Wie heisst man emanzipiert?

Die Antwort auf die Leserfrage, ob moderne Frauen noch den Namen ihres Ehemannes annehmen dürfen.

Neue Freiheiten dürfen nicht mit der Forderung verknüpft werden, diese auch zu nutzen: Eheringe auf einem Standesamt. Foto: Daniel Roland (Keystone)

Neue Freiheiten dürfen nicht mit der Forderung verknüpft werden, diese auch zu nutzen: Eheringe auf einem Standesamt. Foto: Daniel Roland (Keystone)

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Bin ich unemanzipiert und ein schlechtes Rollenvorbild für meinen Sohn, wenn ich nach der Heirat den Namen meines Mannes annehme? Oder anders gesagt, den väterlicherseits vorgegebenen Namen aus bestimmten Gründen ablege? In Kreisen mit Bewusstsein für feministische Themen (zu denen ich mich ebenfalls zähle) ernte ich dafür sicherlich keinen Applaus, sondern je nachdem harsche Kritik. Wäre es aber nicht gerade eben als emanzipiert (sprich eigenständig) zu werten, dass frau sich jetzt frei entscheiden darf und ihr von keiner Seite her mehr ein Maulkorb verpasst wird?»
B. K.

Liebe Frau K.
Ich halte es für problematisch, wenn man gesellschaftliche Fortschritte (und dazu zähle ich die Freiheit bei der Wahl des Familiennamens) mit der individuellen Forderung verknüpft, die neuen Rechte nun gefälligst in Anspruch zu nehmen. Freiheiten, die erkämpft werden, sollen neue Möglichkeiten schaffen und nicht informelle Zwänge. Was das «schlechte Rollenvorbild» angeht: Für wen oder was und wie man Vorbild wird, kann man sich nicht aussuchen. Das entscheiden immer noch die anderen, die etwas Vorbildliches an einem finden (oder denen man eventuell auch nur als abschreckendes Beispiel dient). Vielleicht fühlt sich Ihr Sohn ja ermutigt, seinerseits später einmal den Namen seiner Partnerin oder seines Partners anzunehmen. (Oder es ist ihm wurscht.)

Leute, die sich als Vorbilder verstehen und aufführen, sind Nervensägen. Oder Influencer. Denen kann man immerhin zugutehalten, dass sie meist noch jung sind und das Geld brauchen. Machen Sie es also, wie Sie lustig sind. Aber fallen Sie nicht auf diejenigen hinein, die Ihnen weismachen wollen, der Feminismus schaffe nur neue Zwänge. Tiefschürfende Fragen wie «Darf man Feministin sein und trotzdem Stöckelschuhe tragen?» verfolgen meist eine verborgene Agenda, wie man auf Angelsächsisch sagen würde: nämlich Ihnen den Feminismus (trist und grau) zugunsten der Stöckelschuhe (rote Sohle!) madig machen zu wollen. Und Ihnen einzureden, ein wildes, freies, buntes Leben gäbe es nur im Bündnis mit den Jungs, die nun mal auf so was stehen.

Es ist derselbe Bullshit wie die Behauptung, nach #MeToo dürfe man keiner Frau mehr Komplimente machen. Ein Mann darf einer Frau sogar weiterhin ungefragt an den Arsch fassen, wenn die erotische Stimmung zwischen den beiden danach ist. Aber kein Mann darf das, bloss weil er der Regisseur ist und die Frau sich für eine Rolle vorstellt und der Kerl sich für unwiderstehlich hält. (Man nennt das Kontextabhängigkeit.) Das war schon vor #MeToo so, aber es musste offenbar mal wieder laut gesagt werden. Die Rede von den feministischen Maulkörben wird gerne geschwungen (zuletzt in einer Titelgeschichte der «Zeit» von Jens Jesse in einer Klage über den «totalitären Feminismus») und mit immer neuen Anekdoten belegt. Aber wenn man solchen antifeministischen Furor als schlicht bekloppt kritisiert, folgt man damit nicht feministischen Denkverboten, sondern nur seinem halbwegs intakten Menschenverstand.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2018, 08:13 Uhr

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