Mark, gib uns einen «Care»-Button!

Wir liken auf Facebook, was das Zeug hält. Aber mal ehrlich: Selbst Primaten können sich vielseitiger ausdrücken. Zeit für neue Buttons. Ein Gedankenspiel und Vorschläge.

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«Wir liken nicht nur Dinge. Wir tun mehr als das!»: Der Ausruf zahlreicher Gruppen auf Facebook stimmt. Erhört wird er deshalb noch lange nicht. «Alles, was sie von uns wollen, ist, Dinge zu liken. Ich will disliken!», heisst es darum seit Jahren kläglich von Millionen von Facebook-Usern. Ich stolpere immer wieder darüber. Auch in wissenschaftlichen Kreisen ist man oft erbost über die Sturheit Facebooks, keine weiteren Buttons einzuführen. Felix Stalder etwa, Professor für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung von der Zürcher Hochschule der Künste, warnte kürzlich vor der «Vorformatierung» der Internetkommunikation. Facebook lenke sie in für sich selbst nützliche Formen und verzichte auf einen «Dislike»-Button wegen der Gefahr negativer Äusserungen. Nur: Ein Geheimnis ist das nicht. Facebook sagt es schlicht selbst: «Positive Meldungen passen besser zu uns als negative.» Das Netzwerk bangt um seine Wohlfühlstimmung – und damit um sich. Denn der User loggt sich ein, postet, bleibt, einzig, um sich gut zu fühlen. Denkt Facebook. Miesepetern und Frustbeulen soll zumindest keine Bühne geboten werden.

Grooming Talk: Wir sind wie die Affen

Doch Fakt ist: Selbst Affen verfügen über ein grösseres Repertoire zur Sozialpflege als der virtuelle Mensch. Denn Schimpansen, Gorillas und Berberäffchen sitzen gern beisammen, kraulen sich, durchkämmen ihr Fell auf der Suche nach salzigen Hautschüppchen und stecken sich hin und wieder sogar eine Laus in den Mund. «Grooming» sagt man im Englischen, gemeint ist die Fellpflege. Aber: Da sind sie eigentlich wie wir. Zumindest, wenn man unser Sozialverhalten vergleicht. Denn da das Lausen ihrer Kumpanen meist völlig überflüssig ist – Affen werden kaum häufiger als der Mensch von Parasiten befallen –, geht es dabei vor allem um eins: Nettigkeiten auszutauschen, die Gruppe zusammenzuschweissen und soziale Kontakte dauerhaft an sich zu binden. Natürlich sitzt der Mensch schon lange nicht mehr in kleinen Grüppchen beisammen und krault sich. Denn auch wenn die Vorstellung für manchen nicht unangenehm wäre – die Evolution hat sich für einen anderen, ökonomischeren Weg entschieden: den Grooming Talk, die netten Putzgespräche. Das war nötig, denn: Schon immer wollte der Mensch hoch hinaus, besiedelte die ganze Welt, zog Städte und Grossstädte hoch und reiste zwischen ihnen umher. Da hätte man nichts weiter tun können, als sich zu streicheln, den ganzen Tag, oder zum Streicheln zu fliegen. Wo der Mensch also mit dem Putzen nur einen Partner erfreuen könnte, findet das nette Wort gleich mehrere Abnehmer. Darum erfand sich – grob gesagt – die Sprache und insbesondere der Small Talk. Meist sinnentleert, wie das Lausen ohne Läuse, und doch nicht ohne Sinn: Es schweisst zusammen.

Liken statt lausen

Dann kam das Internet und brachte viele neue Freunde mit. 130 stehen im Schnitt auf einer Facebook-Liste. Ihnen allen regelmässig Mails zu schicken, schmeichelnde Kommentare auf ihren Pinnwänden zu platzieren – das kostete Zeit und Nerven. Etwas Besseres musste her: das Liken! Was das Lausen bei den Affen ist, übernimmt bei uns heute der Klick auf den Button. Im Schnitt hat jeder User schon 80 Likes auf Facebook verteilt. Bei vielen werden sie inzwischen inflationär eingesetzt: Likes landen unter den Kinderbildern früherer Kollegen von Kollegen, gehen an die Firma von nebenan, verirren sich unter Artikeln über Erdbebenopfer und gefasste Kinderschänder. Und genau da liegt ein Problem: Daumen hoch, Daumen hoch. Nichts anderes erlaubt Facebook, um Bedauern, Entsetzen, Interesse, Vorliebe und Mitgefühl auszudrücken. Nichts liegt da zwischen einem aufwendigen Kommentar und dem inzwischen längst steif gewordenen Daumen. Die «Gefällt mir»-Angaben zeigen längst nicht mehr bloss an, was einem gefällt. Das kann für Verwirrung sorgen.

