Angst und Lust der Teenager

Der Horrorfilm «Sickhouse» wurde schon über 100 Millionen Mal angeklickt. Ein Aspekt des Films ist besonders interessant.

Jugendliche machen sich auf die Suche nach einem verwunschenen Haus: «Sickhouse».


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«Hallo Leute! Hier bin ich! Ich bin ein bisschen nervös, weil ich meine Cousine schon lange nicht mehr gesehen habe.» Eine junge Frau filmt sich dabei, wie sie an den Flughafen läuft, und erzählt den Zuschauern, weshalb sie sich mit ihrer Cousine treffe, die sie schon lange nicht mehr gesehen habe. Eigentlich nichts Spezielles, ein ganz normales Snapchat-Video halt. Von Handy-besessenen Teenagern werden täglich Millionen solcher Videos produziert. Ein Take dauert zehn Sekunden, wird auf die Plattform hochgeladen und nach 24 Stunden wieder gelöscht.

Bei dieser Aufnahme handelt es sich aber nicht nur um ein kurzes Video, sondern um die Anfangsszene vom Horrorfilm «Sickhouse». Dieser wurde zwar mitsamt Filmteam und Drehbuch gedreht, aber nur mithilfe der App Snapchat aufgenommen. Der Film kommt als Sammelsurium von einzelnen Handyvideos daher. Produziert wurde er vom Filmproduktionsstudio Indigenous Media. Das Filmstudio ist bekannt dafür, dass es immer wieder neue Filmformate wie beispielsweise Handyfilme produziert.

Das Team hat für seinen Thriller «Sickhouse» eine Form ausprobiert, die vor allem junge Zuschauer ansprechen soll. Der Youtube-Star Andrea Russett hat über 500'000 Follower auf Snapchat. Eigentlich gibt Russett dort Schminktipps. Nun hat sie ihre Fans aber mit den Horrorvideos von «Sickhouse» überrascht. Sie filmte gemeinsam mit drei anderen Protagonisten – Sean O'Donnell, Laine Neil und Lukas Gage sind ebenfalls Stars in den sozialen Medien – den gesamten Film auf dem Handy. Der Dreh dauerte fünf Tage. Genauso lange, wie Andrea Russett die Einzelteile des Filmes auf ihren Snapchat-Account hochgeladen hat. Kaum war eine Szene fertig gedreht, erschien sie auf dem Snapchat-Account von Russett. Ihre Follower wussten zunächst nicht, dass es sich bei den Videos um einen Film handelt. Sie tauschten sich in den sozialen Medien darüber aus und machten damit «Sickhouse» schnell populär.

Intimer Blick in das Leben von vier Teenagern

Gegenüber dem «Guardian» verriet Produzent Jake Avnet, dass der Snapchat-Account von Russett sicherlich effektiv gewesen sei, um dem Film hohe Popularität zu verschaffen. «Das Filmmaterial war für 24 Stunden live auf den Accounts ihrer Follower und verschwand dann. Das macht es für die Follower besonders wichtig, sich die Videos so schnell wie möglich anzuschauen, um nichts zu verpassen.»

Die Filmbranche versucht schon länger, mit Handyfilmen das Publikum zu begeistern. Schon vor «Sickhouse» gab es erfolgreiche Filme, die mit dem Handy aufgenommen wurden, beispielsweise die Komödie «Tangerine» oder den Dokumentarfilm «Dies ist kein Film» von Jafar Panahi. Nur waren sie im Gegensatz zu «Sickhouse» nicht in Echtzeit auf Snapchat verfügbar.

Für «Sickhouse» passt das Medium des Handyfilms perfekt. Denn ohne die Snapchat-Aufnahmen wäre der Film nichts weiter als irgendein Teenager-Thriller. Beim Anschauen der Videos erhält man einen voyeuristischen Blick, der einen in die Welt von vier Handy-besessenen Teenagern hineinzieht. Man steht mittendrin in den Dummheiten, die das Quartett anstellt, und möchte am liebsten sagen: «Hört auf mit dem Quatsch!»

Über 100 Millionen Klicks

Die Story des Films ist weitaus weniger speziell als dessen Machart. Die Geschichte von vier Jugendlichen, die sich auf die Suche nach einem Haus machen, in dem angeblich schreckliche Dinge passieren, um dann Opfer von Geisterspuk zu werden, ist nicht besonders mitreissend.

Trotzdem wurde die Videoserie, die man sich nun als richtigen Film über die Videoplattform Vimeo herunterladen kann, über 100 Millionen Mal angeschaut. Vor allem von jungen Leuten, die ebenfalls jeden Tag mit dem Handy in der Hand unterwegs sind und selber nur allzu gerne Videos von sich drehen.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.07.2016, 14:26 Uhr

Ständige Handyperspektive: Szene aus «Sickhouse».

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