«Anonymität ist Freiheit und unser grundgegebenes Recht»

Für Tobias Leingruber ist Facebook zu mächtig. Deshalb verunstaltet er mit Webgraffiti Profilseiten oder stellt Facebook-Ausweise aus. Alles Kunst, aber zum Schutz der Privatsphäre.

Aktion gegen die Übermacht: Tobias Leingruber entwarf die Facebook-ID. 
Bild: zvg

Aktion gegen die Übermacht: Tobias Leingruber entwarf die Facebook-ID. Bild: zvg

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Tobias Leingruber ist Internetkünstler. Mit seinen Aktionen protestiert er gegen die Übermacht von Internetfirmen wie Google oder Facebook. So kurvte er mit einem gefakten Google-Street-View-Auto durch Berlin, oder entwickelte einen «Umsonst»-Button auf Amazon, der direkt auf die illegale Online-Tauschbörse The Pirate Bay führte. Für Schlagzeilen sorgte auch Leingrubers Graffiti-Programm, mit welchem User ihr Facebook-Profil verunstalten konnten.

Herr Leingruber, Sie haben das Gefühl, dass im World Wide Web vieles falsch läuft. Worüber haben Sie sich heute Morgen aufgeregt?
(lacht) Ein Haufen neuer E-Mail-Newsletter, die ich nie bestellt habe, und Benachrichtigungen, die ich nie haben wollte. Mich aus Newsletters auszutragen, ist schon eine Art Hobby geworden.

Sie legen sich regelmässig mit den Grossen der Internetwelt an. Was treibt Sie als Netzaktivisten an?
Ich liebe das Internet und die scheinbar unbegrenzte Freiheit, die es uns bietet. Es passieren zu viele Dinge, die nicht im Sinne des Users sind, über die man immer wieder hinwegsieht, weil man glaubt, das muss so sein und man könnte nichts ändern. Solche Situationen inspirieren mich. Grundsätzlich auch der Gedanke: «Was passiert als Nächstes? Können wir das beeinflussen?»

Wurden Sie eigentlich schon eingeklagt?
Nein. Meine Aktionen bewegen sich in einem künstlerischen Rahmen und dienen im Idealfall der Aufklärung. Zum Beispiel habe ich 2006, zusammen mit Freunden, einen grossen Datensatz aus Studivz kopiert. Ziel war es mit einer Intervention auf einen bewussteren Umgang mit privaten Daten im öffentlichen Raum aufmerksam zu machen. Das Programm «Lovebot» schickte Dating-Tipps an Studenten, die sich als Single markiert hatten. Andere hingegen versuchten, die Firma mit einer Veröffentlichung solcher Benutzerdaten finanziell zu erpressen. Das sind zwei Welten.

Eines Ihrer grossen Themen ist die Wahrung der Privatsphäre. Ist sie im Netz tatsächlich bedroht?
Es geht mir um die digitale Selbstbestimmung, um fairere Machtverhältnisse. Der User sollte wissen, was mit seinen Daten passiert, und sollte darüber die volle Kontrolle behalten. Leider liegt bei sehr vielen Diensten, zum Beispiel Facebook oder Spotify (Musik-Streaming), genau darin das Funktionsprinzip: Der User soll so viele Daten wie möglich generieren und diese möglichst öffentlich teilen. Dies geschieht am einfachsten, wenn der User gar nicht erst gefragt wird. Dadurch zieht die Plattform mehr Menschen in ihren Bann und wird wertvoll für Marketingabteilungen. Beim Beispiel Spotify zu fragen, «möchten Sie jedes Lied, das Sie sich anhören, quasi öffentlich dokumentieren?», wäre fairer, als den User erstmal dazu zu zwingen.

Im Projekt Facebook-ID thematisieren Sie im Prinzip, wie Facebook die Identität der Menschen kontrolliert. Fürchten Sie in Zukunft wirklich eine solche Dominanz des Networks?
Auf gewisse Art ist dies heute schon der Fall, zumindest im digitalen Raum kontrolliert Facebook immer öfter unsere Ausweise. Keine Facebook-ID, kein Zugang. Bisher scheint dies nur wenige zu stören, vielleicht weil die Allgemeinheit immer noch glaubt, Internet und Real Life wären etwas anderes.