Sind die Buttons eine Gefahr für den Weltfrieden?

Laut dem Evolutionsbiologen Robin Dunbar wächst die Grösse von sozialen Gruppen proportional zur Grösse des Neokortex, das ist die Hirnregion, die soziale Situationen bewertet. Grob vereinfacht könnte man auch sagen: Je grösser die soziale Intelligenz des Einzelnen ist, desto grösser ist auch die soziale Gruppe. Trotzdem: Man könnte zu dem Schluss kommen, dass bei Bevölkerungsgruppen, die sich über den gesamten Globus ziehen, genug Hirnmasse vorhanden sein sollte, um verschiedene Buttons behutsam und richtig einzusetzen. Auf den ersten Blick, ja. Doch sind wir wirklich bereit für den nächsten Schritt in der virtuellen Evolutionsgeschichte? Oder ist der Schritt grösser, als man zu Beginn vielleicht meinen könnte?

Ich war nun wirklich kurz davor, in die Entrüstungsstürme mit einzustimmen und einer «Dislike»-Gruppe beizutreten – es erschien mir als logischer nächster Schritt. Bis ich ehrlich zu mir selbst war. Denn, Hand aufs Herz, würde ich wirklich noch Persönliches posten, wenn ich die harte Keule mehrerer «Throw tomato»-Buttons zu befürchten hätte? Könnten Firmen mit «Dislike»-Storms umgehen? Wären freche «Take a bible»-Buttons – am falschen Ort platziert – heutzutage eine echte Gefahr für den Weltfrieden? Oder schlimmer: Würde die Plattform plötzlich wegen mangelnder Betätigung, Streit, schlechter Laune und nicht zuletzt fehlender Werbegelder eingehen? Das Risiko ist zu gross. Denn Grooming Talk, das liegt in seiner Natur, bleibt per se positiv. Ein Lob geht immer, Kritik aber will erklärt und vorsichtig angebracht sein. Die Lösung: begrenzte Liebe, kein Hass.

Vorschläge für eine neue Button-Kultur auf Facebook

Es muss darum aber noch lange nicht alles beim Alten bleiben. Denn warum denkt man nicht in die andere Richtung der Bewertungsskala? Ich muss es zugeben, ich like alles. 445 «Gefällt mir» habe ich bis heute vergeben. Täglich werden es mehr! Diese Freizügigkeit ist mir aber nicht peinlich – auch, weil die Buttons einen so geringen Stellenwert haben. Denn, dass Likes so häufig eingesetzt werden, ist (meist) zwar gut für die Beziehungspflege, senkt aber ihren Einzelwert gewaltig. Daher wäre eine Steigerung des «Like»-Buttons doch sinnvoll – allerdings mit einigen Beschränkungen. Bloss zehn «Love»-Buttons für erfahrene User? Diese Liebe wäre von unschätzbarem Wert. Auch ein «Care»-Button würde die Kommunikation auf Facebook perfekt ergänzen: weniger Likes, mehr Cares unter der Todesanzeige eines Nationalrats? Oder unter den Artikeln über eine Naturkatastrophe? Das wäre es wert. Und wie wichtig würde Facebook für Firmen mit einem «Want»-Button? Die Klick-zu-Klick-Propaganda zahlte sich ganz sicher aus. Vorstellbar auch ein Button mit dem Namen «More Info», mit dem man gezielt und einfach Wissen einholen und so in einen Dialog mit Firmen, Journalisten und Freunden treten könnte.

Bleibt bloss die Frage, ob sich die User mit diesen «putzfreundlichen» Varianten zufrieden geben würden – aber das System schützt sich bekanntlich selbst: Tomaten werden auf Facebook so schnell nicht geworfen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2012, 11:24 Uhr

Zur Person

Roman Hirsbrunner (39) ist Gründer und CEO der Schweizer Werbeagentur Maxomedia, die sich seit 16 Jahren mit allen Formen der Kommunikation beschäftigt. Am 9. Juni 2008 trat er Facebook bei und hat sich seither zum fleissigsten Liker in der Agentur entwickelt. Er hat kein Interesse daran, gedisliked zu werden.

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