen. «Die Latte wird so schnell höher gelegt, dass keiner mehr mithalten kann.» Eines ist klar: Das Verwirrungspotenzial moderner Technologie wird auch 2018 garantiert nicht kleiner. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.01.2018, 18:13 Uhr

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