Sollte es nicht Pflicht sein, die eigene Identität im Netz komplett offenzulegen? Das Problem der anonymen Schimpftiraden wären wir dann los. Das Web wäre friedlicher.
Das wäre in etwa so, als müsste sich ein jeder, sobald er auf die Strasse geht, ein Schild umhängen, auf dem seine Daten stehen, für den Fall, dass jemand etwas Gesetzeswidriges tut. Oder wie wäre es mit einer Armbinde? Natürlich nur für den Beziehungsstatus. Anonymität ist Freiheit und unser grundgegebenes Recht. Das Verheerende ist doch, dass wenn man jede Aktivität und jede Aussage mit seiner Identität unterschreibt, man sich bewusst sein muss, dass dies im digitalen Zeitalter für immer mit einem verbunden bleibt. Deshalb tritt eine Selbstzensur ein. Alles ist toll und super. Bloss nichts Falsches sagen oder tun.

Sind Sie der Ansicht, dass die Anonymität im Netz demokratische Prozesse fördert?
Ja. Man sollte sich frei bewegen dürfen und es muss möglich sein, anonym seine Meinung zum Ausdruck zu bringen. Aus gutem Grund gibt es keine Liste im Internet, auf der steht, welcher Bürger wann welche Partei gewählt hat.

Ist die Privatsphäre nicht schon durch den Datenschutz genug abgesichert?
Während in Deutschland das Recht auf Privatsphäre einen hohen Stellenwert hat, ist es in den USA längst nicht so. Amerikanische Firmen sind unseren Datenschützern immer zwei Schritte voraus und schwer zu belangen. Unsere Gesetze sind so fast nutzlos.

Stichwort Freundschaften: Inwiefern haben sich diese durch Social Networks verändert?
Es scheint, als könnte man plötzlich viel mehr «Freunde» managen. Natürlich ist es schön, wenn man bei Facebook Updates von Freunden aus der ganzen Welt lesen kann. In Wirklichkeit muss man aber aufpassen, dass Freundschaften bei dieser indirekten Kommunikation nicht verkümmern.

Wie hoch ist die Wirkmacht Ihrer Gruppe von Webguerillas?
Interessanter Begriff. Grundsätzlich würde ich sagen, nicht höher als von jedem Einzelnen im Internet. Es gibt aber schon gewisse Erfahrungen, die dabei helfen, eine Idee «viral» zu machen und somit eine grosse Wirkung zu erzielen. Mit viral meine ich, dass etwas so interessant und leicht mitteilbar ist, dass es sich wie von alleine verbreitet. Das kann dann auch bei CNN, in der «New York Times» oder bei jedem andern grossen Medium landen. Alles ist möglich.

Auf was sind Sie besonders stolz, mit Kunst erreicht zu haben?
Ich freue mich sehr, wenn es ein Projekt schafft, gesellschaftliche Diskurse anzustossen oder zu unterstützen. Das hat schon des Öftern funktioniert und darauf bin ich stolz.

Sie haben schon Kampagnen gegen Google, Amazon und Facebook lanciert. Wann kommt Apple an die Reihe?
Ich weiss es nicht. Apple versteht keinen Spass. Ein grosser Unterschied liegt aber doch in den Geschäftsmodellen im Vergleich zu Google und Facebook. Wenn man diese runterbricht: Apple verdient (bisher) Geld mit Geräten. Google, Facebook & Co. verdienen Geld mit unseren Daten.

Wie geht es mit dem Internet weiter? Von welchen Szenarien gehen Sie aus?
Grundsätzlich verschiebt sich der Internet-Konsum auf mobile Geräte. Ein negatives Szenario wäre, dass in wenigen Jahren alle Mainstream-Web-Inhalte nur noch über die App-Marktplätze von Apple oder Google zu erreichen sind. Diese werden natürlich reguliert und kontrolliert im Sinne des Betreibers. Ich denke aber, dass das offene Web und offene Technologien sich behaupten werden. Beim Thema Datenschutz ist nicht mehr viel zu drehen. Man kann den Fortschritt nicht aufhalten, wir alle müssen lernen, mit unseren Daten bewusst und wertschätzend umzugehen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.10.2012, 07:54 Uhr

Tobias Leingruber. Bild: zvg

Zur Person

Tobias Leingruber (27) ist Künstler und Kommunikationsdesigner. In seiner Arbeit erforscht er die Auswirkungen der Kommunikationstechnologien auf die Gesellschaft. Seit 2007 gehört er zum Free Art and Technology Lab. Dieses internationale Webguerillanetz besteht aus zwanzig Leuten, die an der Entwicklung kreativer Software und Medien arbeiten.

Facebook ID

Der nächste Zweikampf zwischen Facebook und den Usern geht um nichts Geringeres als um den Besitz Ihrer Identität. Das Projekt Facebook ID zeigt auf spielerische, aber auch sehr deutliche Weise, wie Facebook als das dominante Identitätsmanagement heutzutage funktioniert.

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