Facebook-Süchtige handeln ähnlich wie Drogenabhängige

Eine neue Studie fand einen Zusammenhang zwischen exzessiver Facebook-Nutzung und der Unfähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen.

Spielkarten reflektieren sich in einem Auge. (Symbolbild)

Spielkarten reflektieren sich in einem Auge. (Symbolbild) Bild: Gaetan Bally/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer übermässig viel Zeit auf Facebook verbringt, zeigt ähnliche Symptome wie Drogenabhängige oder Spielsüchtige – das ist (vereinfacht gesagt) das Ergebnis einer Studie, die das Journal of Behavioral Addictions veröffentlicht hat. Dar Meshi, Andrew Bender und Antonio Verdejo-Garcia von der Hochschule in East Lansing, Michigan, sowie Anastassia Elizarova von der McGill University in Montreal, Kanada, untersuchten dazu 71 Probanden einer nicht näher genannten «grossen deutschen Universität» im Alter von 18 bis 35.

Zunächst schätzten die an der Studie Teilnehmenden ihre Facebook-Nutzung ein. Dann wurde ihnen ein Test vorgelegt, bei dem sie Entscheidungen treffen mussten, gestützt von einigen Zusatzinformationen. Die Studie ergab, dass besonders in den letzten 20 der 100 Test-Durchgängen diejenigen Teilnehmenden schlechter abschnitten, die sich als exzessive Facebook-Nutzer eingestuft hatten. Sie wiesen dabei ein Verhalten auf, dass Drogenabhängigen ähnelt.

Die Einstufung der eigenen Facebook-Nutzung erfolgte nach der Facebook Addiction Scale (BFAS, zu Deutsch etwa «Bergen-Facebook-Abhängigkeits-Skala»), bei der sechs Fragen zum Verhältnis zur Social-Media-Plattform beantwortet werden müssen. Zu jeder Frage gibt es fünf Antwortmöglichkeiten von «sehr selten» bis «sehr oft». Für jede Antwort gibt es einen bis sechs Punkte, je höher die Gesamtpunktzahl, desto eher ist der Proband «Facebook-abhängig».

Drogenabhängige treffen ähnlich schlechte Entscheidungen

Um die Entscheidungsfähigkeit der Studienteilnehmer einzuschätzen, wählten die Wissenschaftler die Iowa Gambling Task (IGT, zu Deutsch etwa «Iowa-Glücksspiel-Aufgabe»), bei der die Teilnehmenden vier Kartenstapel vorgesetzt bekommen. Aus diesen müssen sie Karten wählen, das Ziel ist es, einen (fiktiven) Gewinn zu maximieren. Zwei der Kartenstapel bieten hohe Gewinne, aber auch hohe Verluste, wer auf sie setzt, verliert langfristig. Bei den beiden anderen Stapeln sind Gewinne und Verluste nur halb so hoch, dafür gewinnt man mit ihnen langfristig. Den Probanden wird dabei nicht gesagt, welche Stapel zu bevorzugen sind. Dennoch zeigt sich bei 100 Test-Durchläufen eine Lernkurve.

Die Forscher fanden in den ersten vier Blöcken – die 100 Wiederholungen wurden in fünf Abschnitte a 20 Durchgänge eingeteilt – keinerlei Unterschiede, stellten aber im letzten Block besagte Differenz fest. Daraus schliessen sie, dass exzessive Facebook-Nutzer schlechter darin sind, risikobehaftete Entscheidungen zu treffen. Der IGT-Versuch habe mit Individuen, die eine Abhängigkeit von Opioiden, Kokain, Methamphetamin, Cannabis, Alkohol oder Nikotin aufweisen, ähnliche Resultate gezeitigt. Das Gleiche trifft auch auf Menschen mit einer Spielsucht zu.

Der Versuchsaufbau der Wissenschaftler ist in diesem Fall sicher nicht ideal, wie sie selbst anmerken. Das Sample ist mit 71 Teilnehmenden relativ klein und vermutlich sehr homogen (sie wurden per Flyer in Deutschland, vermutlich im Umfeld der teilnehmenden Universität gesucht). Die Macher der Studie verliessen sich auf die Selbsteinschätzung mittels des BFAS, anstatt die Probanden bei ihrer tatsächlichen Social-Media-Nutzung zu beobachten. Darüber hinaus beschränkt sich die Studie auf ein soziales Netzwerk – dabei könnte jemand, der laut dem BFAS keine exzessive Facebook-Nutzung aufweist, andere Netzwerke wie Instagram oder Twitter durchaus problematisch intensiv nutzen.

Sind exzessive Facebook-Nutzer damit also gleichzusetzen mit Drogenabhängigen? Das wohl nicht, aber die Studie wirft ein neues Licht auf die oft scherzhaft bemühte Abhängigkeit von Social Media. Sie könnte den Weg bereiten für weiterführende Studien, die das Verständnis von einer zwanghaften, unkontrollierten Social-Media-Nutzung vertiefen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2019, 19:00 Uhr

Artikel zum Thema

Wer am häufigsten Fake News im Netz teilt

Bei Nutzern, die Falschnachrichten auf Facebook verbreiten, gibt es klare Unterschiede beim Alter und politischen Spektrum. Mehr...

Facebook, Google und Co. zerschlagen?

Hassbotschaften, Datenskandal, Steuervermeidung. Die US-Techgiganten haben ein schwarzes Jahr hinter sich. Jetzt steigt der Druck. Mehr...

Social Media wird 2019 entschlackt

Das Vertrauen in Facebook & Co. ist nachhaltig erschüttert. Künftig dürften Gruppenchats wichtiger und der soziale Druck somit kleiner werden. Mehr...

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Kommentare

Blogs

Tingler Alles auf Zeit
History Reloaded Der Zwingli des Islam

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Wiederspiegelt die Gesellschaft: Ein Fahrradfahrer fährt im Lodhi Art District von Neu Dehli an einem Wandbild vorbei. (24. März 2019)
(Bild: Sajjad HUSSAIN) Mehr...