So nimmt die Religionslosigkeit zu

In Basel ist jeder Zweite konfessionslos, in Uri bloss jeder Zehnte: Neuste Zahlen zeigen, wie stark sich die Kantone unterscheiden.

An der reformierten Kirche in Hombrechtikon wird ein Ziffernblatt montiert. (15. Oktober 2018) Bild: Moritz Hager

An der reformierten Kirche in Hombrechtikon wird ein Ziffernblatt montiert. (15. Oktober 2018) Bild: Moritz Hager

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Noch in den 80er-Jahren waren über 90 Prozent der Bevölkerung entweder katholisch oder reformiert. Heutzutage gibt es sogar mehr Konfessionslose als Reformierte, wie die neusten Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen.

Immer mehr Menschen kehren den Landeskirchen den Rücken – mehr Männer als Frauen, die meisten sind zwischen 25 und 44 Jahre alt und gebildet. «Das sind die typischen Merkmale der Menschen, die aus der Kirche austreten», sagt Stefan Huber, Professor für Religionsforschung an der Universität Bern.

Den Hauptgrund für die dramatische Zunahme der Konfessionslosen – in den 90er-Jahren waren es noch 3,5 Prozent, heute ist es schweizweit jeder Vierte (26%) – sieht Huber in der sogenannten Säkularisierung der Gesellschaft: «Im Gegensatz zu früher ist es heute nicht mehr notwendig, einer Religion anzugehören, um ein guter Schweizer, eine gute Schweizerin zu sein.» Die Religion wird zur Privatangelegenheit.

In den Kantonen Basel-Stadt, Neuenburg und Genf haben besonders viele Menschen die Kirche verlassen, in Basel fast jeder Zweite. Zum einen ist das Stadt-Land-Verhältnis schuld: Basel-Stadt und Genf sind beides «Stadtkantone», und in den Städten findet die Entkirchlichung schneller statt als in ländlichen Gebieten.

Dazu kommt, dass die drei Kantone mit den meisten religiösen «Freigeistern» von ihrem Ursprung her reformiert sind. Das sei kein Zufall, so Huber: «Protestanten fällt es leichter, aus der Kirche auszutreten, als Katholiken.» Das sehe man auch in Osteuropa, wo die Protestanten generell stärker Mitglieder verloren haben, während die katholische Kirche ihre Mitglieder relativ gut halten konnte.

Das komme daher, dass nach katholischem Glauben die Kirche der notwendige Draht, also zwingende Mittlerin zu Gott ist, während bei den Reformierten die Kirche nicht nötig ist, um mit Gott in Kontakt zu treten. Deshalb falle diesen Kirchenmitgliedern der Austritt leichter; die reformierte Kirche sei darum die ganz grosse Verliererin.

Es gelingt dieser Landeskirche obendrein auch weniger gut, die Migranten zu integrieren, sie ist quasi eine Schweizer Erfindung: «Die reformierte Kirche ist viel stärker mit der Schweizerischen Kultur verwachsen als die katholische. Das war früher eine Stärke, doch heute wirkt das eher als Barriere für Migranten», sagt Huber. Jedes vierte Mitglied in der katholischen Kirche hierzulande ist nicht Schweizer, während bei den Zwingli-Nachfolgern lediglich jedes zwanzigste Mitglied einen ausländischen Pass hat.

Der immer noch exponentiell steigende Trend zur Konfessionslosigkeit werde auch in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren nicht abbrechen, schätzt Huber: «Aber das ist kein Naturgesetz.»

Denn wer aus der Kirche austritt, ist nicht automatisch Agnostiker oder Atheistin. Viele haben nach wie vor ein Bedürfnis nach Religion oder Spiritualität. Deshalb wird es zunehmend mehr Einrichtungen geben, die dieses Bedürfnis nach Spiritualität abdecken – einfach keine Kirchen.

Das zeigt sich schon seit einigen Jahren. Mit der Entkirchlichung wächst gleichzeitig die Vielfalt der religiösen Angebote. Während die Katholiken mit einem Bevölkerungsanteil von 35 Prozent immer noch stark sind, werden die Reformierten laut Schätzung des Wissenschaftlers von heute 23,8 Prozent auf weniger als 20 sinken.

Die Migration bedeutet Zulauf für Buddhismus, Hinduismus, das Judentum oder den immer stärker werdenden Islam. Auch die christlichen Freikirchen werden weiter wachsen, ewie etwa die ICF Church, die mit poppigen Auftritten erfolgreich ein junges Publikum abholt.

Unserer Gesellschaft stehen angesichts dieses Wandels unruhige Zeiten bevor. Bis vor 50 Jahren dominierten die beiden Landeskirchen seit Zwinglis Auftritt vor 500 Jahren friedlich nebeneinander und sorgten für religiöse Stabilität. Jetzt werden sie zunehmend von diversen Strömungen, Kirchen und Institutionen abgelöst: «Mit dem religiösen Frieden wird es damit vorbei sein», sagt Huber. Die Konkurrenz und die Konflikte zwischen den auf unterschiedlichen Konzepten basierenden Mitspielern wird zunehmen, weil alle gehört werden wollen.

Auch mit dem säkularen Staat wird es häufiger zu Auseinandersetzungen kommen. Beispiele wie jenes des muslimischen Buben in Therwil BL, der seiner Lehrerin zur Begrüssung aus religiösen Gründen die Hand nicht reichen wollte, wird es künftig mehr geben. Oder die Sache mit der Beschneidung, der Entfernung der Vorhaut bei Buben, über die Staat und Judentum immer wieder ins Streiten geraten. Huber: «Staat und Gesellschaft müssen sich auf jeden Fall überlegen, wie man eine Konfliktkultur und einen Ausgleich zwischen den religiösen Anbietern schafft.»

* Korrektur: In einer ersten Version dieses Artikels stand, es gebe erstmals mehr Konfessionslose als Reformierte. Tatsächlich überholten die Konfessionslosen die Reformierten bereits ganz knapp im Jahr 2016, wie die «SonntagsZeitung» berichtete.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 31.01.2019, 16:07 Uhr

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