Netzball

DAZN – was steckt hinter den vier Buchstaben, die den Sportrechtemarkt zuletzt durcheinandergebracht haben?

Die Kommandozentrale: Im «Production Control Room» (PCR) laufen sämtliche Liveübertragungen zusammen, für die sich der Streamingsender DAZN die Rechte gesichert hat.

Die Kommandozentrale: Im «Production Control Room» (PCR) laufen sämtliche Liveübertragungen zusammen, für die sich der Streamingsender DAZN die Rechte gesichert hat. Bild: Max J. Gillmeier

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Es ist ein typischer Novembertag, einer, wie es ihn kurz vor Weihnachten leider viel zu häufig gibt: dunkel, kalt und auch sonst so, dass man sich spontan für die Klimaerwärmung begeistern könnte. Aber das Gute ist ja, dass das Wetter hier, in Ismaning, nur eine untergeordnete Rolle spielt. Vor den Toren Münchens haben sich in den trüben Industriegebieten gleich mehrere Firmen niedergelassen, die lästige Dinge wie die Realität zur Seite schieben können. Oder den Menschen zumindest die Möglichkeit bieten, sich eine andere Realität in ihre Wohnzimmer zu holen.

Am Ende der Strasse wird in den Gebäuden von Constantin Medien sicher schon fleissig am nächsten Film gearbeitet; vielleicht «Fack ju Göthe – jetzt erst recht»? Ein paar Meter weiter befindet sich der Sportsender Sport 1, der ebenfalls zum Firmenkonstrukt von Bernhard Burgener gehört. Und einige Kilometer die Strasse runter, hinten, in Unterföhring, versendet Sky die Bilder der Bundesliga und der Champions League in Millionen Haushalte.

Könnte es also einen besseren Platz geben als diesen hier, um eine Revolution in der deutschsprachigen Sportberichterstattung zu starten?

In Laufdistanz zu den etablierten Sendern, aber doch einige Meter von ihnen entfernt, liegt Gebäude 24.5 des Agrob-Geländes in Ismaning. Auf dem winzigen Schild des dreistöckigen Containergebäudes stehen jene vier Buchstaben, die den Sportmarkt in Deutschland, Österreich und der Schweiz in den letzten 18 Monaten in Unordnung gebracht haben: DAZN.

Immer und überall

DAZN – das gleich am Anfang – wird ausgesprochen wie «Dasohn», weil es aus dem Englischen kommt und eigentlich «Da Zone» heissen soll; die flippige Aussprache von «The Zone». Über ein mystisches Geheimnis hinter dem Firmennamen sollte man nicht allzu lange nachdenken. Vermutlich hat sich eine viel zu teure Marketingagentur auf die Suche nach vier Buchstaben gemacht, die sich in einer Kachel anordnen lassen, in keiner Sprache der Welt etwas Beleidigendes bedeuten und zumindest im entferntesten Sinne etwas mit Sport zu tun haben.

Aber um den Namen soll es ja auch gar nicht gehen, sondern um die Idee. Denn die ist im Vergleich zu den etablierten Sendern tatsächlich eine andere. Die antike Einrichtung des linearen Fernsehens löst sich im Jahr 2018 ja schneller auf, als man sämtliche Sender auf seinem heimischen TV-Gerät durchzappen kann. Nur der Livesport konnte sich den Kundenwünschen des «immer und überall» bislang entziehen.

Aber auch damit ist jetzt Schluss.

DAZN ist ein Streamingdienst, der sich vor 18 Monaten auf einen ohnehin schon umkämpften Markt gedrängelt hat. «Netflix des Sports», so wurde er damals getauft. Mit einem Abopreis von 12,90 Franken pro Monat und ohne Einstiegshürden kann man sich an- und wieder abmelden, um Sport zu schauen. Live oder in der Wiederholung. Auf dem TV-Gerät im Wohnzimmer, dem Computer im Büro oder dem Handy im Zug. Premier League, Primera Division oder die Highlights der Bundesliga für die klassischen Fans. Aber auch australischen, indischen oder holländischen Fussball für die, nun ja, Liebhaber. Dazu Basketball und American Football aus den USA, Tennis, Rugby, Darts, Landhockey, Volleyball, Billard und einige andere Wettbewerbe, von denen man vorher nicht mal wusste, dass man sie überhaupt sehen will.

