Hintergrund

Der steinige Weg nach Zürich

Auf dem Sechseläutenplatz am Bellevue wird zurzeit Valser Quarzit verlegt: 110'000 Klötze, die 4200 Tonnen wiegen. Zuerst wird das Gestein gesprengt, geschnitten – und mit Edelschrott beschossen.

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Feuer, Knall und Rauch sind ein passender Einstieg in eine Geschichte, in der es um jenen Stein geht, der künftig dem Böögg zu Füssen liegt. Drei – zwei – eins – eine Stichflamme schiesst in den Himmel, dann erreicht uns der Knall, der sich sofort an den steilen Berghängen des Valsertals zerschlägt. Steinbrocken fliegen durch die Luft, Rauch steigt auf und zieht langsam in die Schlucht, die der Valser Rhein in den Berg gefressen hat. Ein Fels, gross wie ein Lastwagen, ist halbiert. Der Sprengstoff hat einen handbreiten Spalt hinterlassen. Das ist der erste Schritt zu den Steinquadern, welche die Sechseläutenwiese zum Sechseläutenplatz machen werden.

Der Stein: Valser Quarzit, Urgestein, 250 Millionen Jahre alt, vor 50 Millionen Jahren bei der Alpenfaltung umgestaltet. Orthogneis. Hauptbestandteile: Quarz, Kalifeldspat, Hellglimmer. Sehr hart, sehr hohe Frostbeständigkeit.

Ein Regentropfen fällt auf den Stein. Seine Farben leuchten auf: grünlich bis fast türkis, grau schimmernd, mit glitzernden Sprengseln. Die Struktur: Flammen, Wirbel, Wellen. Die Natur ist auch ein Jackson Pollock.

13 Ämter für eine Genehmigung

Pius Truffer sitzt im Restaurant Glenner und isst Capuns. Ein Wechselblüter: mal temperamentvoll, mal nachdenklich, ganz spontan und sehr überlegt. Er entspricht nicht dem Klischee des Berglers, ist weltoffen und kulturbegeistert. Der 57-Jährige führt zusammen mit seiner Frau Pia den Steinbruch, den sein Vater einst in Betrieb nahm. Früher, so erzählt er, gab es in Vals etwa ein Dutzend Steinbrüche – vor allem für den Hausgebrauch. Heute sind Truffers die Einzigen im Tal, die den Stein abbauen. 13 Ämter mussten für die letzte Abbaugenehmigung ihre Zustimmung geben.

Zudem führte der Betriebsökonom Truffer als Verwaltungsratspräsident 10 Jahre lang das Thermehotel mit Bad und war beim Seilziehen um das Hotel zwischen dem Thermearchitekten Peter Zumthor und dem steinreichen einheimischen Immobilienunternehmer Remo Stoffel mittendrin. Manchmal auf Stoffels Seite, manchmal zwischen den Fronten. Derzeit sitzt er wieder im Verwaltungsrat des Hotels. Zudem haben Pia und Pius Truffer fünf Kinder, 7 bis 27 Jahre alt. Wie geht all das nebeneinander? «Ohne meine Frau wäre das Unternehmen nicht, wo es jetzt ist.» Und: «Wer seine Arbeit richtig gern tut, kann Berge versetzen.» Passt.

Mit Bagger und Gabelstapler ist der gesprengte Steinblock die 200 Meter aus dem Steinbruch in die Fabrikhalle versetzt worden. Ein riesiges Fräsblatt beginnt zu drehen, es summt, wenn es in der Luft dreht, schreit auf, wenn es in den Stein getrieben wird. Die Sägezähne sind mit Industriediamanten bestückt. Kühlwasser spritzt und fliesst in Wasserfällen über die Steinkanten auf den Boden. Der Lärm ist ohrenbetäubend.

Vier verschieden grosse Sägen sind, vollautomatisch gesteuert, gleichzeitig in Betrieb. Krane sausen hin und her, saugen mittels Vakuum schwere Platten an, heben sie mühelos hoch, schwenken sie zur nächsten Maschine. Geisterhaft. Nur die mit Kreide auf grüne Schiefertafeln geschriebenen Anweisungen erinnern daran, dass hier Menschen das Sagen haben. Die Sechseläutenklötze nehmen Form an. Länge: 50 bis 130 Zentimeter, Breite: 10 und 13 Zentimeter, Stärke: 10 Zentimeter.

Das Steinwerk der Truffers ist eines der modernsten Europas. Und mit seinen 61 Mitarbeitenden eines der grösseren. «Wachsen wollen wir nicht mehr», sagt Pius Truffer. Der Stein gehe zwar nicht so bald aus. Trotzdem will er ihn mit Bedacht abbauen, nicht ausbeuten. Die Wand, aus welcher der Stein geschlagen wird, ist 500 Meter lang und 30 Meter hoch. Truffer erinnert sich, wie er als Dreikäsehoch im Steinbruch herumkletterte. Damals endete die Felswand noch dreissig Meter näher beim Bach.

Dem Berg Geheimnisse lassen

Als er vor kurzem von der Gemeinde eine weitere Abbaukonzession erstehen konnte, tat er das ohne zuvor das Innenleben des Felsens mit Sondierbohrungen auszukundschaften. Er könne sich recht gut vorstellen, wie die Schichten verlaufen, mehr wolle er gar nicht wissen. «Es ist schön, wenn der Berg noch Geheimnisse hat und für Überraschungen sorgen kann.»