Ton und Bild

Der dritte Stock ist an diesem Abend so gut wie ausgestorben. Ab und zu verirrt sich ein koffeinabhängiger Mitarbeiter in die neu eingerichtete Küche, um sich den x-ten Espresso des Tages zu injizieren. Der grösste Teil der knapp 50 Personen, die sonst hier oben arbeiten, hat sich längst in die Innenstadt verabschiedet; Weihnachtsfeier. Ein Stockwerk weiter unten, in der Keimzelle von DAZN, hat die besinnliche Stimmung allerdings keine Chance.

Es ist ein schmaler Gang, in dem die Sportwelt Tür an Tür liegt. Camp Nou neben Madison Square Garden neben Old Trafford neben MetLife Stadium. Nur durch dünne Wände getrennt sitzen hier diejenigen, die ihre Tonspur über die Bilder des Sports legen.

Jetzt ist es noch ruhig, nur Kommentator Carsten Fuss und Experte Massimo Morales sind schon da und gehen ihre Notizen durch, ehe in einer Stunde das Spiel zwischen Chievo und Hellas Verona beginnt. Der Tonfall der beiden könnte vermuten lassen, dass sich die Partie bereits in der Endphase befindet. Aber irgendwie ist es ja auch schön, dass der italienische Pokal tatsächlich noch Menschen begeistert.

Die übrigen Kabinen sind leer, die grosse Hektik wird sich erst in einigen Stunden einschleichen.

Kanada und Japan

8000 Liveübertragungen verspricht DAZN im Jahr, bis zu 25 davon können parallel ins Netz gejagt werden. Die Rechte an 16 Sportarten besitzt man, immer in der Hoffnung, dass für jeden Fan etwas dabei sein möge. In Japan und Kanada, den beiden anderen Märkten, sieht das Geschäftsmodell ein bisschen anders aus: In Japan hat man sich für mehr als 2 Milliarden Franken die Rechte der höchsten drei Fussball-Ligen für die nächsten zehn Jahre gesichert. In Kanada besteht das grösste Verkaufsargument in der Übertragung der amerikanischen Football-Liga NFL. Es sind starke Recht, die Millionen von Kunden vor die Bildschirme locken sollen.

Doch das alles ist erst der Anfang.

Schon jetzt ist klar, dass DAZN ab kommender Saison in Deutschland und Österreich gemeinsam mit Sky die Champions League überträgt. Auch die Rechte für die Europa League liegen dann in Ismaning. Und wenn man den aufmüpfigen Ankündigungen von CEO James Rushton glaubt, dann dürften in den Schweizer Nachbarländern bald auch die Formel 1, der Ski-Weltcup und irgendwann die kompletten Spiele der Bundesliga zum Angebot gehören.

Geld ist dabei nicht das Problem. DAZN ist das Spielzeug der Perform Group, eines globalen Sport-Medien-Unternehmens mit Sitz in London. Hinter Perform steht der Mehrheitseigner Access Industries, eine amerikanische Beteiligungsgesellschaft des russischstämmigen Milliardärs Leonard Blawatnik. Über die Warner Music Group ist er am Streamingdienst Spotify beteiligt, Forbes schätzt das Vermögen des 60-Jährigen auf 20 Milliarden Dollar.

Genug Geld also, um sich nach und nach die begehrtesten Rechte unter den Nagel zu reissen und den Sport immer weiter aus dem frei empfänglichen Fernsehen zu verdrängen. Das Projekt DAZN soll für die nächsten zwölf Jahre abgesichert sein. Ab 2020 will man in den ersten Märkten profitabel sein.