Truffer nimmt der Natur etwas weg und fühlt sich dadurch verpflichtet. So kommt es vor, dass er einen Auftrag abschlägt, weil das Verständnis für den Stein fehlt. Auch Stararchitekten wie Norman Foster werden eingeladen, persönlich nach Vals zu kommen und den Berg kennenzulernen, bevor sie ihre Bestellung aufgeben. Wenn der Kunde den Stein versteht, ist er König. Als eine Schiffladung für den Flughafen der Qantas in Sidney nicht vollständig ankam, schickte Truffer acht Tonnen Steinplatten per Flugfracht nach – für ein Porto von mehr als 40 000 Franken. Der Gewinn war damit weg.

Gut die Hälfte des Umsatzes macht die Firma im Ausland. Australien, Japan, China, Naher Osten, USA. Die grosse Nachfrage regulieren Truffers nicht mit Preisaufschlägen, sondern mit längeren Lieferfristen. Truffer stellt sich auf den Standpunkt: «Wer unseren Stein wirklich will, wartet auch darauf.»

Feenstaub und Edelschrott

«Züri» steht in rosa Leuchtfarbe auf einem Steinblock. Die halb fertigen Quader gleiten auf roten Rollen durch einen Parcours, auf dem sie gesägt, aufgeraut, geduscht und begutachtet werden. Eine Frau wischt mit einer Bürste über die Oberfläche. Das Pulver, das sie wegwischt, glitzert wie Feenstaub. Die Sechseläutenklötzchen sind zuvor mit winzigen Chromstahlkügelchen bespickt worden – in Fachdeutsch: Edelschrott. Damit sie bei Regen nicht rutschig werden. Eine Versiegelung braucht die Oberfläche nicht. Der Stein wurde im Zürcher Werkhof mit Asche, Cola, Öl, selbst mit Elefantendung getestet.

Nun gleiten die Quader an einem Mann vorbei, der mit gelber Kreide die Länge markiert und Fehler anzeichnet. Untaugliche Blöcke leitet er auf ein Laufband, das im Steinbrecher endet. Die guten werden in den nächsten Stationen zurechtgesägt und schliesslich von einem Roboter auf Palette gestapelt. Ein Mann vermisst Stichproben mit der Schieblehre auf den Millimeter genau, wischt nochmals prüfend über die Flächen und signiert schliesslich den Ausgang. 30 Tonnen Stein pro Tag, etwa 750 Quader, sind bereit für Zürich.

300 Lastwagen rattern in diesen Monaten mit Valser Steinen für Zürich die kurvige, enge Strasse hinunter nach Ilanz, von wo es per Bahn über Landquart in den Rangierbahnhof Limmattal geht. Vom Volumen her ist dies der grösste Auftrag der Firmengeschichte. 4200 Tonnen Valser Quarzit, 110 000 Steinquader. Das Zürcher Stimmvolk hat für den Sechseläutenplatz 17 Millionen Franken gesprochen. Ein Fünftel davon geht nach Vals. Doch spricht Truffer nicht nur vom Geld, wenn er sagt: «Für Zürich zu arbeiten, ist ein Meilenstein für unsere Firma.»

In Zürich gebaut zu haben, sei international eine gute Referenz. Wenn er künftig Kunden seinen Stein von der besten Seite zeigen wolle, werde er mit ihnen nicht nur auf den Bundesplatz in Bern, sondern auch ans Bellevue fahren. «Es ist uns eine Ehre und eine grosse Freude, unseren Stein nach Zürich zu liefern.» Schmeichelt er? Auf dem Auto des Firmenchefs steht geschrieben: «Macht dem Böögg Platz!»

Steinreiches Zürich

Drei Lastwagen fahren an der Riesenbaustelle am Bellevue vor. Sie bringen ein Stück Berg aus Vals nach Zürich. Vor dem Opernhaus sind Bauarbeiter daran, die Steinbahnen zu legen. Ihre orangegelben Arbeitskleider leuchten vor dem hellgrauen Stein auf. Die zehn Zentimeter dicken Steinquader werden auf der Rückseite mit einem Klebstoff bestrichen, schnurgrade auf das mit Rundkornbeton gelegte Fundament gedrückt, mit einem Plastikhammer angeklopft. Alles Handarbeit. Abgewinkelte Abstandhalter sorgen dafür, dass die Fugen überall exakt gleich breit sind.

Auf einem Plan ist die Abfolge der Steinbreiten genau festgelegt, die Quader werden von unterschiedlichen Stapeln genommen, damit die Struktur lebendig wechselt. Die Bauarbeiter giessen Zement über die verlegten Steine, der in die Fugen fliesst. Für einen Moment wird das Steinparkett zur Betonwüste. Dann reinigt es ein Arbeiter mit einem Spezialsauger und zeichnet eine nasse Bahn auf den sonnenbeschienenen Platz. Der feuchte Stein wird grünlich, fast türkis, mit weiss schimmernden Adern, Wirbeln und Wellenlinien. Der Valser Quarzit steht Zürich gut. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2013, 07:14 Uhr

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