Salah und Shaqiri

Draussen ist es jetzt dunkel, als würde das im November noch einen grossen Unterschied machen, drinnen steigt die Lautstärke. Chievo geht gegen Hellas ins Elfmeterschiessen, Fuss und Morales sind kurz davor, den italienischen Fussball zur Krone der Schöpfung zu erheben. Einen Raum weiter hat Partizan Belgrad grade das 1:0 gegen Vozdovac erzielt, was offenbar auch eine grosse Sache ist, zumindest dann, wenn man dem Enthusiasmus der beiden Männer unter ihren Headsets glaubt.

Zehn weitere Spiele werden hier in den kommenden Stunden ausgestrahlt, alle von ihnen wollen kommentiert werden, auch wenn es immer wieder auch Veranstaltungen gibt, die im Originalton gezeigt werden.

Der grösste Produktionsraum ist für das Spiel des Abends reserviert: Liverpool gegen Stoke. Salah gegen Shaqiri, so lautet das Thema der Vorberichterstattung. Moderator Alex Schlüter geht mit dem Experten Moritz Volz die wichtigsten Punkte für den zehnminütigen Vorlauf bis zum Anpfiff durch, dann kommt auch Moderator Marco Hagemann hinzu.

So lautet vorerst das Konzept: Im Stadion ist kein Mitarbeiter vor Ort und Studio gibt es nicht. So spart man Personal- und Reisekosten. Die Analysen sind kurz, man will sich bewusst von der Konkurrenz abheben, frischer sein, jung, cooler halt. Dafür kommentieren immer zwei Personen, «pur, voll auf die 12», sagt einer, was wohl so viel heissen soll wie: «Wir wollen anders sein». Mit Volz, Benjamin Lauth, Ralph Gunesch, Tobias Schweinsteiger oder Jonas Hummels hat DAZN zwar nicht die ganz grossen Namen des Expertentums verpflichtet, aber dafür ehemalige und aktuelle Fussballer, die sich auch mal trauen, ihre Meinung zu sagen.

Experten und Bezahlschranke

Wo all das hinführen soll? Man kann es nur erahnen, aber immerhin braucht man dafür nicht besonders viel Fantasie. DAZN wird sich weiter ausbreiten. Zwei bis drei neue Länder will man in jedem Jahr erschliessen, die nächsten Ziele sind längst auserkoren. Länder, in denen das Glasfasernetz ausgebaut und die Geldbeutel der potenziellen Kunden gut gefüllt sind. Der Sender wird noch viel mehr Mittel in die Hand nehmen, um nicht nur Livespiele zu übertragen, sondern künftig auch Reportagen zu drehen, ausführliche Interviews zu führen und eigene Inhalte zu produzieren. «Shoulder-Content», heisst das hier.

So sehr das die Macher von DAZN freuen kann, so besorgt darf der Kunde auf diese Entwicklung blicken. Während der Sport in ganz Europa hinter der Bezahlschranke verschwindet, kann sich die Schweiz fast noch glücklich schätzen, dass ihr ab der nächsten Saison immerhin ein Spiel der Super League und eines in der Champions League frei empfangbar serviert wird. Und das, obwohl das gebührenfinanzierte Fernsehen ja aktuell vor einer ungewissen Zukunft steht.

Dass ein potenter Anbieter wie DAZN in den Markt eingestiegen ist, wird die Preise weiter nach oben treiben. Und damit sinken zeitgleich auch die Chancen, dass die wichtigen Sportarten für alle empfangbar sind.

Buffet und Bier

Es ist kurz vor Mitternacht, endlich dürfen auch die letzten Mitarbeiter zur Weihnachtsfeier in die Innenstadt aufbrechen. Die Hoffnungen, dass am Buffet noch etwas übrig geblieben ist, sind klein. Aber ein Bier auf das erste komplette Jahr bei DAZN wird sich sicher noch irgendwo auftreiben lassen.

Im zweiten Stock gehen so langsam die Lichter aus, nur eines wird noch ein paar Stunden leuchten. Um 2 Uhr in der Nacht beginnt das Spiel zwischen Minnesota und Washington in der NBA.

Vor den Toren von München gibt es keinen Feierabend. Im Netz rollt der Ball unaufhaltsam weiter. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.01.2018, 10:25 Uhr

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